Ich arbeite bei einem Immobilienmakler. Unter anderem vergebe ich anstehende Reparaturen in Wohnungen und Häusern. Zu Weihnachten und zu meinem Geburtstag bekomme ich immer mal wieder Geschenke von den beauftragten Handwerkern. Nun hat mein Chef davon erfahren und mir verboten, diese Geschenke anzunehmen. Zudem habe ich eine Abmahnung erhalten. Wie soll ich mich jetzt verhalten?,
fragt Ralf Semmler

Sehr geehrter Herr Semmler,

Für jeden Chef ist es eine brisante Angelegenheit, wenn seine Mitarbeiter Geschenke annehmen. Denn es besteht immer die Gefahr, dass der Mitarbeiter dann nicht mehr alleine die Interessen seines Arbeitgebers wahrnimmt. Arbeitnehmer sind gegenüber ihren Arbeitgebern aber zur Loyalität verpflichtet. Nicht verwunderlich also, dass so manch ein Chef gereizt reagiert.

Nehmen Sie bei der Ausführung ihrer Aufgaben geldwerte Geschenke an oder erhalten andere Vorteile von Dritten, könnte Ihnen vorgeworfen werden, dass diese Präsente Sie in Ihrem Verhalten beeinflussen. Sie könnten sich zu Gunsten des „Verschenkers“ verhalten – und eventuell zum Nachteil Ihres Arbeitgebers. Da kann man schnell an Bestechlichkeit denken.

Ein Beispiel: Sie vergeben eine Wohnungsrenovierung an Handwerker A. Er gibt zwar nicht das günstigste Angebot ab, aber Sie wissen, dass Handwerker A die beste Leistung abliefert. Als Dankeschön für den Auftrag erhalten Sie von ihm zwei Theaterkarten. Ihr Arbeitgeber könnte nun vermuten, Sie hätten den Handwerker A nur bevorzugt, weil Sie wussten, dass er Sie beschenken würde – und obwohl er teuer ist als Handwerker B.

Arbeitgeber können in solchen Fällen sogar eine Kündigung aussprechen, ohne vorher eine Abmahnung erteilt zu haben. Es kommt auch nicht darauf an, ob es zu einem Vorfall kommt, bei dem der Arbeitgeber geschädigt wird, oder ob der Mitarbeiter überhaupt ernsthaft beabsichtigte, gegen die Interessen seines Arbeitgebers zu handeln. Das Vertrauen in die Zuverlässigkeit und Redlichkeit des Mitarbeiters ist gestört, eine Kündigung nicht ausgeschlossen. Und das Geschenk spricht dann für sich.

Zu Ihrem Fall: Sie schreiben leider nicht, was für Präsente Sie bekommen haben. Gegen kleine Geschenke wie zum Beispiel Schlüsselanhänger oder Kugelschreiber sollte Ihr Arbeitgeber keine Einwände haben. Anders sieht es schon mit Wein, Eintrittskarten oder einem hochwertigen Kalender aus. Diese „Aufmerksamkeiten“ sollten Sie auf keinen Fall annehmen und Ihren Arbeitgeber hierüber informieren.

Auch schreiben Sie leider nicht, ob Ihr Arbeitsvertrag über eine entsprechende Klausel verfügt. Verbietet Ihr Arbeitsvertrag die Annahme von Präsenten, sind auch die kleinen Aufmerksamkeiten für Sie tabu.

Da Unternehmen diese Art der Geschenke nicht unterbinden können, sind viele Betriebe dazu übergegangen, solche Präsente zu sammeln und bei Betriebsfeiern an die Belegschaft per Tombola zu verlosen. Eine gute Idee, wie ich finde.

Ihr Ulf Weigelt

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