Die kleine Straße liegt eingekeilt zwischen der Rückseite von Bürogebäuden und einer S-Bahn-Trasse. Außer den Autofahrern, die neben großen Mülltonnen nach einem freien Parkplatz suchen, kommt niemand her. Die Berliner Margarete-Steffin-Straße liegt nur wenige hundert Meter vom Reichstag entfernt, trotzdem wird sie übersehen. So geht es ihr wie ihrer Namensgeberin, die ihr Leben in den Dienst von Bertolt Brecht stellte. Sie schrieb Theaterstücke, die später unter seinem Namen veröffentlicht wurden. Für Margarete Steffin blieb der Titel "Mitarbeiterin", der auch auf dem Schild der engen Straße zu lesen ist.

Das ist eine Erkenntnis des Gender-Walks in Berlin-Mitte, veranstaltet von der Heinrich-Böll-Stiftung: Bei der Wahl von Straßennamen sind Frauen nicht nur deutlich unterrepräsentiert, sondern nach ihnen werden auch meist die weniger wichtigen, prestigeloseren Straßen benannt. Das dürfte dem aufmerksamen Städter wohl schon aufgefallen sein. Wo das Geschlecht im Lebensraum Stadt noch überall eine Rolle spielt, wird aber oft übersehen, sagen Stephanie Hüffell und Bettina Knothe. In ihren Touren geht es ihnen deshalb darum, wie sich Männer und Frauen den öffentlichen Raum aneignen und ihn gestalten – und damit nicht zuletzt um Macht.

Männliche Macht spiegelt sich auch allerorten in der Architektur des Regierungsviertels wider. Breite Straßen, die eher zum zielstrebigen Eilen denn zum Flanieren einladen. Zwischen Willy-Brandt-Straße und Paul-Löbe-Allee steht klobig und massiv das Bundeskanzleramt. Auch ein Monument männlicher Macht? "Es wird doch Waschmaschine genannt", sagt eine Teilnehmerin. "Das ist ja wohl eindeutig weiblich." Sie lacht angesichts der Stereotype, derer sie sich bedient.

Um die Bedeutung der stadtplanerischen Entscheidungen für Männer und Frauen zu erkennen, muss man manchmal sehr genau hinschauen. Der Berliner Hauptbahnhof ist ein imposantes Gebäude und der größte Turmbahnhof Europas – "aber er ist extrem schlecht angebunden", erklärt Stephanie Hüfell, die selbst Stadtplanerin ist. Um ihn herum gibt es kaum öffentliche Orte wie Cafés und Geschäfte. Frauen würden dort nicht nur einkaufen, sondern auch die Mehrheit des Personals stellen. Für sie wäre der Bahnhof Friedrichstraße viel günstiger gewesen, der ebenfalls als möglicher Hauptbahnhof diskutiert wurde und direkt an der Einkaufsmeile liegt. Außerdem  ist der Bahnhof nur durch die auf der Ost-West-Achse fahrenden S-Bahn mit dem Nahverkehr verbunden, denn der Bau einer neuen U-Bahnlinie verzögert sich seit Jahren.  "Wenn man bedenkt, dass zwei Drittel der Frauen auf den Nahverkehr angewiesen sind, aber nur ein Drittel der Männer, erkennt man die genderspezifischen Auswirkungen", sagt Bettina Knothe. Die Mobilität von Frauen wird durch die fehlende Anbindung viel stärker eingeschränkt als die der Männer.

Das Wort Gender scheint für die Veranstalter des Gender-Walks so selbstverständlich zu sein, dass über seine genaue Bedeutung im Tagungsmaterial kaum ein Wort verloren wird. Der Begriff ist aus dem Soziologenslang in den Alltag gesickert. Das "soziale Geschlecht" wird darunter gefasst, in Abgrenzung zu Sex, dem "biologischen Geschlecht". Dabei ist die Frage nicht unwichtig: Geht es um das Stichwort "Gender Mainstreaming", das sich mit Geschlechtergleichstellung übersetzen lässt, oder reden wir über das Konzept des "Doing Gender" – also die Annahme, das zumindest ein Großteil unseres Geschlechts und der Rolle, die wir ausfüllen, sozial konstruiert wird.