Es begann schlagartig, mit kalten Schauern. Bald kamen Schweißausbrüche dazu, dann Angstzustände. Und schließlich: der Klick. Ich hatte bestellt. Tamiflu von Roche, Verfallsdatum Oktober 2009, 130 Dollar für zehn Kapseln, inklusive Versandkosten.

Ich habe einen gefährlichen Blödsinn angestellt. Es wird mir helfen, darüber zu schreiben. Im April 2009 ist die Amerikanische Grippe über mich gekommen. Nicht die Krankheit; die Angst davor. Seitdem man erstmals von dem neuen Grippevirus gehört hatte ging eine ansteckende Paranoia um, sie infizierte Zeitungen, Blogs, Taxigespräche – und schließlich mich.

Glasig starrte ich auf die Newsticker im Netz, wo hypothetische Krankenzahlen und denkbare Todesraten sich zu immer neuen
Rekorden addierten. Als im Mai die Weltgesundheitsorganisation (WHO) ihre Pandemiewarnstufe auf 5 erhöhte, steigerten sich meine hypochondrischen Befürchtungen zur Gewissheit: Wir würden alle sterben an dieser Grippe. Etwas musste geschehen. Ich brauchte Tamiflu. Sofort. Egal woher und wie teuer, Hauptsache ohne Rezept.

Fiebrig durchsuchte ich das Netz nach Angeboten. Unter Zehntausenden von Internetapotheken fiel meine Wahl auf einen kanadischen Online-Händler. Der Web-Auftritt machte einen seriösen Eindruck, ein flüchtiger Google-Check brachte unverdächtige Treffer. In meinem angeknacksten Zustand reichte mir das. Ich begann sofort mit dem Bestellvorgang.

Zunächst war ein Online-Fragebogen auszufüllen. Diese Gesundheitsauskunft, hieß es, werde "ein Arzt prüfen". Eine plumpe, natürlich ungültige Umgehung der Untersuchungs- und Verschreibungspflicht. Mir war es recht. Ich befüllte das Formular mit idealen Fantasiewerten. Blutdruck, Gewicht, Allergien, alles bestens. Abschicken.

Bestätigungsmails folgten umgehend. Meine Kreditkarte sei erfolgreich belastet worden, der Arzt müsse nun die Daten sichten. In Kürze werde man sich wieder melden. Dann wurde es still im Posteingang. Das verschaffte mir Zeit für einen klaren Gedanken. Wem hatte ich da Zugriff auf mein Konto gestattet? Verschickten die überhaupt Medikamente? Ich begann zu zweifeln – und nachzuforschen.