Es stimmt: Die Banken in Euroland, auch die deutschen, vergeben nur zögerlich Kredit. Aus Statistiken der Europäischen Zentralbank (EZB) geht hervor, dass das Volumen der Darlehen im Währungsraum zwar wächst – allerdings so langsam wie seit Jahrzehnten nicht.

Im Mai stieg das Volumen der Kredite, die Banken an Unternehmen und private Haushalte vergeben, nur noch um 1,8 Prozent an. Selbst in der Krise, die auf den Crash der New Economy folgte, wuchs die Kreditsumme schneller, freilich ist die Rezession heute auch ungleich tiefer. Rechnet man Anleihen und weitere verbriefte Kredite hinzu, liegt die Wachstumsrate mit 3,1 Prozent immer noch sehr niedrig. Beide Kennziffern zeigen: Das Kreditvolumen im europäischen Währungsraum (hier ohne, hier mit Verbriefungen) steigt kaum noch an.

Eine Kreditklemme ist das aber noch lange nicht, da sind sich die meisten Ökonomen einig. Zwar stellt auch die Bundesbank in ihren Monatsberichten fest, dass die Banken strengere Maßstäbe anlegen, bevor sie Darlehen vergeben. Besonders restriktiv sind sie, wenn Firmen um Kredit bitten; Privatleute haben es noch etwas leichter. Nicht jede Bank verhält sich jedoch gleich. "In der Tat hört man teilweise von Mittelständlern, dass es Knappheiten gibt", sagt der Kölner Bankenprofessor Thomas Hartmann-Wendels. "Andererseits wirbt eine Reihe von Banken aber gerade im mittelständischen Bereich massiv um Kunden."

Für die Banken spricht auch, dass sie ihren Schuldnern, so sie denn einen Kredit erhalten, relativ günstige Konditionen gewähren. Die Bundesbank kam in einer Untersuchung zu dem Ergebnis, dass die niedrigen Zinsen der EZB zu einem großen Teil an Unternehmen oder private Häuslebauer weitergereicht würden. "Außergewöhnlich zögerlich" seien die Finanzhäuser keinesfalls gewesen.

Dass die Institute Kreditnehmer strenger prüfen, ist in einer Rezession völlig rational. Der Abschwung wirkt gleich doppelt auf den Kreditmarkt: Die Firmen fragen weniger Kredite nach, wie die Bundesbank in ihrem Mai-Monatsbericht schreibt. Laufende Kosten könnten aus Bankeinlagen gedeckt werden, längerfristige Anlageinvestitionen würden eher nicht vorgenommen. Wo aber kein Darlehen gewünscht wird, kann die Bank auch keines vergeben.

In der Krise verschlechtern sich die Geschäftsaussichten der Unternehmen. Damit sinkt auch die Wahrscheinlichkeit, dass sie geliehenes Geld wieder zurückzahlen können. Die Banken müssen deshalb genauer hinschauen, bevor sie ein Darlehen gewähren, und sie müssen für riskantere Kredite ein höheres Polster an Eigenkapital zurücklegen. Tun sie das nicht, wächst die Gefahr, dass am Ende wieder der Steuerzahler die Schäden begleichen muss – und inmitten einer tiefen Krise, die durch zu sorglose Kreditvergabe durch die Banken erst entstanden ist, kann wohl niemand ernstlich von ihnen verlangen, ihre Vorsicht über Bord zu werfen.

Wenn die Politik die Geldhäuser von schlechten Krediten befreien wolle, dürfe sie ihnen keine neuen schlechten Kredite hineinschieben, formuliert es der Wirtschaftsweise Peter Bofinger. Dirk Schiereck, Professor für Unternehmensfinanzierung an der Technischen Universität Darmstadt, weist auf die löchrigen Bilanzen der Banken hin: Schon jetzt "drohen bis zu zehn Prozent auszufallen". Die Kritik an den Instituten hält er für Wahlkampf: "Wenn jetzt das Kreditengagement ausgeweitet würde, wäre zwar manch einem Unternehmen mit Liquidität geholfen. Aber es besteht ein großes Risiko, dass die Bank das Geld nie wiedersehen wird."

Die Banken haben durch ihre verantwortungslose Spekulation mit Krediten die Rezession ausgelöst und wurden durch immense Summen an Steuergeld gerettet. Die Regierung kann das kritisieren. Sie sollte die Institute jetzt aber nicht in neue Schwierigkeiten bringen.