Diesen Eröffnungsabend des 33. Klagenfurter Bachmann-Lesens hatte sich Klagenfurts Vize-Bürgermeister Albert Gunzer von der Haider-Partei BZÖ vermutlich anders vorgestellt, in jedem Fall stressfreier. Vom "Stress, unter dem wir alle stehen", spricht Gunzer in seiner kleinen Ansprache im Kärntner ORF-Landesstudio und betont den Stellenwert der Literatur in diesem Zusammenhang: "Die Literatur holt uns da raus", weiß Gunzer und scheint das tatsächlich ernst zu meinen. Stress bekommt er aber gleich ein paar Minuten später, Stress für die Magenschleimhäute und den Herzmuskel, zumindest lässt seine zunehmend versteinernde Miene das erahnen, als der Kärnter Schriftsteller und letztjährige Georg-Büchner-Preisträger Josef Winkler seine Eröffnunsgrede hält.

Winkler, gewandet in einem rosarotgestreiftem Hemd, einer rosaroten Hose und weinroten Schuhen, "geschossen" könnte man sagen, erinnert sich zunächst an Ingeborg Bachmann, insbesondere an ihr Prosastück "Jugend in einer österreichischen Stadt", und vermischt diese Erinnerung, diese Bachmann-Lektüre, mit Erinnerungen an die eigene Kindheit und Jugend, etwa "an die schwarzen Ölboden im Unterrichtsraum, in der 'Klasse' der Dorfvolksschule, wie wir den Raum nannten." In seiner kunstvoll verschraubten, mit gezielten Redundanzen versehenen Rede kommt er immer wieder darauf zurück, wie er vor dem Haus steht, in dem Ingeborg Bachmann ihre Jugend verbracht hat, in der Klagenfurter Henselstraße, wie er die rosaroten und weißen Rosen an der Mauer des Hauses betrachtet und sich Erinnerung auf Erinnerung einstellt, zum Beispiel, als er vom Tod der Bachmann hört, bei einem Freund, dem Sohn einer Schneiderin.

Aus den Erinnerungen an Bachmann und die eigene Kindheit arbeitet Winkler nach und nach jedoch eine ganz zauberhafte Abrechnung mit der Kärntner Landespolitik heraus. Von dem Wörtchen "erlegen", den Verletzungen, den Bachmann bei dem Brand in ihrer Wohnung "erlegen" sei, wie es damals in der Radiomeldung geheißen hatte, kommt er auf den Tod eines neunjährigen Jungens vor zwei Jahren auf einer Kreuzung in Klagenfurt, von diesem Tod zu dem Bau des viel zu großen, viel zu teuren Klagenfurter Fußballstadions bei der Euro 2006. Und das Stadion führt ihn dann zu "einem größenwahnsinnig gewordenen Bürgermeister und einem ebenso größenwahnsinnigen Landeshauptmann, den beiden Hausherrn der Stadt K. und des Landes K., – der eine hat später, schwer alkoholisiert, aus seinem mit dreifach überhöhter Geschwindigkeit fahrenden Auto ein beim Aufprall mehrfach sich überschlagendes Geschoß gemacht."

Winkler nennt auch Zahlen, was etwa ein Villacher Steuerberater für seine Dienste für Haider und Co bekommen hatte, sechs Millionen Euro, (eigentlich sollten es 12 Millionen sein, doch der Villacher Steuerberater gewährte "Patriotenrabatt", so Winkler). Er erwähnt, dass die Familie des neunjährigen Jungen nicht mal finanzielle Unterstützung bei den Beerdigungskosten erhielt, "es gibt dafür keinen Budgetposten", sei ihr beschieden worden, dass es nicht mal eine Bibliothek in Klagenfurt gebe und dergleichen mehr.

Aus dem Zusammenhang reißen, gezielt wieder in den Zusammenhang schmeißen, so könnte man die Bauweise von Winklers schöner, landestypisch schmähender Winklertypisch dunkler und saftiger, in jedem Fall aber geharnischter Rede bezeichnen. Hinterher ist gerade dem aus Deutschland angereisten Literaturbetrieb nicht ganz klar, ob Winkler nun einen Skandal auslösen wird in der Stadt, die so stolz auf ihren Bachmann-Wettbewerb ist und die man doch kaum als der Literatur besonders nahestehende Stadt bezeichnen kann. (Die orstansässige "Kleine Zeitung" enthält sich am nächsten Tag jeden Kommentars und druckt einfach Auszüge der Rede Winklers ab, wie immer das zu bewerten ist). Oder ob es nicht doch so ist, dass ein Jörg Haider und eine Partei wie die BZÖ nunmal einen Josef Winkler einfach bedingt, ein Josef Winkler Politker wie Haider, Gunzer, wie es beim anschließendem Buffet einer der Juroren etwas genervt von Winklers Rede ausdrückt.