Schweinegrippe Der Eisberg zeigt seine Spitzen

Punktuelle Schulschließungen werden das H1N1-Virus in Deutschland nicht mehr aufhalten können – zum Glück verläuft die Amerikagrippe weiterhin zumeist harmlos. Kommentar.

An dem Trollrotz kann es jedenfalls nicht gelegen haben. Als Harry Potters rothaariger Freund Ron Weasley vergangene Woche die Amerikagrippe bekam, lag der Körperkontakt mit dem unappetitlichen Zauberwesen schon acht Jahre zurück. Harry und Weasley hatten den Troll zur Strecke gebracht, indem sie ihm einen Zauberstab in die rotzende Nase steckten und dann eine Keule auf seinem Schädel niedergehen ließen. Ob Trolle überhaupt vom Influenzavirus infiziert werden können, ist allerdings trotz intensiver Forschung in Hogwarts’ Zauberlaboren nicht geklärt. Davon abgesehen gehört Schnupfen nicht zu den typischen Symptomen der Amerikagrippe.

Dennoch hätte die Seuche die Londoner Premiere des neuesten Harry-Potter-Films am gestrigen Dienstag um ein Haar platzen lassen: Weasley-Darsteller Rupert Grint war nämlich während der Dreharbeiten zur nächsten Folge der Potter-Saga krank geworden. Da es ihm am Sonntag schon besser ging, verzichteten die britischen Behörden jedoch auf die sonst übliche einwöchige Quarantäne – sonst hätten die Hauptdarsteller zu Hause bleiben müssen.

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Mit Muggels, also gewöhnlichen Menschen ohne Zauberkräfte, gehen die Gesundheitsbehörden weniger zuvorkommend um. Beim Auftreten von Amerikagrippe in Schulen oder Kindertagesstätten werden diese in der Regel für eine Woche geschlossen. Personen mit engem Kontakt zu den Infizierten sollen zu Hause bleiben bis feststeht, ob sie sich angesteckt haben.

Auch das Berliner Humboldt- Gymnasium wurde für eine Woche geschlossen, nachdem dort das Virus ausgebrochen war. Allerdings haben die Eltern der infizierten Kinder keinen Hausarrest, sondern dürfen weiter zur Arbeit gehen. Die Lehrer können weiter im Schulgebäude arbeiten und hielten am Montag sogar eine Versammlung ab. Für nicht erkrankte Schüler gibt es keine verbindlichen Vorschriften – sie könnten theoretisch in der schulfreien Woche nach Los Angeles fliegen, dort mit 100 000 schniefenden Fans Abschied von Michael Jackson feiern und munter Grippeviren austauschen.

Erstaunlicherweise würde das für die Verbreitung der Amerikagrippe allerdings keine Rolle spielen: sie ist ohnehin nicht mehr aufzuhalten. Dass die von den Behörden registrierten Fälle nur die Spitze eines Eisberges sind, zeigt auch der Ausbruch an dem Berliner Gymnasium. Dessen Entdeckung ist in erster Linie einem Zufall zu verdanken.

Vergangene Woche war bei einer 17-Jährigen die Amerikagrippe festgestellt worden. Auf der Suche nach der Infektionsquelle geriet eine Schülergruppe aus den USA ins Visier der Gesundheitsbehörde, mit der die Patientin Kontakt gehabt hatte. Nachdem drei der Austauschschüler aus Texas positiv waren, wurde die Untersuchung auf die ganze Schule ausgedehnt. Wie sich inzwischen herausstellte, waren die Austauschschüler jedoch schon seit Wochen in Deutschland und können die Krankheit deshalb nicht eingeschleppt haben. Die Quelle des Ausbruchs liegt bis auf Weiteres im Dunkeln.

Leser-Kommentare
  1. Der Artikel ist viel unaufgeregter als all die anderen, die ich bisher zu diesem Thema gelesen habe. Keine hanebüchenen Theorien über die Mutation des Viruses oder anderweitige Panikmache. Vielleicht sollte man öfter mal die Menschen Artikel schreiben lassen, die sich auch mit dem Thema auskennen.

    • Krisse
    • 08.07.2009 um 15:46 Uhr

    Dem ersten Kommentar muss ich zustimmen. Inzwischen hat sich ja gezeigt, dass die Gefahr der Amerika-Grippe nicht übermäßig hoch ist und ähnlich einer normalen Grippe verläuft. Dass wir trotzdem von einer Pandemie sprechen können (Definition frei nach der WHO: Die Grippe muss sich auf zwei Kontinenten von selbst ausbreiten können) zeigt allerdings, wie schwer eine Krankheit in ihrer Ausbreitung zu kontrollieren sein kann.

    Allerdigns ist die Überschrift "Schweinegrippe in Deutschland nicht mehr aufzuhalten", trotz des eher harmlosen Inhalts, recht reißerisch gewählt.

    Ciao Krisse

  2. Ich möchte hier nur anmerken, dass ich es sehr positiv finde, das im Text nicht mehr populistisch von "Schweinegrippe" gesprochen wird, sondern von der Amerikagrippe. Jetzt können wir nur noch an der Überschrift feilen, in der immer noch der falsche Begriff verwendet wird.

  3. Ja, muss mich meinen Vorrednern anschließen, reißerischer Titel, aber gediegener Inhalt - und die Amerika, bzw. Mexikogrippe als Namen gewählt.
    Vielen, vielen Dank!
    War auch schon fies dieser Begriff Schweinegrippe, irgendwie impliziert das doch eigentlich, dass der Infizierte ein Tier aus dieser Gruppe sein musste, aber vielleicht liegt das auch daran, dass wir Menschen und Schweine ähnlich aufgebautes Muskelgewebe haben - und auch schon die Ärzte wussten ganz genau, dass Männer - im Synonym für Menschheit - Schweine sind... vielleicht war der Begriff letztendlich doch nicht so schlecht gewählt.
    Lächerlich auch die Einstufung der Pandemie: 2 Kontinente, 3 Kontinente, ja jetzt aber wird die Welt untergehen!! Ich dachte sowas macht man an der Opferzahl oder der Zahl der Relativ zur Bevölkerung Erkrankten aus.
    Merkwürdige Mathematik...

  4. ein blick auf den tagesspiegel von ende april liest sich so
    (zitat kekule)

    „Im Gegensatz zu normalen Influenzaviren, die in jeder Grippesaison auftreten, verursacht das neue Virus besonders schwere Krankheitsverläufe und eine relativ hohe Zahl von Todesfällen.“

    Kekulé beunruhigt, dass offenbar nicht nur alte Menschen und Kleinkinder gefährdet sind, sondern auch bei sonst gesunden Menschen im mittleren Lebensalter schwere Krankheitsverläufe beobachtet werden. „Grundsätzlich hat das neue Influenzavirus deshalb das Potenzial, sich weltweit zu verbreiten“, sagt er.
    http://www.tagesspiegel.d...

    ach ja, und da war ja noch seinen forderung nach strengeern flughafenkontrolle, ebenfalls ende april geäußert (zitat aus focus vom 29.4.09)
    http://www.focus.de/gesun...
    Mit strengeren Flughafen-Kontrollen hätte dies hinausgezögert werden können.

  5. Ebensowenig wie diese Grippe selbst, lässt sich auch der Begriff "Schweinegrippe" nicht mehr aufhalten. Ich schlage vor, auch damit zu leben. Glauben Sie mir: den Schweinen ist das wurscht...

    • etiam
    • 08.07.2009 um 21:19 Uhr

    Wunderschön legt Herr Kekule den Finger in die Wunde - Maßnahmen des Staates (häusliche Isolierung, Schulschließung etc.) sind nach sachlichen Gründen und dem grundgesetzlich verankerten Prinzip der Verhältnismäßigkeit nicht mehr zu rechtfertigen (anders als am Anfang der Erkrankung als aus Mexiko abenteuerliche Letalitätszahlen um die 10%!! gemeldet wurden - @others).
    Der Grund für diese Maßnahmen ist ja auch nicht die Sachlage - es ist die Urangst vor demokratischen Wahlen etwas angreifbares zu tun. Lieber macht man schwachsinniges: Opel retten(?!), Steuersenkungen versprechen, Krankenkassenbeiträge senken +Renten erhöhen....... bevor man das gebotene tut.
    Ich freue mich auf den Tag, an dem wie der Phoenix aus der Asche der Politiker aufersteht, der Arsch in der Hose hat - zurzeit ist alles Pudding!!!

    • maddus
    • 08.07.2009 um 21:50 Uhr

    "Erstaunlicherweise würde das für die Verbreitung der Amerikagrippe allerdings keine Rolle spielen: sie ist ohnehin nicht mehr aufzuhalten. Dass die von den Behörden registrierten Fälle nur die Spitze eines Eisberges sind, zeigt auch der Ausbruch an dem Berliner Gymnasium."

    "Aus statistischen Gründen ergeben radikale Maßnahmen wie allgemeine Schulschließungen oder Veranstaltungsverbote jedoch derzeit keinen Sinn, weil die Fallzahlen (noch) zu gering sind."

    Also, entweder die Grippe-Epidemie ist schon nicht mehr aufzuhalten oder sie ist noch nicht wirklich ausgebrochen, aber wie geht das beides gleichzeitig?
    Am Ende kann man wohl froh sein, dass das Virus nicht so aggressiv ist, denn dadurch konnte die Globalisierte Welt den Umgang mit einer Pandemie "proben", ohne dass viele Menschen sterben. Aber dieser Test ging schief, so viel steht fest.

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