Zwangserkrankungen Gefangen im eigenen LebenSeite 3/3
Es gibt Möglichkeiten, den Patienten zu helfen, etwa mit Medikamenten. Deren Wirkung hält aber nur solange an, wie der Patient sie tatsächlich nimmt. Beratung finden die Betroffenen in Selbsthilfegruppen, die über die Deutsche Gesellschaft Zwangserkrankungen zu finden sind, einem Verein, in dem sich Betroffene und Experten gemeinsam engagieren.
Darüber hinaus kann Zwangserkrankten mit einer Verhaltenstherapie geholfen werden. Sie sind notwendig, wenn jemand sehr unter dem Zwang leidet oder mehr als eine Stunde am Tag mit der Zwangshandlung verbringt, sagt Kischkel. Zunächst muss der Patient einsehen, dass der Zwang nicht von allein wieder verschwinde. Und er muss bereit sein, es mit einer Exposition zu versuchen.
Das Prinzip der Exposition kann man besonders einfach für den Waschzwang erklären: Die Patienten haben Angst, Krankheitskeime weiterzugeben. Sie glauben an das Prinzip der "unendlichen Verdünnbarkeit". Der angebliche Giftstoff an Toiletten und Türklinken bleibt für sie auch dann noch gefährlich, wenn sie einen Großteil davon schon von ihren Händen abgewaschen haben. Berühren sie andere, "kontaminieren" sie sie in ihrer Vorstellung. Bei der Exposition setzt die Therapeutin den Patienten einer besonders schlimmen Situation aus: Sie fährt mit ihm S-Bahn, er muss Türen und Stangen anfassen und sich auf die Sitze setzen. Wieder zu Hause, muss er mit der in der S-Bahn getragenen Hose sein Bett "kontaminieren". "In so einer Situation schnellt die Angst zuerst nach oben und lässt dann einfach wieder nach", sagt Kischkel. "Der Körper kann nicht so lange angespannt sein." Zwei bis drei solcher 4-stündigen Übungen gehörten zur Therapie, die insgesamt rund eineinhalb Jahre dauert.
Charlotte Behring sagt, ihre Zwänge seien immer extremer geworden. Schließlich verließ sie das Haus nicht mehr, bat ihren Freund, sie einzusperren, zum Schutz für sie selbst und andere. Sie stellte sich vor, sie würde sich an einem Bettlaken aus dem Fenster abseilen, zum Bahnhof laufen, unterwegs ihren Freund verletzen und sich schließlich vor einen Zug werfen. Wie zuvor konnte sie nicht unterscheiden, was sie nur gedacht und was sie tatsächlich getan hatte oder tun würde. "Im Kopf wusste ich, was richtig und was falsch ist. Aber ich habe meinem Gefühl vertraut." Doch das Gefühl machte aus jeder Situation das Schlimmste. Sie besuchte eine Therapie, in der sie lernte, ihrem Kopf zu vertrauen, indem sie ein brennendes Feuerzeug in die Nähe einer Gardine hielt. Sie sollte so lange stehen bleiben, bis die Angst nachließ.
Es war hart, aber hilfreich. Auf ähnliche Weise übte sie die Konfrontation mit Situationen wie Bahnfahren und Autofahren. Acht Jahre nach dem ersten "komischen Gedanken" dachte sie zum ersten Mal: "Es geht mir gut."
- Datum 14.07.2009 - 13:13 Uhr
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- Quelle ZEIT ONLINE, Tagesspiegel 13.7.2009
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Ein wenig genauer sollten wir´s im Leben schon nehmen, dann würden wir uns oft die Probleme nicht immer wieder erneuern, die wir doch loswerden wollen. Wenn man Zwangsvorstellungen LOSwerden will, muss man sich dann VERhalten? Als Ich-kann-Schule-Lehrer würde ich doch meinen, dass ENThalten da weitauszielführender wäre. Deshalb machte ich da auch keine VERhaltenstherapie sondern eine ENThaltenstherapie: eine Pflege und Verehrung des Enthaltens. Griech. THERAPEUEIN heißt nämlich VEREHREN, PFLEGEN. Dadurch würde das ENThalten zu Kräften kommen und sich gegen den Zwang durchsetzen, indem es sich einfach ANDERE Vorstellungen wählt, die ihm besser gefallen und bekommen. AUTOSUGGESTION würde ich das nennen, geschickt eigenen Einfluss ausüben. Dann kommen fremde Einflüsse nicht mehr so zum Zug.
Der Zwang kommt ja zum Tragen wenn der Betroffene zu schwach ist, über seine Seelen- und Geistes-Kräfte zu verfügen. Folglich wäre es doch nicht unklug, diese Seelen- und Geisteskräfte zu stärken. Wir füttern ja den Körper auch mehrmals pro Tag - warum also Geist und Seele immer hungern lassen? AUTOSUGGESTION - eigenen Einfluss ausüben um den eigenen Einfluss zu stärken - was wird in solchem Falle mehr benötigt? Wir müssen nur wieder lernen, ORIGINAL mit unseren feinsten Talenten umzugehen und nicht immer unüberlegt alles mögliche auf sie anzuwenden. Vielleicht sollten wir etwas dafür wiederentdecken, was früher allgemein bekannt war: den gesunden Menschenverstand. Ich grüße freundlich.
Franz Josef Neffe
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