Im Gericht herrscht Angst und Schrecken. „Überall war Blut“, sagt Christian Avenarius, Sprecher der Dresdner Staatsanwaltschaft. Schreie, ein verzweifeltes Kind; ein Mann sticht immer wieder und wieder zu. Das Opfer, eine schwangere, 31-jährige Ägypterin stirbt, ihr Mann wird lebensgefährlich verletzt. Während Richter und Schöffen sich nach Angaben der Behörde nicht eingemischt haben, wirft der Anwalt mit einem Stuhl nach seinem rasenden Mandanten. „Das hat ihn aber nicht abgehalten, weiter zuzustechen, auch auf den Ehemann“, sagt Avenarius.

Der Richter drückt den Notrufknopf, Gerichtswachtmeister laufen über die Flure. „Komm mit, du hast eine Waffe“, hätten sie einem Polizisten zugerufen, der als Zeuge in einem anderen Verfahren gewartet hätte. 32 Sekunden vergehen, in denen der Ehemann mit dem Angreifer kämpft, dann stürmen fünf Wachtmeister mit dem Polizisten in den Saal. „Der Polizist musste in einer Sekunde entscheiden, auf wen er schießt“, sagt Avenarius – und der Beamte irrt sich, er hält den unbewaffneten Ehemann für den Angreifer. Die „näheren Umstände“ würden jetzt geprüft.

Welches Motiv hatte der Täter?

Nach Informationen des Tagesspiegels hat sich Alex W. kurz vor der Tat am vergangenen Mittwoch im Gerichtssaal lauthals zur NPD bekannt. Die Vernehmung der Zeugen war abgeschlossen, da meldete sich der Russlanddeutsche zu Wort. Er bat, eine Frage stellen zu dürfen, die Kammer hatte nichts dagegen. Alex W. wandte sich an Marwa El-Sherbini: „Haben Sie überhaupt ein Recht, in Deutschland zu sein?“ Stille im Saal. „Sie haben hier nichts zu suchen.“ Alex W. wurde laut. Und er drohte, „wenn die NPD an die Macht kommt, ist damit Schluss. Ich habe NPD gewählt.“

Direkt danach stürzte er sich mit dem Messer in der Hand auf die 31-Jährige. Ob Alex W. die NPD nicht nur gewählt hat, sondern auch mit ihr in Kontakt stand, ist offen. Die Partei versucht schon länger, Russlanddeutsche zu agitieren, obwohl viele Neonazis die Aussiedler als Ausländer ansehen und ablehnen. Im Februar 2008 gründete sich ein „Arbeitskreis der Russlanddeutschen in der NPD“. Die sächsischen Sicherheitsbehörden prüfen nun, ob sich in dem Material, das sie bei der Durchsuchung der Wohnung von W. mitgenommen haben, braune Propaganda findet. „Viele Aussiedler wollen hundertfünfzigprozentige Deutsche sein“, sagt ein Sicherheitsexperte, „das macht sie anfällig für NPD-Parolen“.

Was ist über den Angreifer bekannt?

Alex W. fühlte sich in Deutschland offenbar als Verlierer. In Russland hatte er einen Hauptschulabschluss und eine Lehre in Lagerwirtschaft gemacht. 2003 kam W. aus Perm, einer Stadt im Ural, in die Bundesrepublik. Er lernte rasch Deutsch, aber das war offenbar der einzige Erfolg in der neuen Heimat. Alex W. lebte in Dresden von Sozialhilfe und war zur Tatzeit Hartz-IV-Empfänger. Keine Stelle, keine Ehefrau, keine Kinder – der 28 Jahre alte W. entspricht ziemlich genau dem Klischee des frustrierten jungproletarischen Mannes, den das martialische, selbstbewusst scheinende Auftreten von Rechtsextremisten fasziniert.

Unklar bleibt weiter, ob W. schon in Russland auf Ausländerhass und vor allem Islamophobie programmiert war. Die Staatsanwaltschaft Dresden wartet noch auf Informationen der russischen Behörden zum Lebenslauf des Täters. Sicherheitskreise nennen die kursierenden Gerüchte, W. oder ein Angehöriger habe als Soldat in Tschetschenien gegen Rebellen gekämpft, „potenziell plausibel“. Zumal die Tat nicht nur vom Hass des Täters kündet, sondern auch einer möglicherweise trainierten Schnelligkeit im Umgang mit einem Messer. In 32 Sekunden versetzte W. der Ägypterin 18 Stiche, außerdem verletzte er den Ehemann Elwy O. schwer.