Unions-Wahlkampf Merkels gewagtes Experiment

Die Union belässt es bei einem Programm des Ungefähren und setzt im Bundestagswahlkampf ganz auf die Kanzlerin. Doch die läuft damit ein hohes Risiko

Man sollte meinen, dass Angela Merkel die Nase voll hat von Experimenten im Wahlkampf. Wer schon mal so knapp an der Niederlage vorbeigeschrammt ist, müsste eigentlich im zweiten Anlauf auf Nummer Sicher setzen. Nach landläufiger Lesart ist es genau das, was die CDU-Chefin tut. Aber die Sache ist verzwickter. Merkels zweite Bewerbung ist wieder ein Experiment. Und hinterher werden wir wissen, ob man einen Bundestagswahlkampf gewinnen kann, ohne ihn zu führen.

Ganz neu ist die Anordnung nicht. Christian Wulff hat ähnliches in Niedersachsen mit Erfolg absolviert, Ole von Beust in Hamburg. Aber so konsequent wie Merkel hat noch nicht mal ihr großkoalitionärer Vorgänger Kurt Georg Kiesinger („Auf den Kanzler kommt es an“) versucht, über den Dingen zu schweben, vor allen Dingen über der eigenen Partei.

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So konsequent hat auch noch keiner versucht, praktisch programmfrei um die Stimmen der Wähler zu bitten. Was das Regierungsprogramm 2005 vielleicht zu viel an Inhalt enthielt, bietet das Unionsprogramm jetzt zu wenig. Man verspricht ein bisschen Steuersenkung. Ansonsten heißt die Botschaft: Alles wird gut, und das meiste wird wie vorher, irgendwo, irgendwie, irgendwann.

Dieses Programm des Ungefähren hat natürlich den Vorteil, dass es nirgendwo aneckt. Keine wichtige Wählergruppe wird aufgescheucht, der politische Gegner findet nichts, worüber er sich erregen kann. Übrigens spielt die Krise Merkel dabei kräftig in die Hände. Sie kann buchstäblich bis in die letzten Tage ganz Bundeskanzlerin bleiben. Ihr wichtigster Wahlkampfauftritt wird nicht in Berlin, Stuttgart oder Kötzschenbroda stattfinden, sondern in Pittsburgh, USA. Dort geht, drei Tage vor der Wahl in Deutschland, der Weltwirtschaftsgipfel über die große Bühne. Frank-Walter Steinmeier und seine SPD können Pläne zur Rettung der Welt verfassen so viel sie wollen – Merkel wird mit Bildern aus dem Kreis der Mächtigen und der lakonischen Botschaft heimkommen, sie habe das übrigens grade erledigt.

Im Ungefähren des Programms steckt aber zugleich das Risiko des Experiments. Ein Wahlkampf, dem die Wahlkampfleitung kein Thema aufprägt, sucht sich nämlich gern mal selber eins.

Dabei kommt dann rasch so etwas raus wie die Steuer-Kakophonie der letzten Tage. Die ist vielleicht aus Versehen losgebrochen, aber nicht zufällig. Das Wahlprogramm, dieses Sammelsurium an Formelkompromissen und Leerstellen, von den Generalsekretären von CDU und CSU im Stile eines Vertrages zwischen rivalisierenden Staaten austariert, lässt Raum dafür.

Im konkreten Fall lässt es Raum für Vorschläge, wie das eigene Steuerversprechen denn zu finanzieren wäre. Selbst Merkel muss sich ja mühen, Steuersenkung in Zeiten der Rekordverschuldung zwingend logisch zu finden. Wenn es nach ihr geht, soll das Thema im Wahlkampf keine große Rolle spielen. Aber es brauchte aktuell ja nicht einmal die CSU, damit es nicht nach ihr geht.

Leser-Kommentare
  1. Das Programm ist doch auf Merkel zugeschnitten. Nichts konkretes, nirgendwo anecken. Das ist doch ihr Führungsstil. Außer natürlich beim Thema Steuererhöhung, da sagt sie "knallhart" nein.
    Könnten bitte die Medien nach der Wahl die selbe Hexenjagd veranstalten wie bei Ypsilanti, wenn dieses Wahlversprechen gebrochen ist? Danke.

  2. Alle Parteien lügen vor den Wahlen, und das wissen inzwischen auch alle Bürger. Keine Partei hat ein Rezpt gegen die Krise, und das ist ebenfalls allgemein bekannt. Deshalb wäre der Verzicht auf "Wahlkampf" eine sehr vernünftige Entscheidung, wenn dadurch die Kosten für die unsäglich dummen Plakate, Fernsehspots und Versammlungen gespart werden könnten.

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    das wäre weiss gott nicht schlecht, aber wen soll denn dann der bild-leser wählen ?
    dahinter steckt wiederum auch die entsprechende lobby und also wird das system so bleiben...

    das wäre weiss gott nicht schlecht, aber wen soll denn dann der bild-leser wählen ?
    dahinter steckt wiederum auch die entsprechende lobby und also wird das system so bleiben...

  3. 3. mit...

    ...uns kann mans ja machen. mal ein bißchen rumschwafeln, märchen erzählen in der gewissheit das sich die vierzig prozent, die sich an der wahl beteiligen einlullen lassen. großartig!

  4. 4. Mittig

    Nun, wie sagte bereits Beuys

    Demokratie ist lustig

    Das traurige daran ist nur, das man heute die Definition des Begriffes Politik von Menschen wie Machiavelli, Flechtheim oder Max Weber ableitet.
    Politik also nur noch zur Macht und zum Machterhalt genutzt wird.

    Die CDU sowie alle größeren Parteien praktizieren dies mit Bravour und vergessen damit die eigentlichen Problemen und vor allem das Volk! Wir sind doch nur noch Stimmvieh - sozusagen Nutztiere, die man zwar nicht schlachtet aber dafür ausnimmt! Man kommt sich vor wie der Esel, der die Karotte vor die Schnute gehängt wird damit er murrfrei die Last schleppt!!

    Schade, denn gerade die Kriese wäre eine Chance gewesen sich neu zu finden! Diese Chance ist vertan und solange sich niemand findet der Menschen mit harter Arbeit und Ideen überzeugen kann werden wir, so nach und nach – jedoch zielstrebig – dem Abgrund zu laufen. Willkommen im Lemmingenland!

    Hoffen wir mal auf das Versehen!

    Autorenempfehlung (unabhängig von den Linken )

    Wilhelm Schmundt

  5. So gefährlich wie es sich auf den ersten Blick anlässt, ist diese Taktik gar nicht. Die Alternativen sind nicht wirklich vorhanden, und der Wähler wird sich schon mangels vorhandener Auswahlmöglichkeiten für einen der geistig Armen im grossen Ausverkauf entscheiden. WIe sollte er auch anders. Das ist das wirklich Gute an der politischen Lage in Dland. Man weiss auch ganz ohne Wahl, was man bekommt. Ein bisschen so wie in der DDR, nur ohne Stasi und mit freier Rede.

    Das einzige, was letztlich per Kreuzelschreiben entschieden wird, ist der Anstrich, den die jeweilige Verkörperung der Ahnungslosigkeit bekommt. Blosse Farbenwahl, mit Inhalten irgendwelcher Art hat das schon lange nichts mehr zu tun. Und letztlich läufts sowieso immer aufs Gleiche hinaus: Auf einen tiefen Griff in die Taschen derer, die noch Geld darin haben.

  6. Ein Hauptroblem in der politischen Wahlkampfsemantik in Deutschland besteht darin, dass viele Journalisten die Begriffe aus gewissen Wahlkampfzentralen einfach übernehmen und ohne kritische Darstellung verbreiten.
    Meiner Ansicht nach schwatzt man zur Zeit all jene politischen Programme, welche konkrete politische Ziele - durchaus auch erreichbare- mehr oder weniger bewusst erst in angebliche Lächerlichkeit und schliesslich in totale Unglaubwürdigkeit hinein. Gefördert wird der Personenkult. Seitenweise publizieren ZEIT, SPIEGEL, FAZ usw., von BILD mal ganz abgesehen, Personalbeschreibungen und betreiben damit genau das, was Birnbaum in seinem Artikel zu kritisieren vorgibt: Programmleere.

    Vergleicht man nämlich die Programme, welche die SPD und in verminderter Qualität auch die Grünen und die Linke öffentlich wahrnehmbar diskutiert, beschlossen und vorgelegt haben, mit dem, was CDU/CSU und vor allem die FDP publizieren, ist klar, wer die Wählerinnen und Wähler verballhornt und wer nicht:
    Die FDP stellt sich als gefestigte Grösse im politischen Gestaltungsraum dar. Konkret aber nennt sie bloss die Zahl 35 Milliarden Euro. In dieser Grössenordnung sollen "die Steuerzahler" angeblich "entlastet" werden, wenn Schwarz-Gelb regieren würde.
    Die CDU/CSU wiederum setzt die Zahl 15 Milliarden Euro in Unlauf und behauptet, dies sei die Summe, mit der "die Steuerzahlöer" entlastet werden sollen.
    Und sonst:
    Da ist die FDP natürlich für den Ausbau "der Bildung".
    Die CDU/CSU ist natürlich auch für den Ausbau "der Bildung".
    Wie dieser Ausbau finanziert werden soll?
    Keine Antworten.
    Wie die angeblich zu beschliessenden "Entlastungen" finanziert werden sollen?
    Irgend ein FDP-Abgeordneter erklärt, es habe im Staatshaushalt vielerlei Posten, die man einsparen könne. Man müsse eben im Haushalt auch "sparen" wollen.
    Von Sparen wiederum hält die CSU gar nichts. Und die CDU murmelt etwas von "Wirtschaftsaufschwung", der die Entlastung der Steuerzahler finanzieren wird.

    Diese "Programmaussagen" unterscheiden sich deutlich von jenen, welche die SPD vorlegt. Die SPD verlangt eine Steuerentlastung der unteren und der mittleren Einkommen, und zwar ganz konkret, mit den im Steuerrecht durchaus komplizierten Verästelungen, welche überall, in allen Staaten, welche eine einigermassen funktionierende Steuergesetzgebung kennen, halt einfach kompliziert ist. Sie sagt auch, diese Entlastung bei den unteren und mittleren Einkommen und der Familien mit einer Steueranhebung bei den Reichen und den Vermögenden ausgleichen zu wollen. Sie macht also diesbezüglich einen konreten Finanzierungsvorschlag.

    Die FDP propagiert "Arbeit muss sich wieder lohnen". Dabei denkt sie offensichtlich nicht an jene vielen Millionen Menschen, welche in Deutschland zwar hart arbeiten, aber mit Niedriglöhnen abgespiesen werden, wenn ich diesbezülgich an den gesamten Dienstleistungssektor denke. Die FDP denkt vielmehr an ihre bevorzugte Klientel, welche das Herumschieben von Kapital, welches sie aus irgendwelchen Gründen zur Verfügung hat, betreibt. Die CDU/CSU wiederum will sich bei allen Gesellschaftsschichten anbiedern und verspricht indirekt, so zu wursteln, wie man sich in den 16 Jahren Kohl eingerichtet hatte. Dass die damals vielleicht noch benutzbar erscheinenden Portokassen längst leer sind, verschweigt man.

    Hinter der Maskarade der Steuersenker steht -immer noch- die neoliberale Ideologie, welche den Staat als notwendiges Übel versteht, das man so lange aushungern müsse, bis es auf das reduziert sei, was man "Nachtwächterstaat" nennt: Freiheit für die, welche es sich leisten können, frei zu sein und frei zu handeln. Sicherheitsmassnahmen gegen die, welche es sich nicht leisten können, "frei" zu handeln. Die Fehler jener, welche "frei" sind, zu handeln, wie es ihnen belibt, die sich grenzenlos bereichern, die Casino auf dem Buckel der nicht so "Freien" spielen, werden mit Hilfe des Nachtwächterstaates ausgebügelt. Natürlich kritisiert man lautstark die "Eingriffe" des Staates in die Wirtschaft". Aber erst, nachdem der Staat hunderte Milliarden Euro zwecks Rettung der Casinos ausgegeben hat.

    In diesem Zusammenhang ist es meiner Ansicht nach schon ungeheuerlich, wie wenig kritisch die veröffentlichte Meinung den Verursachern der Weltfinanzkrise begegnet. Die Verursacher hatten die "Freiheit", so zu handeln, wie sie gehandelt haben. Die Folge ihres Verhaltens wird zur Zeit gerade weltweit sozialisiert. Als Nebenprodukt ihres Handlens nimmt beispielsweise die Verelendung, das Verhungern von vielen Millionen Menschen, um konkret zu sein, massiv zu. Rund ein Sechstel der Weltbevölkerung hungert. Eine Ungeheuerlichkeit.
    Was tun die "Freien" ?
    Sie tun so, als ob sie es nicht gewesen seien. Sie tun so, als sei "Steinbrück" derjenige, welcher ihr teilweise verbrecherisches Fehlverhalten zu verantworten habe.

    Die FDP betreibt eine Semantik, welche so tut, als sei "die Wirtschaft" verantwortungsbewusst genug, als mische sich der Staat unanständig in ihre Handlungsmöglichkeiten ein. Die Realität ist völlig anders.

    Die CDU/CSU plappert nach, was Westerwelle vorgibt. Ihr Plappern wird zum Jahrmarkttrödelangebot getrimmt.

    Über die Programme und die Diskurse, welche in anderen politischen Kreisen in Deutschland durchaus konkret stattfinden, schweigt die veröffentlichte Meinung.

    Warum läuft dies alles derart verkehrt ?

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    • knuham
    • 29.06.2009 um 22:53 Uhr

    Die Allgemeinplätze, die die FDP bereits seit Jahren propagiert, scheinen die Universallösung auf alle Fälle der wirtschaftlichen Lage zu sein. Von einer an der gegenwärtigen konjunkturellen Situation orientierten Wirtschaftspolitik kann ich denn nun beim besten Willen nichts in den Slogans der FDP erkennen. Die Prioritäten der FDP scheinen gleichsam zeitlos zu sein. Verantwortliche Wirtschaftspolitik verlangt etwas mehr Sachverstand als Westerwelle & Co derzeit zu bieten haben. ________________

    Sehr gut, dass diese inhaltsleeren Programmfloskeln thematisiert werden!

    Sicher gibt es viele, die mit den konkreten Punkten in den Programmen von SPD, der Linken und den Grünen nichts anfangen können (weil sie z.B. keinen Mindestlohn, keine Gesamtschule oder keinen Atomausstieg wollen - vom Tempolimit ganz zu schweigen), aber dass sie sich mit den Floskeln von CDU, CSU und FDP zufrieden geben, will mir nicht in den Kopf.

    Warum bohren die Medien nicht mehr nach?
    Wie wollen die Parteien ihre Pläne finanzieren?
    Was tun sie gegen den Klimawandel?
    Wie werden die Steuerentlastungen aussehen?
    Wie werden die Bankbürgschaften (so sie denn eingelöst werden) finanziert?
    Wie geht es weiter mit dem Gesundheitsfond?
    Welche Schulformen werden gefördert?
    Wie teuer wiird ein Studium?
    Wollen sie die Ampelkennzeichnung bei Lebensmitteln?
    und: Wie viel Geld wird in die Rüstung gesteckt?

    Ich hätte gern Antworten - konkrete!
    Danke.

    • knuham
    • 29.06.2009 um 22:53 Uhr

    Die Allgemeinplätze, die die FDP bereits seit Jahren propagiert, scheinen die Universallösung auf alle Fälle der wirtschaftlichen Lage zu sein. Von einer an der gegenwärtigen konjunkturellen Situation orientierten Wirtschaftspolitik kann ich denn nun beim besten Willen nichts in den Slogans der FDP erkennen. Die Prioritäten der FDP scheinen gleichsam zeitlos zu sein. Verantwortliche Wirtschaftspolitik verlangt etwas mehr Sachverstand als Westerwelle & Co derzeit zu bieten haben. ________________

    Sehr gut, dass diese inhaltsleeren Programmfloskeln thematisiert werden!

    Sicher gibt es viele, die mit den konkreten Punkten in den Programmen von SPD, der Linken und den Grünen nichts anfangen können (weil sie z.B. keinen Mindestlohn, keine Gesamtschule oder keinen Atomausstieg wollen - vom Tempolimit ganz zu schweigen), aber dass sie sich mit den Floskeln von CDU, CSU und FDP zufrieden geben, will mir nicht in den Kopf.

    Warum bohren die Medien nicht mehr nach?
    Wie wollen die Parteien ihre Pläne finanzieren?
    Was tun sie gegen den Klimawandel?
    Wie werden die Steuerentlastungen aussehen?
    Wie werden die Bankbürgschaften (so sie denn eingelöst werden) finanziert?
    Wie geht es weiter mit dem Gesundheitsfond?
    Welche Schulformen werden gefördert?
    Wie teuer wiird ein Studium?
    Wollen sie die Ampelkennzeichnung bei Lebensmitteln?
    und: Wie viel Geld wird in die Rüstung gesteckt?

    Ich hätte gern Antworten - konkrete!
    Danke.

  7. Wir können Steuern senken, weil ja die Wirtschaft wieder in Gang kommt. Seltsam ist die Vorhersage schon und mit welcher Sicherheit. Blöd das man zu dumm war die Wirtschaftskrise vorher zu sehen. Jetzt wollen diese CDU/CSU die Wähler ganz für dumm verkaufen. Gibt es nicht genug Günstlinge als Wähler dieser Partei.
    Ihre Art der Finanzierung ist jedenfalls viel unsicherer wie die der Linken.
    Wahlprogram nur allgemeines Gewäsch.

  8. Sie sagt nichts - und liegt damit richtig. Politik der Mitte, warum nicht?
    Der reine Liberalismus, wie auch der Sozialismus, sind beide erbärmlichst gescheitert. Warum sollte man sich nun schon wieder in eine der beiden Richtungen bewegen.

    Ansonsten das Übliche, die Verlierer der Gesellschaftsform wollen alles ändern und beklagen sich, die Gewinner wollen, dass es so bleibt, schweigen und gehen einfach wählen. Punkt.
    ______________________________________________________________________
    "Zweifel ist keine angenehme Voraussetzung, aber Gewißheit ist eine absurde."
    "Du bist anderer Meinung als ich und ich werde dein Recht dazu bis in den Tod verteidigen"
    - Voltaire

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