Doping Der Fall Pechstein schafft viel Platz für Streit

War es rechtens, Claudia Pechstein aufgrund von Indizien zu sperren? Das im Herbst erwartete Grundsatzurteil zur Dopingbekämpfung gilt als richtungsweisend

Claudia Pechstein hat über den schlimmsten Fall noch nicht nachgedacht. Jedenfalls sagt sie das. Die Frage, ob sie weitertrainieren wolle, falls der Internationale Sportgerichtshof Cas die zweijährige Sperre gegen die Berliner Eisschnellläuferin tatsächlich bestätigen sollte, die Frage also, ob im Februar 2011 noch ein Comeback der dann 39-Jährigen folgen könnte - weist Pechstein im persönlichen Gespräch von sich. "Ich werde bei Olympia in Vancouver starten", antwortet sie dann mit selbstgewissem Lächeln.

Bis das allerdings vor dem höchsten Sportgericht der Welt entschieden werden kann, hat Pechstein noch Monate der Ungewissheit zu überstehen. Das erwartete Grundsatzurteil wird frühestens im Herbst fallen, heißt es aus Kreisen des Cas in Lausanne. Wohl erst im Oktober wird geklärt werden, ob Pechstein zu Recht von der Internationalen Eislauf-Union (ISU) gesperrt worden ist, weil bei ihr auffällige Blutwerte festgestellt worden waren. Wie berichtet wiesen mehrmals die Werte ihrer Retikulozyten, das sind junge rote Blutkörperchen, Ausschläge nach oben aus. Übrigens auch während der Mehrkampf-WM in Hamar im Februar dieses Jahres, die Pechstein dann krankheitsbedingt abgebrochen hatte. Als Begründung nannte sie eine Grippe, was falsch war.

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Pechstein sagt öffentlich, dass sie die Zeit bis zum Urteil für Training nutze und sich auf eine mögliche Blutkrankheit untersuchen lasse. Tatsächlich setzt sie ihre Medienoffensive fort - am Montagabend stellte sie im Bayerischen Fernsehen ihre Sicht der Dinge dar. Diese Sicht lautet: Ich habe nicht gedopt. Und die Indizien der Sperre sind zweifelhaft.

Das wiederum finden viele Dopingforscher zweifelhaft. Denn wenn Pechstein an einer Blutkrankheit leiden würde, fragen sie, wäre ihr umstrittener Blutwert dann nicht dauerhaft hoch? Hier bleibt noch viel Platz für Streit unter Experten.

Da es sich um einen Präzedenzfall handelt, gilt das Urteil für die Zukunft der Dopingbekämpfung als richtungsweisend. "Das Verfahren muss glaubwürdig sein und deshalb mit Sorgfalt geführt werden", verlangte Thomas Bach, Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB), im Gespräch mit dem Tagesspiegel. Bach sagte: "Wir brauchen ein klares, nachvollziehbares Ergebnis, das auf Dauer Bestand hat." Schließlich könnte das Urteil von der unterlegenen Seite vor dem Schweizer Bundesgericht oder dem Europäischen Gerichtshof angefochten werden. Zudem kündigte Pechstein an, im Fall eines Erfolges ihrerseits die ISU auf Schadenersatz zu verklagen. Auf alle Fälle steht auch der Code der Welt-Anti-Doping-Agentur Wada zur Entscheidung, der seit 2009 Sperren nur anhand auffälliger Blutwerte möglich macht. "Die neuen Möglichkeiten der Wada sind wichtig im Kampf gegen Doping", sagte Bach, der auch Vizepräsident des Internationalen Olympischen Komitees ist. "Deshalb muss das Verfahren in diesem Präzedenzfall sorgfältig geführt werden."

Während Pechstein am Montagvormittag nur ein leichtes Radtraining absolvierte, relativierte der Dopingexperte Fritz Sörgel seine Einschätzungen des Falles, nachdem er Einsicht in die Unterlagen der ISU-Disziplinarkommission genommen hatte. "Experten müssen sich an einen Tisch setzen und eine Wahrscheinlichkeit ermitteln, wie häufig so ein Retikulozyten-Wert in der Bevölkerung überhaupt entstehen kann", sagte Sörgel und forderte eine aktivere Rolle der Nationalen Anti-Doping-Agentur in dem Fall. Sörgel bekräftigte aber seine Äußerung, wonach es der fünfmaligen Olympiasiegerin kaum möglich sei, eine genetische Krankheit nachzuweisen. "Ihre Profile sind tatsächlich absolut ungewöhnlich. Es ist phänomenal, wie niedrig ihre Hämatokrit- und Hämoglobin-Werte sind. Sie liegen sogar teilweise unter den Normalwerten", sagte Sörgel.

Bei Pechsteins Arbeitsverhältnis scheinen die Dinge einfacher zu liegen: Die Athletin muss sich auch von ihrem offiziellen Arbeitgeber - seit 1993 gehört sie der Bundespolizei an - Fragen gefallen lassen. Derzeit ruht ein eingeleitetes Disziplinarverfahren, das nach dem Urteil in Lausanne wieder aufgenommen wird. Pechstein ist verbeamtet, ihr formaler Dienstort ist die Sportschule der Bundespolizei im bayerischen Bad Endorf. Eine Entlassung aus dem Dienst und damit ein Verlust des Beamtenstatus' wäre eigentlich unüblich, sagen Juristen. Normalerweise sei diese Sanktion nur möglich, wenn Beamte zu einer Freiheitsstrafe von mehr als einem Jahr verurteilt worden sind. In Deutschland ist Doping kein Straftatbestand. Allerdings hat Pechstein eine Dopingklausel in ihrem Arbeitsvertrag unterschrieben. "Da wäre ich schön blöd, wenn ich dopen würde", sagte sie zuletzt.

Das immerhin weiß Claudia Pechstein schon jetzt sicher: Bei diesem Verfahren steht mehr für sie auf dem Spiel als eine Wettkampfsperre von zwei Jahren.
 

 
Leser-Kommentare
  1. Eines vorne weg, ich bin absolut gegen Doping.

    Trotzdem ist die Frage, ob angesammelte Vermutungen langen die Karriere eines Profisportlers zu zerstören.
    Wenn man daran denkt was aus dem Fall Fuentes geworden ist könnte einem schlecht werden, aber scheinbar hatte er sehr einflussreiche Fürsprecher, manche behaupten sogar aus spanischen Regierungskreisen.
    Im Langlauf, Biathlon, Schwimmen und Radfahren haben sehr viel eindeutigere Beweise nicht zu Sperren oder nur zu einer Schutzsperre geführt, beim ersten Mal.

    Und nun die plötzliche Kreuzigung von Claudia Pechstein auf einem sehr viel wackeligeren Fundament. So weit mir bekannt gilt im deutschen Recht die Unschuldsvermutung und nicht die Schuldvermutung.
    Und mehr als eine Vermutung scheint es derzeit nicht zu geben.

    Warum also ein Kreuzzug in dieser amateurhaft anmutenden Art und Weise ?

    Wollen sich die vermeintlichen Dopingjäger dafür rächen, dass die Dopingsünder Ihnen immer einen Schritt voraus waren und starten ein riskantes Überholmanöver, das Ihnen die Reputation kosten könnte ?

    Kreuzzüge sind was gefährliches und keiner weiss vorher wer siegreich nach Hause zurückkehren wird.
    Verbitterung ist kein guter Ratgeber für honorige Wissenschaftler. Sie sollten doch als Naturwissenschaftler Wert auf aussagekräftige Beweise legen und nicht Vermutungen als Beweise verkaufen.

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    Die im TV und manchen Zeitungen gezeigten Kurven ohne Fehlerbetrachtung hätte die Biomathematik bei jeder Doktorarbeit vernichtet.

    LG

    Die im TV und manchen Zeitungen gezeigten Kurven ohne Fehlerbetrachtung hätte die Biomathematik bei jeder Doktorarbeit vernichtet.

    LG

  2. Das Blutprofil von Frau Pechstein ist doch kein Indiz. Das Blutprofil von Frau Pechstein zeigt eine Auffälligkeit, die es eben nur bei vorangegangenem Doping gibt. (oder bei einer genetischen Besonderheit, aber dann wäre doch das gespeicherte Blutprofil auch schon auffällig gewesen)

    Daher ist das doch keine Sperre aufgrund von Indizien, sondern eine Sperre aufgrund einer klaren Feststellung.

    Indizien sind alle die Dinge außen rum. Seltsame Leistungssteigerungen im letzten Winter und auch in einem der Vorjahre.

    Daher alles schon mal gehört. Nie positiv getestet. Schwer krank. Nie gedopt. Es langweilt einfach.

    Herr Schäuble übernehmen Sie. Doping MUSS einfach Konsequenzen haben. Leider eben auch im Beruf. Warum denn nicht im Beruf? Und warum nicht im Beruf bei einer Vorzeigebeamtin?

    Den Dopingmißbrauch wird man dann verhindern können, wenn es harte Konsequenzen gibt. Und vielleicht ist Frau Pechstein die erste oder nach Jan Ullrich die Zweite. Jan Ullrich wurde auch nie positiv getestet, oder?

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    • P_S
    • 07.07.2009 um 16:31 Uhr

    Von Indizien spricht man (und man sollte es in diesem Fall auch weiterhin machen, solange kein Geständnis vorliegt), weil man es nicht beweisen kann. Das einzige, was man beweisen kann, ist eine zum Zeitpunkt der Blutabnahme bestehende Anomalie, nicht mehr und nicht weniger!
    Wie es zu dieser Anomalie gekommen ist, ist von Seiten der Wisenschaft zu klären!
    (Defekt im Messgerät (Sind die gewälten Tollaranzen in der Herstellung des Gerätes vielleicht zu gross gewählt worden!), liegt eine bekannte oder unbekannte Bluterkrankung vor, die erst mit dem alter auftritt, rührt der Defekt aufgrund von Viren oder Bakterien, die in der Medizin noch nicht bekann sind her, etc. etc..., der Fantasie der Wissenschaft sind hier keine Grenzen gesetzt.... )
    Es gilt, auch eine 99% Wahrscheinlichkeit ist nur ein Indiz, da es nicht 100 % sind!
    Auch wenn etliche gerne gedanklich 99 % = 100 % setzen, gilt immer erst zu Untersuchen, was ist mit dem 1 %!
    Solange also keine 100 % iger Nachweis (Geständnis oder Verfahren vorliegt) gilt die Unschuldsvermutung!

    Die Verlautbarungen der "Dopingexperten": "Das Blutprofil von Frau Pechstein zeigt eine Auffälligkeit, die es eben nur bei vorangegangenem Doping gibt. (oder bei einer genetischen Besonderheit, aber dann wäre doch das gespeicherte Blutprofil auch schon auffällig gewesen)" sind unsinnig.

    Im klinischen Alltag kommen solche Reticulocyten-Zahlen relativ häufig vor und zwar immer dann, wenn ein vorheriger Blutverlust, z. Bsp. bei starker Periode durch vermehrte Blutbildung kompensiert wird. (Dies würde auch erklären warum Hb- und Hk-Wert (also die Konzentration von Blutfarbstoff und roten Blutkörperchen) nicht erhöht waren. (Hätte Frau Pechstein tatsächlich gedopt dann ohne Effekt!)

    Tatsächlich hat die etwas naive Aussage von Frau Pechstein: "Sie sei niemals positiv getestet worden" eine erhebliche Relevanz. Bei der Vielzahl der durchgeführten Untersuchungen ist es schon sehr unwahrscheinlich, dass bei einem ständigem Epo-Doping nie ein erfolgreicher Nachweis gelungen ist.

    Wie auch immer! Bei objektiver, rein medizinischer (nicht-sportmedizinischer und nicht Doping-Experten-Sicht) sind eine Vielzahl Erklärungen denkbar.

    • P_S
    • 07.07.2009 um 16:31 Uhr

    Von Indizien spricht man (und man sollte es in diesem Fall auch weiterhin machen, solange kein Geständnis vorliegt), weil man es nicht beweisen kann. Das einzige, was man beweisen kann, ist eine zum Zeitpunkt der Blutabnahme bestehende Anomalie, nicht mehr und nicht weniger!
    Wie es zu dieser Anomalie gekommen ist, ist von Seiten der Wisenschaft zu klären!
    (Defekt im Messgerät (Sind die gewälten Tollaranzen in der Herstellung des Gerätes vielleicht zu gross gewählt worden!), liegt eine bekannte oder unbekannte Bluterkrankung vor, die erst mit dem alter auftritt, rührt der Defekt aufgrund von Viren oder Bakterien, die in der Medizin noch nicht bekann sind her, etc. etc..., der Fantasie der Wissenschaft sind hier keine Grenzen gesetzt.... )
    Es gilt, auch eine 99% Wahrscheinlichkeit ist nur ein Indiz, da es nicht 100 % sind!
    Auch wenn etliche gerne gedanklich 99 % = 100 % setzen, gilt immer erst zu Untersuchen, was ist mit dem 1 %!
    Solange also keine 100 % iger Nachweis (Geständnis oder Verfahren vorliegt) gilt die Unschuldsvermutung!

    Die Verlautbarungen der "Dopingexperten": "Das Blutprofil von Frau Pechstein zeigt eine Auffälligkeit, die es eben nur bei vorangegangenem Doping gibt. (oder bei einer genetischen Besonderheit, aber dann wäre doch das gespeicherte Blutprofil auch schon auffällig gewesen)" sind unsinnig.

    Im klinischen Alltag kommen solche Reticulocyten-Zahlen relativ häufig vor und zwar immer dann, wenn ein vorheriger Blutverlust, z. Bsp. bei starker Periode durch vermehrte Blutbildung kompensiert wird. (Dies würde auch erklären warum Hb- und Hk-Wert (also die Konzentration von Blutfarbstoff und roten Blutkörperchen) nicht erhöht waren. (Hätte Frau Pechstein tatsächlich gedopt dann ohne Effekt!)

    Tatsächlich hat die etwas naive Aussage von Frau Pechstein: "Sie sei niemals positiv getestet worden" eine erhebliche Relevanz. Bei der Vielzahl der durchgeführten Untersuchungen ist es schon sehr unwahrscheinlich, dass bei einem ständigem Epo-Doping nie ein erfolgreicher Nachweis gelungen ist.

    Wie auch immer! Bei objektiver, rein medizinischer (nicht-sportmedizinischer und nicht Doping-Experten-Sicht) sind eine Vielzahl Erklärungen denkbar.

    • P_S
    • 07.07.2009 um 16:31 Uhr

    Von Indizien spricht man (und man sollte es in diesem Fall auch weiterhin machen, solange kein Geständnis vorliegt), weil man es nicht beweisen kann. Das einzige, was man beweisen kann, ist eine zum Zeitpunkt der Blutabnahme bestehende Anomalie, nicht mehr und nicht weniger!
    Wie es zu dieser Anomalie gekommen ist, ist von Seiten der Wisenschaft zu klären!
    (Defekt im Messgerät (Sind die gewälten Tollaranzen in der Herstellung des Gerätes vielleicht zu gross gewählt worden!), liegt eine bekannte oder unbekannte Bluterkrankung vor, die erst mit dem alter auftritt, rührt der Defekt aufgrund von Viren oder Bakterien, die in der Medizin noch nicht bekann sind her, etc. etc..., der Fantasie der Wissenschaft sind hier keine Grenzen gesetzt.... )
    Es gilt, auch eine 99% Wahrscheinlichkeit ist nur ein Indiz, da es nicht 100 % sind!
    Auch wenn etliche gerne gedanklich 99 % = 100 % setzen, gilt immer erst zu Untersuchen, was ist mit dem 1 %!
    Solange also keine 100 % iger Nachweis (Geständnis oder Verfahren vorliegt) gilt die Unschuldsvermutung!

  3. Die Verlautbarungen der "Dopingexperten": "Das Blutprofil von Frau Pechstein zeigt eine Auffälligkeit, die es eben nur bei vorangegangenem Doping gibt. (oder bei einer genetischen Besonderheit, aber dann wäre doch das gespeicherte Blutprofil auch schon auffällig gewesen)" sind unsinnig.

    Im klinischen Alltag kommen solche Reticulocyten-Zahlen relativ häufig vor und zwar immer dann, wenn ein vorheriger Blutverlust, z. Bsp. bei starker Periode durch vermehrte Blutbildung kompensiert wird. (Dies würde auch erklären warum Hb- und Hk-Wert (also die Konzentration von Blutfarbstoff und roten Blutkörperchen) nicht erhöht waren. (Hätte Frau Pechstein tatsächlich gedopt dann ohne Effekt!)

    Tatsächlich hat die etwas naive Aussage von Frau Pechstein: "Sie sei niemals positiv getestet worden" eine erhebliche Relevanz. Bei der Vielzahl der durchgeführten Untersuchungen ist es schon sehr unwahrscheinlich, dass bei einem ständigem Epo-Doping nie ein erfolgreicher Nachweis gelungen ist.

    Wie auch immer! Bei objektiver, rein medizinischer (nicht-sportmedizinischer und nicht Doping-Experten-Sicht) sind eine Vielzahl Erklärungen denkbar.

  4. Die im TV und manchen Zeitungen gezeigten Kurven ohne Fehlerbetrachtung hätte die Biomathematik bei jeder Doktorarbeit vernichtet.

    LG

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