Rechtsextremismus
Hilfe, die Nazis kommen!
Wie ein Aufmarsch der NPD den Zweitligisten Energie Cottbus veranlasst, ein Fußballspiel abzusagen und die Stadt Storkow durcheinanderbringt
Die Mädchen stehen an der Straße, sie halten ein Laken hoch, das haben sie bunt bemalt. "Wir spielen mit jeder Farbe" steht darauf, dazu Abdrücke ihrer Hände. Die Sonne scheint, die warme Luft steht still, die Mädchen wollen demonstrieren – für Toleranz, gegen rechts, sie dachten, dass wird spaßig, aber dann hören sie die Rechten, es ist ein Gedröhne, und dann kommen sie die Dorfstraße hoch, ein schwarzer Block, und die Mädchen kriegen Angst.
Es hat einen Aufruf gegeben, mit Rasseln und Transparenten die Demokratie zu verteidigen, hier in Storkow, an diesem Sonnabend, den 4. Juli, denn für den Tag hat sich die NPD angekündigt.
Es hat einen Aufruf gegeben, und nun stehen sie da, die Mutter und die zwei Kinder, allein an der Ecke Rudolf-Breitscheid-Straße, die Nazis kommen näher, sie grölen: "Storkow wach auf, hier kommt der Nationale Widerstand." Da fragt eins der Mädchen die Mutter: "Können wir woanders hingehen?", aber die sagt: "Da passiert euch nichts."
Eine Hoffnung, wie sie gerne gehegt wird: Die Rechten kommen, aber uns passiert nichts.
Storkow, ein Ort mit 9300 Einwohnern, Spree-Oder-Kreis, südöstlich von Berlin. Vor vier Wochen wurde das 800-jährige Stadtjubiläum gefeiert. Man freute sich über die schöne Landschaft mit den Seen, über die schicken Hotels und die frisch sanierte Burg und dass man den Touristen viel bieten kann. Man habe bewusst nichts Politisches machen wollen zum Stadtfest, sagt die Bürgermeisterin. Damit alles friedlich bleibt. Denn vielen ist nicht entgangen, was sich da so tut, auch wenn man bislang nicht viel darüber gesprochen hat. Dass die NPD bei den Kommunalwahlen im vergangenen Herbst 7,3 Prozent in Storkow geholt hat, dass der Bundessprecher der Partei von der Saale in den Nachbarort gezogen ist und dass die Rechten sich neuerdings bei jedem Dorffest zeigen. Nur so, um mit den Bürgern zu trinken. Erst nach dem dritten Bier wird dann der Sonnenschirm mit NPD-Logo aufgespannt, in der Hoffnung, dass die Leute darunter sitzen bleiben.
"Storkow, erwache", scheppert es weiter aus Megafonen. Vor vier Wochen war es friedlich geblieben, und jetzt das. Die NPD dröhnt durch den Ort.
Wie kommt man da wieder raus? Wie soll man sie verteidigen, die Demokratie, wenn die, die sie zerstören wollen, nur eine Demonstration anmelden müssen und schon liegt ein Schatten über allem?
Anlässlich des Stadtjubiläums war auch ein Fußballfest geplant, Termin: 4. Juli. Ort: Spielfeld des FSV Germania. Der Verein trainiert drei Kilometer hinter der Burg, und er gilt was in der Stadt. Der Klub-Präsident ließ seine Beziehungen zu Energie Cottbus spielen, das war im November 2008. Und ja, warum nicht das Ganze mit einem Zeichen verbinden?
"Wir wollten mit dem Fußballfest den Nazis etwas entgegen setzen", sagt Peter Witzke, Geschäftsführer der Fischerei Köllnitz in Storkow und Sponsor von Germania. So überlegte man sich als Motto: "Mit Energie gegen Rechtsextremismus". Das sei den Cottbusser zu direkt gewesen. "Mit Energie für Toleranz", das gefiel besser. Sponsoren waren leicht zu überzeugen, das Land gab Geld im Rahmen der Kampagne "Tolerantes Brandenburg". Im Februar wurde der Vertrag unterzeichnet. Die Bundesliga sollte nach Storkow kommen. Eine große Sache.
Am 8. Mai meldete die NPD eine Demonstration mit 150 Personen durch Storkow für den 4. Juli an. Am 9. Mai fand Johann Kney, der Präsident von Germania Storkow, die Begründung dafür in seinem Briefkasten. "Da unsere deutschfreundlichen Veranstaltungen leider oft linkskriminelle Attentäter auf den Plan rufen, ist zu befürchten, dass in Storkow am Wochenende des 4. Juli nicht nur der Rasen ,grün‘ sein wird", schrieb der Bundessprecher und Kreistagsabgeordnete der NPD, wohnhaft im Nachbardorf. Würde das Motto des Fußballfestes geändert, sei man bereit, die Demo zurückzuziehen, stand im Brief.
- Datum 2.9.2009 - 11:44 Uhr
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- Quelle ZEIT ONLINE, Tagesspiegel, 7.7.2009 - 07:23 Uhr
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Irgendwie hat sich mit steigendem Alter bei mir und meinen Schulfreunden die Ansicht durchgesetzt, dass Demonstrationen nicht wirken. Man versucht gezielt zu spenden, schreibt Briefe an politsche Entscheidungsträger, engagiert sich komunalpolitisch oder kulturell - wenigstens im Sportverein. Einige versuchen immer noch, unsere Mitbürger mit Informationsveranstaltungen in Fußgängerzonen zu erreichen, zu den verschiedensten Themen wie Umweltschutz oder staatliche Überwachung.
Aber Demonstrationen? Der maximale Effekt einer Demo - ohne Gewalt - waren einmal 30 Minuten Diskussion mit einem Landesschulpolitker. Dabei waren wir auf vielen Demonstrationen, man läuft mit der Masse, und die Stimmung kann schnell seltsam werden, wenn Gerüchte über Polizei-Angriffe (die es dann so doch nie gab) oder ähnliches die Runde machen. Geändert hat sich irgendwie nie etwas: es haben Rechtradikale aufgehört, Gewalt auf die Strasse zu tragen; es hat sich in der Schulrealität etwas geändert; die Kernkraft-Frage ist immer noch in der Schwebe; wir verteidigen unsere gesellschaftlichen Auffassungen (oder die Menschenrechte?) am Hindukusch;
Und dann kommt so ein schwarzer Block, ob es die Rechten oder die Linken sind, ist erstmal egal. Sie müssen noch nicht einmal Gewalt ausüben, allein die Masse wirkt bedrohlich (für mich die Linken weniger, das hat wahrscheinlich was mit der Sozialisation zu tun). Und sie erobern die Straße, verhindern unsere normalen Aktivitäten, führen zu einem weitern Rückzug (als hätten wir uns nicht schon ausreichend vom gesellschaftlichen Leben entfernt).
Hilfe - die Nazis kommen!
Was sollen wir tun? Die Strasse zurückerobern? Uns genauso verachtend gegenüber den staatlichen Errungenschaften verhalten, immer wieder sinnfreie Präsenzdemos anmelden? Angst verbreiten - Hilfe, die wasauchimmer kommen!
Betroffenheit über die Bedrohung. Aber was haben wir entgegenzusetzen? Taugen unsere Gesetze, reicht es, dem Staat das Feld zu überlassen? Oder den ganz jungen engagierteren Mitbürgern?
Ein Beispiel zu geben, sich tolerant zu verhalten gegenüber anderen Kulturen; Herkunft ohne Vorurteile zu betrachten; den Gegensatz zwischen staatsbürgerlichem Selbstschutz (wir können nicht der ganzen Welt ALG2 zahlen) und Menschenrechten auszuhalten; reicht das?
Was tun, wenn die Nazis kommen?
Sehen sie sich die Typen genau an. Wer laut schreit, der flötet auch im Wald und guckt abends unter sein Bett. Wer sich mit Knüppeln bewaffnet zeigt mit diesen Drohgebären seine Angst. Nur in der in der Masse mischt er mit.
In meinem Alter von 82 Jahren vergleicht man meist von damals…...
1945 März Kriegsgefangenenlager Zedelgem(Belgien) war am schwarzen Brett ein Zettel-Wir treffen und heute um… am schwarzen Brett und beraten –Was machen wir wenn der Führer die neuen Waffen über unser Lager abwirft? Das im März 1945 Nazis…..
Wir waren in dem Camp von 1000 Gefangenen ca. 5 Mann die sich das Hakenkreuz von der Uniform entfernt hatten. Es bildete sich schnell ein Rollkommando das sich mit Stöcken bewaffnete sie suchten immer nur einen von uns um ihn dazu zu bringen das Hoheitsabzeichen wieder anzunähen. Ich war als Fallschirmjäger gut ausgebildet und hatte vorsorglich mein Hakenkreuz in die Latrine geworfen. So wurde ich dann beim täglichen Morgenapell als Verräter beschimpft bedroht……Nach dem Apell ging ich sehr oft durch die einzelnen Baracken und nie versuchte einer auch nur verbal sich mit mir anzulegen. Einmal erschienen sie in der Dunkelheit vor unserer Baracke-sie war mit 80 Mann belegt-und wollten mich abholen- Der Barackenälteste ein Feldwebel wies das Pack ab „Wenn es hier etwas zu regeln gibt machen wir es selbst…“
Am 8 Mai 1945 war der Spuk zu Ende! Nazis gab es im Lager nicht mehr!
Walter Wasilewski
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