G-8-Gipfel Berlusconi-Show mit Schönheitsfehlern
Mit dem G-8-Gipfel im Erdbebenort L'Aquila wollte sich Italiens Premier Berlusconi als erfolgreicher Krisenmanager verkaufen. Doch seine Affären ruinieren den Plan

Italiens Regierungschef Silvio Berlusconi muss während des G-8-Gipfels weitere Enthüllungen fürchten
Es könnte der letzte G-8-Gipfel für Italien werden, spekulierte Stunden vor der Eröffnung in L'Aquila der britische Guardian. Wer derart in die Bedeutungslosigkeit abdrifte, gehöre demnächst durch Spanien ersetzt. “Ich hoffe, dass der Guardian bald aus dem Kreis der wichtigsten Blätter der Welt verschwindet”, entgegnete Italiens Außenminister Franco Frattini. Die merkwürdig ungelenke Retourkutsche zeigt: Bei den Gastgebern liegen die Nerven blank.
Dass im Gebiet von L'Aquila weiterhin die Erde bebt, scheint dabei noch das geringste Problem zu sein. Schließlich, so versichert Silvio Berlusconi, könnten die Mächtigen der Welt ganz schnell mit Hubschraubern nach Rom gebracht werden, falls es für sie gefährlich würde. Ein bisschen Nervenkitzel, weiter nichts. Das Gipfeltreffen würde in einer Polizeikaserne in Rom weitergehen, als wäre nichts geschehen. Die Sommerhitze und die Wolkenbrüche, die in den letzten Tagen den Obdachlosen von L'Aquila in ihren Zeltlagern zu schaffen machten, berühren die Staatschefs sowieso nicht – sie sind in der hektisch neu möblierten Kaserne der Finanzpolizei untergebracht.
Ursprünglich sollte der Gipfel auf der Insel La Maddalena nördlich von Sardinien stattfinden. Doch als im April die Abruzzen von einem Erdbeben mittlerer Stärke verwüstet wurden und 300 Todesopfer zu beklagen hatten, änderte Berlusconi quasi über Nacht und im Alleingang seine Pläne. Er verlegte das Treffen nach L'Aquila. Ein überraschender und genialer Schachzug des großen Kommunikators. Denn in der Trümmerlandschaft, das weiß Berlusconi ganz genau, werden die Bilder stimmen. Sie passen jetzt zur Weltwirtschaftskrise und zu dem Image, dass der Italiener sich selbst gern verleihen möchte: Ein guter Ruf als tüchtiger Krisenmanager.
Gleich nach dem Beben hatte Berlusconi daran gebastelt. Er ließ in Rom alles stehen und liegen und zeigte sich täglich in L'Aquila. Den Obdachlosen versprach er neue Häuser, den arbeitslos gewordenen neue Jobs. Inzwischen zeigt sich aber, dass viele dieser Versprechen kaum in der vorgesehenen Zeit erfüllt werden können. In L'Aquila rumort es. Ständig gibt es neue Proteste gegen die Regierung, von der sich die Erdbebenopfer im Stich gelassen fühlen, kürzlich sogar vor dem Palazzo Chigi in Rom.
Noch verheerender für Berlusconi war, dass sein ausschweifendes Privatleben die Einsätze als Krisenführer bald überschattete. Die Nachrichten aus dem Erdbebengebiet wurden schnell von immer neuen Skandalen um den Regierungschef in den Hintergrund gedrängt. Enthüllungen über seine Ehescheidung, besonders aber über die dekadenten Partys in seiner Villa auf Sardinien und seiner römischen Privatresidenz brachten ihm zwar bei der Europawahl vor einem Monat nur geringfügige Stimmenverluste.
Doch mittlerweile wird Berlusconi hinter den Kulissen im eigenen Lager und öffentlich von der Kirche kritisiert: Seine “Sittenlosigkeit”, so die Bischöfe, sei keineswegs Privatsache, sondern schade dem Land. Staatspräsident Giorgio Napolitano, ein ehemaliger Kommunist, forderte angesichts des G-8-Gipfels sogar die Medien auf, sich zu “beruhigen”, um Italiens internationales Ansehen nicht weiter zu gefährden.
Auf seine Weise wollte Berlusconi das auch auf die internationale Presse ummünzen. “Eine gewisse Auslandspresse besteht darauf, Lügen über den Präsidenten Berlusconi zu verbreiten”, heißt es in einer Note der Regierung vom letzten Wochenende. Es handele sich um “eine krankhafte Kampagne ohne ernstzunehmende Basis.” Die Erklärung bildete den vorläufigen Höhepunkt einer beispiellosen Attacke gegen die Auslandspresse, die in den von Berlusconi kontrollierten italienischen Medien in den vergangenen Wochen als desinformiert und von der linken Opposition gesteuert dargestellt wurde.
Das Klima ist angespannt. Berlusconi muss während des G8-Gipfels neue Enthüllungen fürchten. Schon einmal hatte er als Gastgeber eine denkbar schlechte Figur gemacht, als während des Gipfels 1994 in Neapel die Nachricht von der Eröffnung eines Ermittlungsverfahrens der Mailänder Staatsanwaltschaft publik wurde.
In diesem innenpolitischen Klima gehen die eigentlichen Anliegen des Gipfeltreffens in Italien vollkommen unter. Allenfalls die Globalisierungsgegner sind ein Thema, das die Regierung aber eigentlich vermeiden wollte. Niemand würde es wagen, in L'Aquila, der “Kapitale des Leidens” Radau zu machen, hatte Berlusconis Sprecher Paolo Bonaiuti kurz vor dem Gipfel getönt. Auch diese Rechnung wird womöglich nicht aufgehen.
Für Berlusconi geht es bei diesem Gipfel um das eigene Überleben. Er muss es schlicht schaffen, bis Freitag neue Fettnäpfe und Peinlichkeiten zu vermeiden. Entgegen sonstiger Gepflogenheiten hat der Gastgeber vor dem Gipfel nur ein einziges Zeitungsinterview gegeben – und zwar der Turiner La Stampa, die für einen Tag den Afrika-Aktivisten Bob Geldof zum “Chefredakteur” berufen hatte. Geldof wurde von Berlusconi empfangen und hielt dem Italiener prompt vor, die Entwicklungshilfe um 400 Millionen Euro gekürzt zu haben. “Sie riskieren, als Mister drei Prozent in die Geschichte einzugehen, weil Sie nur drei Prozent Ihrer Versprechungen gehalten haben”, sagte Geldof Berlusconi. Der reagierte wie gehabt: Die Staatsanwälte und die Opposition ließen ihn nicht arbeiten. Geldof wies ihn zurecht: “Darum geht es hier nicht. Es geht um hungernde Menschen.” Genau das aber ist das Problem: Für Silvio Berlusconi dreht sich der G-8-Gipfel nur um Silvio Berlusconi.
- Datum 09.09.2009 - 15:24 Uhr
- Seite 1 | 2 | Auf mehreren Seiten lesen
- Quelle ZEIT ONLINE
- Kommentare 19
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:





Nirgendwo anders kann die Lachnummer der Nation sein Versagen international besser präsentieren, als an diesem Ort.
denn geschmackloser kann ein Gipfel an einem solchen Ort wohl nicht mehr ablaufen. Die Bevölkerung aus L'Aquila sieht dies mit Grausen. Sie hat im Prinzip nichts von den weltbewegenden Statements der Gipfelteilnehmer. Sie werden auch in Zukunft vergessen werden, das sei sicherlich.
denn geschmackloser kann ein Gipfel an einem solchen Ort wohl nicht mehr ablaufen. Die Bevölkerung aus L'Aquila sieht dies mit Grausen. Sie hat im Prinzip nichts von den weltbewegenden Statements der Gipfelteilnehmer. Sie werden auch in Zukunft vergessen werden, das sei sicherlich.
Wie lange wollen sich die Italiener diesen [...] noch leisten. Schon damals, als er Merkel stehen ließ dachte ich, das kann doch nicht wahr sein. Und jetzt wollte er auf Kosten der Opfer sein "Image" aufbessern, also, noch lächerlicher geht es wohl nicht.
[Gekürzt, bitte bemühen Sie sich um eine sachliche Wortwahl. Vielen Dank. /Die Redaktion pt.]
Mir gefällt ja Berlusconi wirklich nicht und ich würde ihn am ehesten als narzistischen [...] bezeichnen.
Wenn aber ein Bob Geldof, Weltmeister der Selbstdarstellung, die er auf dem Rücken der afrikanischen Hungernden betreibt und der britische Guardian ihn angreifen, ist mir Berlusconi doch noch der liebste der drei. Denn er weiss wenigstens selbst, was er anstellt.
Britische Zeitungen sollten sich hingegen äusserst zurückhalten mit Angriffen auf andere Länder. Deren Finanzjongleure und unfähige Regierungen von Blair bis Brown haben nichts anderes fertiggebracht, als zu dregulieren und einen aktiven Beitrag zur derzeitigen Krise zu leisten. Wichtige Britische Unternehmen sind zuhauf pleite gegangen in den letzten Jahren. und das nicht ohne Grund, denn mit Arroganz kommt man nur bis zu einem gewissen Punkt.
[Gekürzt, auch Sie möchten wir bitten, auf beleidigende Ausdrücke zu verzichten. Danke. /Die Redaktion pt.]
Es geht in dem Interview weder um "die Engländer" noch um "die Italiener". Geldof hatte die chance den italienischen Premier Berlusconi zu interviewen und hat ihm für die Turiner Zeitung "La Stampa" daher fragen zu seiner Politik gestellt.
Es geht in dem Interview weder um "die Engländer" noch um "die Italiener". Geldof hatte die chance den italienischen Premier Berlusconi zu interviewen und hat ihm für die Turiner Zeitung "La Stampa" daher fragen zu seiner Politik gestellt.
Es geht in dem Interview weder um "die Engländer" noch um "die Italiener". Geldof hatte die chance den italienischen Premier Berlusconi zu interviewen und hat ihm für die Turiner Zeitung "La Stampa" daher fragen zu seiner Politik gestellt.
Im Artikel ist aber sowohl von Geldof als auch vom Guardian die Rede. Der Guardian ist doch eine britische Zeitung, oder irre ich mich?
Im Artikel ist aber sowohl von Geldof als auch vom Guardian die Rede. Der Guardian ist doch eine britische Zeitung, oder irre ich mich?
Muß sich die ZEIT wirklich dazu herablassen, an dem niveaulosen Berlusconi-Bashing der Linken mitzuwirken, die in Italien genauso wenig zustande bringen wie hierzulande? Die Methode ist einfach zu durchsichtig: Da man politisch keine wirksamen Mittel gegen Berlusconi gefunden hat, versucht man es eben mit einer Schmutzkampagne nach dem Motto: Irgendetwas bleibt immer hängen. Wie armselig.
Irgendjemand muss ja bei jedem Thema stets das Links-Rechts-Fass aufmachen, und wenn es noch so wenig zur Sache tut.
Deutliche Worte hier:
http://www.zeit.de/2006/1...
und hier:
http://www.bornpower.de/m...
Irgendjemand muss ja bei jedem Thema stets das Links-Rechts-Fass aufmachen, und wenn es noch so wenig zur Sache tut.
Deutliche Worte hier:
http://www.zeit.de/2006/1...
und hier:
http://www.bornpower.de/m...
Berlusconi ist eine lächerliche Figur. Ohne Zweifel repräsentiert er mit seiner Politik vor allem sich und seine Entourage.
Man könnte über die Eskapaden eines 72jährigen, der sich offensichtlich sehr ausgiebig mit seinen Lüsten, seinem Aussehen, seiner pubertär wirkenden "Unmittelbarkeit" beschäftigt, lächelnd oder kopfschüttelnd hinwegsehen, wäre er nicht Ministerpräsident eines wichtigen EU-Staates.
Berlusconi missbraucht jene Macht, welche er für eine Wahlperiode oder eine Regierungsperiode qua Amtes besitzt, um Gesetzeskorrekturen durchsetzen zu lassen, die ihn ganz persönlich vor Strafverfolgung schützen. Strafverfolgung, welche begründet ist, weil Bersluconi korruptives Verhalten an den Tag gelegt hat.
Jenseits aller Halbwelt- und Lächerlichkeitsposen hat Berlusconi damit sein Staatsamt missbraucht, hat rechtsstaatliche Grundprinzipien (Trennung von Justiz und Politik beispielsweise) ausser Kraft gesetzt.
Dass er in Italien zusammen mit seinen Verbündeten (inklusive den Neofaschisten und den rassistisch auftretenden Lega-Nord-Politikern) Wahlen gewinnt, bedeutet nicht, dass Verletzungen rechtsstaatlicher Prinzipien von Italiens Partnern in der EU oder im Europarat einfach hingenommen werden dürfen.
Es stellt sich meiner Ansicht nach etwa die Frage, ob die EU Berlusconis Verachtung , ja Zerstörung des Rechtsstaates dulden oder gar hinnehmen darf. Es stellt sich die Frage, weshalb die EVP-Fraktion im Europaparlament die Berlusconiparteileute in ihren Reihen akzeptiert.
Warum schweigen Berlusconis Gipfel"freunde", von Obama über Merkel bis Sarkozy über das eigentlich Unzumutbare, welches darin zu sehen ist, dass Berlusconi einen G8-Gipfel in einer Stadt durchführt, die zerstört ist, in der Tausende nach wie vor obdachlos und arbeitslos in Zeltsiedlungen dahinvegetieren müssen, wo, was ja nicht weiter überrascht, die Durchsetzung der Versprechen Berlusconis, überhaupt nicht funktionieren?
Die Wahl von L'Aquila als Tagungsort des diesjährigen G8-Gipfels ist nichts als eine bodenlose Geschmacklosigkeit. Und zwar zuerst einmal gegenüber den Opfern des Erdbebens, dann auch gegenüber den Millionen Opfern von Naturkatastrophen, welche mindestens teilweise die Folgen der Klimaveränderungen auszubaden haben. Ihr Unglück, ihre Not, ihre Trauer und Hilflosigkeit werden als Staffage benutzt, damit einer, nämlich Berlusconi, sich inszenieren kann. Und die "Mächtigen" der Welt machen mit!
Nein, Bersluconi ist keine Witzfigur. Er ist wesentlich das Produkt seiner eignen Inszenierung als Medienmogul, als, wenn man so will, Diktator innerhalb der Medienwelt. Wenn es ernstzunehmende Medienstimmen gibt, welche diese Diktatur, in Italien seit Jahren konkret exisitent, kritisieren, reagiert die offizielle italienische Aussenpolitik exakt gleich wie jene Staatsstreichunternehmer, welche in Honduras zur Zeit ihre Privilegien "retten" wollen: Man beschimpft die "Auslandpresse". Man behauptet, die Welt werde von der "Opposition" falsch informiert und dergleichen mehr. Und was sagt etwa die Budnesregierung dazu?
Genauer nachgefragt: Wo besteht der Unterschied zwischen italienischer gelenkter Informationsmachtausübung und jener beispielsweise in China?
Zu China äussert man sich, zu Recht. Zu Italen schweigt man. Zu Unrecht.
Hat irgendeiner die Bilder gesehen? Ich schon. Sie sind nicht nur ein Jahr alt, Berlusconi ist darauf nicht zu sehen.
Der Ex-Ministerpräsident Mirek Topolanek ist darauf nackt zu sehen - seine Analyse zu der Veröffentlichung im spanische Sozialistenblatt “El Pais" ist zutreffend:
"Ich wußte nicht, dass die Europawahl für die Sozialisten so wichtig ist, dass sie solche unglaubliche Attacken und Manipulationen benutzen." Er bezog sich dabei auch auf die spanische Zeitung "El País", welche das Foto zuerst zeigte. "
Irgendjemand muss ja bei jedem Thema stets das Links-Rechts-Fass aufmachen, und wenn es noch so wenig zur Sache tut.
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren