Vattenfall Nachlässige Kontrolleure in Krümmel

Das Kieler Sozialministerium veröffentlicht neue Details zum jüngsten Störfall: Vattenfall habe aus Termingründen auf einen Sicherheitscheck verzichtet

Als das letzte Mal in Krümmel ein Transformator ausfiel, wurde das Kernkraftwerk zwei Jahre lang auf Herz und Nieren geprüft. Der Trafo wurde ausgetauscht, Hunderte falsch installierter Dübel ausgewechselt, Schweißnähte wurden repariert. Am 19. Juni erteilte das Kieler Sozialministerium Vattenfall endlich die lang ersehnte Anfahrgenehmigung, versehen mit zahlreichen Auflagen. Eine davon könnte sich im Nachhinein als entscheidend erweisen.

Vattenfall, schrieb die Aufsichtsbehörde vor, solle an einem Transformator eine sogenannte "Teilentladungsmessung" vornehmen. Durch sie hätten sich weitere Daten über den Zustand des Geräts ermitteln lassen. Die Gefahr eines Kurzschlusses, wie er am vergangenen Samstag passiert ist, wäre leichter abschätzbar gewesen. Doch zu der Messung ist es nie gekommen, wie Vattenfall am Dienstag dem Ministerium gestehen musste. Ein "Wechsel der Terminsituation" habe dazu geführt, dass "im zuständigen Teilbereich die rechtzeitige Messeinrichtungsinstallation zeitweilig nicht mehr präsent war", zitiert das Ministerium aus einem aktuellen Schreiben des Konzern.

Anzeige

Krümmel besitzt zwei Transformatoren, die den Strom auf die richtige Spannungsebene bringen, damit er ins Netz eingespeist werden kann. Der Kurzschluss entstand in dem Trafo, der schon seit Jahrzehnten im Kraftwerk in Betrieb ist – dem anderen war es bereits vor zwei Jahren ähnlich ergangen. Damals wurde er nicht durch ein neues Gerät, sondern durch einen Ersatztrafo ausgetauscht, der seit 20 Jahren nicht mehr in Betrieb war. "In den vergangenen Jahren haben die Betreiber nicht ernsthaft nachgerüstet, sondern eher die Billigvariante gewählt", kritisiert Gerd Rosenkranz von der Deutschen Umwelthilfe. "Schließlich haben sie hinter den Kulissen in Berlin versucht, den Ausstieg aus dem Atomausstieg zu verhandeln."

Für Greenpeace-Atomexperten Heinz Smital wirft die unterlassene Kontrolle ein Schlaglicht auf die entscheidende Frage, ob Vattenfall zuverlässig genug ist, ein Kernkraftwerk zu betreiben. "Wenn eine Auflage der Behörde nicht beachtet wird, ist dies ein Indiz für die Unzuverlässigkeit", sagt er, "mehr noch, als die Frage, wann wer über den Vorfall informiert wurde."

Vattenfall gibt sich zerknirscht. "Die Messung wurde einfach versäumt", sagt eine Sprecherin auf Nachfrage. Dass die nötigen Messgeräte nicht vor Ort waren, weil Vattenfall wegen des Anfahrtermins unter Zeitdruck stand, dementiert die Sprecherin. Kraftwerksleiter Hans-Dieter Lucht zog trotzdem die Konsequenzen: Er trat heute zurück.

Ob der aktuelle Kurzschluss die gleichen Ursachen hat wie der Vorfall 2007,  lässt sich freilich kaum noch feststellen. Schließlich ist der Trafo damals bis zur Unkenntlichkeit verkohlt. "Wir wissen einfach nicht, was die Ursache für den Kurzschluss 2007 war", so die Vattenfall-Sprecherin.

Trotz der Unklarheit hält Vattenfall an seinen Plänen fest, Krümmel wieder ans Netz zu bringen. Angesichts der Tatsache, dass der Meiler täglich rund eine Millionen Euro Ertrag einbringt, lohnt sich dafür eine millionenschwere Investition: Zwei neue Transformatoren will Vattenfall bestellen und einbauen, kündigte Vattenfall Atomsparten-Chef Ernst Michael Züfle am Dienstagabend an. Jeder könnte mehr als acht Millionen Euro kosten. Dass der Einbau noch vor der Bundestagswahl passiert, ist allerdings unwahrscheinlich, zu lange dauern die Lieferzeiten.

Derweil stellt sich die Frage, welche Rolle die Gutachter bei der Pannenserie in Krümmel spielen. Schließlich bescheinigten sie, dass die einzelnen Komponenten ordnungsgemäß funktionieren und der Meiler ans Netz gehen kann. In der Regel greifen Aufsichtsbehörden und Kraftwerksbetreiber auf einen Pool an Gutachern zurück, die ihnen vertraut sind.

Die Experten kommen von Institutionen wie dem TÜV, dem Germanischen Lloyd oder kleinen Ingenieurbüros, es ist ein relativ kleiner Zirkel. Je nach politischem Couleur der Landesregierungen, bei denen die Atomaufsicht liegt, werden auch Atomkraft-kritischere Institutionen wie das Öko-Institut beauftragt. "Viele der Gutachter machen ihre Aufgabe seit Jahrzehnten und arbeiten eng mit dem Betreiber zusammen", sagt Rosenkranz von der DUH, "zu viel Nähe kann auch in Kumpanei und Betriebsblindheit enden."

Der TÜV weist diese Einschätzung zurück. "Wir haben eine Berichtspflicht gegenüber der Behörde und ein Interesse, unabhängig zu begutachen", sagt Rudolf Wieland, Geschäftsführer der TÜV Nord Systec GmbH, die auch Krümmel prüft. "Sonst bekommen wir keine neuen Aufträge." Dass so wenige Institute in Deutschland als Gutachter auftreten, liege daran, dass die Arbeit extrem personalaufwendig seien. Allein beim TÜV Nord sind rund 280 Mitarbeiter nur mit der Prüfung von Kernkraftwerken beschäftigt.

 
Leser-Kommentare
  1. Wenn ein Unternehmen bewusst, um Kosten zu Sparen, so fahrlässig handelt, sollte ihm sofort die Betreiberlizenz für sämtliche KKWs entzogen werden! Ohne Wenn und Aber, ohne Diskussion!
    Vattenfall scheint nach dem Motto zu handeln - denn eins ist sicher, die Rente und unsere KKWs... Aber sicher ist auf diesem Planeten nur eins - der Tod!

  2. 2. Rente

    Es ist infam, die Sicherheit der gesetzlichen Rente mit der Sicherheit von KKWs in Verbindung zu setzen.
    Wenn schon ein Vergleich, dann dieser: eins ist sicher, Riester/Rürup und KKWs!

    • hamkon
    • 07.07.2009 um 21:54 Uhr

    Und im Hintergrund lauert die von der Atommafia in Deutschland faktisch erzwungene Etablierung der Atommüllkippe Gorleben.

    Salzstock Gorleben wird vom Deutschen Atomforum als sicheres Endlager qualifiziert.

    Toll. Asse? Sicher. Morsleben? Sicher. Krümmel und Brundsbüttel? Sicher.
    Und was sagten die Kaderfunktionäre der Stalinistendiktatur von Pankow?
    Lubmin ist sicher.

    Bei der ganzen erbärmlichen Debatte steht eines noch so ganz unbetrachtet im Raum. Milliarden von Steuersubventionen, die seitens der Bonner Republik für die Förderung und den Aufbau von Atomkraftwerken verbrannt wurden, um die Elektrizitätsenergie durchzusetzen, die dem Konglomerat von EVUs und den Siemenstöchtern so gewaltige Renditen auf die Konten spülten, von welchen den
    Kapitalanlegern so attraktive Kursgewinne und Dividenden auf deren Konten gelenkt wurden.

    Deutschland soll leben, auch wenn wir sterben müssen.

    Damals war Deutschland die Gruppe von ca. 5 - 10% der Bevölkerung, die man, wie heute, als das Besitzbürgertum definierte. Ein Besitzbürgertum, dass mit seinen 5-10% aller Privathaushalte ca. 85% aller Privatvermögen besitzt.

    Für dieses Deutschland soll heute das Leben riskiert und notfalls gestorben werden. Heute in Afghanistan, morgen in und um Krümmel und Brunsbüttel?

    Wir sollten die Debatte auf die Realitäten ausrichten und nicht länger den Sprachregelungen und Desinformationskampagnen der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft folgen, die massiv den Belangen der Atomindustrie entspricht.l

    Dieses Herrschaftssystem wird geprägt von diesem Atomskandal, dem Krankenhausskandal, dem Pflegeheimskandal, dem Kinderkrippen- und -gartenskandal, dem Schulskandal, dem Universitätsskandal.

    Zustände wie in China, in Korea, in Guatemala, in Südafrika und Angola. Deutschland 2009.

    Sehr interessant.

    • keox
    • 07.07.2009 um 22:51 Uhr

    ist nur die Spitze des Eisberges.

    Das Prinzip der HerrenDamen ist das ewig gleiche:

    Scheiß auf die Bevölkerung, ob "Finanzkrise" - wohl eher eine wohlfeile Konzentrationswelle zu Lasten der Bevölkerung - ob GAU, ob Klimaschäden, ob hemmungslose Ressourcenplünderung - so lange es nur genügend Profit bringt, was kümmert einen denn der Pöbel.

    Gibt doch eh zu viele unproduktive Mitesser.

    • Chali
    • 08.07.2009 um 6:04 Uhr

    ... sein Ruhestandsgehalt als Vorstand bei der Betreiberfirma aufbessern kann ...

    - - - - - - - - -


    "Aristoteles war kein Belgier. Die Hauptbotschaft des Buddhismus lautet nicht: 'Jeder kämpft für sich selbst'. Und die Londoner Untergrundbahn ist keine politische Bewegung."
    A Fish called Wanda

    • gpv
    • 08.07.2009 um 21:26 Uhr

    Was haben wir dabei gewonnen, wenn in Deutschland keine AKWs mehr sind und drum herum sprießen sie wie Pilze aus der Erde.
    Wenn dann irgendwo wirklich was ernsthaftes passiert haben wie ja keine Schuld. Außerdem haben wir das ja immer gesagt AKWs sind gefährlich....

    Ist schon klasse wie Aktivisten durch versperren und zuschweißen von Tore bei Unfällen oder Bränden (siehe 2007) Hilfseinrichtungen (Feuerwehr) bei der Arbeit blockieren könnten. So ein Brand, der nicht gelöscht werden kann, hat schon echte Vorteile für die Bevölkerung.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service