Das Timing hätte kaum besser sein können. Eigentlich hatte der Papst sein erstes Lehrschreiben zur Weiterentwicklung der katholischen Soziallehre schon im vergangenen Jahr vorlegen wollen. Doch die Finanzkrise kam dazwischen, mithilfe vieler Berater wurde die Enzyklika deswegen noch einmal grundlegend überarbeitet. Nun erschien sie genau einen Tag vor dem Beginn des G-8-Gipfels in L'Aquila, der ab morgen über eine Neuregulierung der Finanzmärkte und Hilfen für die Entwicklungsländer berät, und drei Tage vor dem Besuch von US-Präsident Barack Obama, der mit dem Papst wohl über die gleichen Themen sprechen wird.

So konnte der Papst den Weltlenkern eine Reihe von Mahnungen mit auf den Weg geben, die allerdings weit über den Tag hinausweisen. In seiner Enzyklika nennt er zwar keine konkreten Reformen, die nun notwendig seien. Aber Benedikt weist einen grundlegenden Weg: fort von der reinen Orientierung auf den Markt und eine falsch verstandene wirtschaftliche Freiheit. Denn, so schreibt er, "die Überzeugung, dass die Wirtschaft Autonomie erfordert und keine moralische 'Beeinflussung' zulassen darf", habe den Menschen dazu gedrängt, die Wirtschaft "auf zerstörerische Weise zu missbrauchen".

Nicht in der Globalisierung an sich sieht Benedikt ein Problem. Er betrachtet sie vielmehr als Chance zu einer "noch nie dagewesenen großen Neuverteilung des Reichtums" auf der Welt. Notwendig sei es jedoch, "die schweren Mängel dieses Prozesses zu beheben, die neue Spaltungen zwischen den Völkern und innerhalb der Völker verursachen".

Eine grundlegende Ursache dafür ist aus Sicht des Papstes, dass die Wirtschaft ausschließlich am Streben nach Profit ausgerichtet ist. Deshalb fordert er auch eine umfassende Regulierung und Neustrukturierung des Finanzmarktes nach "moralischen Gesichtspunkten". Denn alles Handeln des Menschen, und damit auch sein wirtschaftliches, müsse sich an ethischen Maßstäben orientieren, eben der "Liebe in Wahrheit", wie der Titel der Enzyklika übersetzt lautet: "Die ganze Wirtschaft und das ganze Finanzwesen - nicht nur einige ihrer Bereiche - müssen nach ethischen Maßstäben als Werkzeuge gebraucht werden."

Benedikt bewegt sich damit leicht fort von seinem Vorgänger Johannes Paul II., der nach dem Ende des Kommunismus Sympathien für einen Marktliberalismus gezeigt hatte, und nähert sich dem Reformpapst Paul V I. an. Der hatte 1967 in seiner viel beachteten Enzyklika Populorum progressio (Die Entwicklung der Völker) eine ganzheitliche und gerechte Entwicklung gefordert – ein Gedanke, den Benedikt breit würdigt und jetzt unter den veränderten Bedingungen der Globalisierung fortschreiben möchte.

Leitmotiv sind dabei für ihn die Solidarität und die Subsidiarität. Und dies bedeutet nach der katholischen Lehre, dass nicht der Staat allein für die moralische Ordnung zuständig ist, sondern "dass sich alle für alles verantwortlich fühlen". Dazu gehören für ihn auch die Verantwortung der Industrie- für die Entwicklungsländer genauso wie etwa Verpflichtung der Gewerkschaften auch gegenüber den Arbeitslosen.

Der radikalste Gedanke allerdings bezieht sich auf die globale Ebene. Hier fordert der Papst nichts weniger als eine "politische Weltautorität". Deren Aufgabe: die Weltwirtschaft zu steuern, die von der Krise betroffenen Wirtschaften zu sanieren, eine Verschlimmerung der Krise und sich daraus ergebenden Ungleichgewichte zu verhindern sowie eine "vollständige Abrüstung" zu verwirklichen, den Umweltschutz zu gewährleisten und die Migrationsströme zu regulieren. Also eine Art Weltregierung, wobei es Benedikt allerdings offen lässt, wie die genau ausgestaltet werden sollte und wer ihre Träger sein sollen. Diese "Weltautorität" müsse jedoch "die Befugnis besitzen, gegenüber den Parteien den eigenen Entscheidungen wie auch in den verschiedenen internationalen Foren getroffenen abgestimmten Maßnahmen Beachtung zu verschaffen".