Afghanistan Kabul – Leben im Ausnahmezustand
Tina Marie Blohm arbeitet an einem Ort, der meist nur negative Schlagzeilen macht: Sie schult in Kabul junge Leute in Demokratie. Trotz aller Gefahren sieht sie Hoffnung

© privat/ZEIT ONLINE
Tina Marie Blohm leitet das Büro der Friedrich-Ebert-Stiftung in Kabul
Der Tag beginnt für Tina Marie Blohm ganz ungewohnt, ganz ohne die übliche Anspannung. Bevor sie das Haus verlässt, muss sie sich heute nicht über die Sicherheitslage informieren. Kein dumpfes Dröhnen von Bombenexplosionen, kein Geknatter von Gewehren hat ihren Schlaf gestört.
Die Sonne scheint über Berlin, die Hektik der Großstadt umgibt die 30-Jährige. Sie kann sich frei bewegen, sich einfach in ein Café setzen oder in Ruhe einkaufen. Sie genießt es, überall sicher zu sein. Ein gutes, ein kostbares Gefühl.
In Kabul verlässt Tina Marie Blohm nie ohne einen Leibwächter das Haus. Sie kann dort nicht einfach herumlaufen, nimmt immer das Auto und fährt nur von einem sicheren Ort zum anderen. Sie trägt draußen stets ein Kopftuch oder eine Mütze, mit denen sie ihre blonden Haare verbirgt, um nicht als Ausländerin erkannt zu werden. Und wenn Sie ein Fahrtziel nicht kennt, ruft sie vorher bei einer Hotline der Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) an und informiert sich: Ist die geplante Strecke sicher? Wo lauern mögliche Gefahren?
Tina Marie Blohm lebt im dauerhaften Ausnahmezustand. Sie leitet in Kabul das Büro der Friedrich-Ebert-Stiftung. Sie und die zehn Angestellten organisieren Konferenzen, bei denen Politiker auf junge Leute treffen. Sie bieten Seminare für Journalisten und Provinzpolitiker an. Und sie koordinieren das Young-Leader-Programm der Stiftung, das Führungspersonal für die Zukunft des Landes ausbildet.
"Bei uns haben die Teilnehmer einen geschützten Raum für politische Diskussionen“, sagt Blohm. "Das gibt es nur sehr selten in Afghanistan." In den Seminaren treffen Menschen aus verschiedenen Volksgruppen und Landesteilen zusammen, sprechen über die Probleme, aber auch über die Chancen Afghanistans.
Das Land am Hindukusch gehört zu den gefährlichsten Regionen der Welt. Dort kämpfen Soldaten der USA und der Nato gegen Taliban und Terroristen. Warlords und Drogenbarone herrschen in vielen Landstrichen, Präsident Hamid Karsai entgleitet selbst der Einfluss auf Kabul.
In der Hauptstadt griffen Taliban bereits Ministerien an, immer wieder gibt es Anschläge. Und auch deutsche Einrichtungen geraten ins Visier der Extremisten. Vor der deutschen Botschaft in Kabul explodierte im Januar eine Autobombe, sie verletzte Wächter vor dem Gebäude und Mitarbeiter hinter den dicken Mauern.
- Datum 22.07.2009 - 09:23 Uhr
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man lernt vieles akzeptieren hier. An manches jedoch sollte man sich nie gewoehnen - sei es der Gestank von Faekalien, sei es die Anwesenheit von Waffen ueberall. Da wird es Frau Blohm sicher aehnlich gehen.
Eines jedoch soll hier nicht unkommentiert bleiben:
Die deutschen Diplomaten müssen aus Sicherheitsgründen auf dem Botschaftsgelände wohnen. Die Vertretung sieht aus wie eine Festung. Auch Tina Marie Blohms Privathaus liegt hinter Mauern und Stacheldraht. Ein Wächter, der das Viertel und die Nachbarn gut kennt, steht vor der Tür.
Dass gerade die Botschaftsangehoerigen vieler Laender sich immer mehr verschanzen (muessen) - ob das so der Gral ist ? Ich wage, es ernsthaft zu bezweifeln. Als das Dienstwohnungsgebaeude auf dem Compound der deutschen Botschaft im letzten Sommer abgenommen wurde, hatte ich Gelegenheit, mit einigen juengeren Mitarbeitern dort zu sprechen, die bisher irgendwo in Kabul wohnten und meist gar mit privatem PKW in die Botschaft zur Arbeit kamen.
Die hatten eher die Befuerchtung, dass das Wohnen und Arbeiten auf dem Compound letztlich dazu fuehren wuerde, dass sie bald gar keine Taliban mehr braeuchten, um sich die Hoelle auf Erden zu machen.
Und - an den Befuerchtungen ist sicher Einiges dran.
Wir bewegen uns hier in der Altstadt, wo wir einen Teil revitalisieren frei und relativ ungeschuetzt. Unser Schutz dort ist die Community selbst - und ihre Zusammenarbeit.
Verschanzt in einer Festung jedoch gibt's auch keine Nachbarschaft -
keine potenziellen Freunde, zu denen man Vertrauen aufbauen kann - keine potenziellen Feinde, die man einschaetzen lernen koennte.
Herzliche Gruesse aus dem ganz normalen Ausnahmezustand.
Ehrlich, naja so ehrlich Diplomaten eben sein können und die gibt es, erinnern wir uns an Jan Pronk und Sudan...
Auf jeden Fall, die Sandsäcke in Kabul, hinter denen sich Diplomaten, UNO-Leute, "Berater & Trainer", und andere "nützliche" Ausländer in Kabul verschanzen werden aus England heran gekarrt. Wir zahlen weil wir ignorieren das die Sicherheitsbedürfnisse nützlichen Ausländer dienen müssen, denn deren Landsleute (US&Alliierte) beschießen schließlich die afghanische Zivilbevölkerung ganz mutig mit Hell-Fire Raketen aus Drohnen, die ein heldenhafter "Pilot" in der Wüste von Nevada "fliegt". Das ist nicht feige und hinterhältig. Feige und hinterhältig sind die anderen, sagt Herr Jung.
Die Sandsackberge und Beton Mauern in Kabul sind beides, - ein Effekt von und durch den Krieg. Dabei hat es seit mehr als 6 Monaten kein "Selbstmord-Attentat" in Kabul gegeben. Was als "Sicherheit" bezeichnet wird generiert Angst. Es ist ein Paradox das solch ein Schutz nach immer mehr Schutz verlangt.
Heute Afghanistan, morgen die kurdischen Gebiete im Irak, für mich ist es nur noch die Frage wie lange wir unseren Irrtum noch verleugnen wollen (Herr Walser hatte hier in einem zärtlichen Brief an die Angela Merkel seine Bedenken geäußert und der Herr Joffe hat mit seinem Kommentar auf Walsers netten, offenen Brief an diese Eure Kanzlerin eine Hymne auf "Pax Americana" angestimmt in der er soviel durcheinander brachte, daß sein ganzer Dichter& Denker Opus wieder von dieser Seite genommen werden musste. Vielleicht hat er ja an Richi Holbrooke gedacht, Kosovo mit Bosnien verwechselt und überhaupt...
Ohne ehrliche Selbsteinschätzung der eigenen Möglichkeiten, gepaart mit Verleugnung letzten 30 Jahre afghanischer Vergangenheit kann nur ein vollkommen ignorantes Individuum zu der Schlußfolgerung kommen, daß ein asymmetrischer Krieg mit Hightech gewonnen werden kann. Schließlich ist es ein Krieg, keine Friedens "Mission"!
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