Harry Potter Triumph des Verrats Seite 2/2

Bei Bertolt Brecht lautete die erlösende Formel: Wer A sagt, muss nicht B sagen, er kann auch erkennen, dass A falsch war. Es ist eine uralte und sehr moderne Botschaft, die in allen Potter-Büchern steckt. Eine bessere Welt ist möglich, aber wir müssen sie schon selber machen, und das erfordert Mut.

Für diesen Mut immerhin ist im neuen Harry-Potter-Film mehr Raum als in den vorherigen. Die Spezialeffekte werden diesmal nicht zusammenhanglos abgefeuert. Peinliche, holzschnittartige Familienszenen kommen kaum vor, die pubertären Liebesverwicklungen sind ironischer und kürzer erzählt. Stattdessen dominieren fantastische Bilder: wilde Verwandlungen und tosende Weltuntergangspanoramen, weite leuchtende Landschaften und klaustrophobische, fast schwarze Kammerszenen, kerzenflackernde Schlossinterieurs wie aus der schönsten Gothic Novel, geheimnisvolle Friedhofssituationen, schwindelerregende Himmelfahrten, wirbelnde Tauchgänge in die Erinnerung, Funken sprühende und federleichte Zaubertricks. Was man mit filmtechnischen Mitteln erreichen kann, das erreicht die Regie: Wir schwelgen im Anblick einer märchenhaften Anderswelt und vergessen unsere eigene Erdgebundenheit.

Jedoch: Vor der psychologischen Tiefe und der philosophischen Flughöhe der Literatur versagt der Regisseur wieder kläglich. Natürlich können Filme mit ihren eigenen Mitteln Komplexität erzeugen, die der eines Romans ebenbürtig ist. Im Falle von Harry Potter fehlt den Warner Bros. Studios allerdings die Chuzpe, vielleicht auch das Talent, einen literarischen Weltbestseller souverän zu handhaben und für ihr Genre neu zu erfinden.

Wie transformiert man 13 Stunden Lesezeit in zweieinhalb Stunden Kinozeit? In Harry Potter und der Halbblutprinz gibt es durchaus Versuche, Bilder für sich sprechen zu lassen und auf filmische Kolportage der Literatur zu verzichten. Aber weil letztlich doch die Hauptzüge der weit verzweigten Handlung nacherzählt werden sollen, bleiben die Figurenbeziehungen oberflächlich und die entscheidenden Konflikte unklar.

Rowlings großes Talent besteht darin, auf unpathetische Weise gegen die Feigheit und den Opportunismus als die entscheidenden Charakterschwächen des Menschen zu polemisieren. Das tut sie, indem sie die Anfechtungen fantasievoll überhöht, die uns allen täglich begegnen: sich nicht zur Wehr zu setzen, anderen nicht beizuspringen. Indem sie die Schönheit der Selbstgefährdung als Kampf gegen drachenstarke, höllenschwarze Zauberwesen inszeniert, will sie ihr Publikum zur Courage erziehen. Ihrer Spannungsdramaturgie liegt eine Mitleidsdramaturgie zugrunde, und dieser eine Mission. Bisher ist es noch keinem Regisseur gelungen, dies deutlich zu machen.

Am Ende des letzten Romans, der noch nicht verfilmt wurde, geht es noch einmal um die Macht des menschlichen Herzens und die Frage, ob Glaube, Liebe, Hoffnung notwendig unterliegen müssen. Wer das Finale erfolgreich verfilmen wollte, müsste vor allem den blassen und etwas antriebsschwachen Harry Potter rehabilitieren. Wenn das misslänge, bliebe Dumbledores Tod eine Niederlage und ein großes Missverständnis ungelöst. Dann bliebe die simple Botschaft der Bücher, die die Autorin so geistreich camoufliert hat, unverstanden: dass Lord Voldemort besiegbar ist, und dass der Mensch den Kampf gegen das Böse gewinnen kann.

 
Leser-Kommentare
  1. Ich finde es nicht in Ordnung, dass die Zeit hier so viele Details preisgibt. Es gibt sicherlich viele, die die Bücher noch nicht gelesen haben und ganz gespannt auf den Film warten.

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    • Raknar
    • 10.07.2009 um 19:40 Uhr

    Eine Rezension, sei es zu Film oder Buch, ist nur schwer möglich, wenn nicht auch Details aus dem Inhalt miteinbezogen und damit dem Leser der Rezension "verraten" werden. Ich frage mich, warum Harry Potter immer eine Extrawurst bekommen soll. Sogar in der ZEIT wurden bei einer Rezension (ich glaube zum sechsten oder siebten Band) Details aus der Handlung nur spiegelverkehrt (!) preisgegeben.

    buch- oder filmbesprechungen sind an sich schon spoiler, wer sich den spaß nicht verderben will, sollte den artikel einfach nicht lesen.

    aber vielleicht können die betreffenden autoren der "zeit" ja einen warnhinweis in die überschrift setzen ... "achtung spoiler".

    • Raknar
    • 10.07.2009 um 19:40 Uhr

    Eine Rezension, sei es zu Film oder Buch, ist nur schwer möglich, wenn nicht auch Details aus dem Inhalt miteinbezogen und damit dem Leser der Rezension "verraten" werden. Ich frage mich, warum Harry Potter immer eine Extrawurst bekommen soll. Sogar in der ZEIT wurden bei einer Rezension (ich glaube zum sechsten oder siebten Band) Details aus der Handlung nur spiegelverkehrt (!) preisgegeben.

    buch- oder filmbesprechungen sind an sich schon spoiler, wer sich den spaß nicht verderben will, sollte den artikel einfach nicht lesen.

    aber vielleicht können die betreffenden autoren der "zeit" ja einen warnhinweis in die überschrift setzen ... "achtung spoiler".

    • TeeUm5
    • 10.07.2009 um 18:07 Uhr

    Ohne auf Details einzugehen wäre eine Filmbesprechung wahrscheinlich ein bißchen langweilig. Außerdem glaube ich nicht, dass es so viele Leute gibt, die das Buch noch nicht gelesen haben. Und falls doch, dann sollten sie es tun, bevor sie sich den Film ansehen. Obwohl mir die Verfilmung von "Der Orden des Phoenix" in einigen Aspekten gefallen hat, fand ich sie im Vergleich zum Buch doch enttäuschend. Besonders die vielen humorvollen Stellen, in denen es der alten Umbridge am Ende heimgezahlt wird, habe ich sehr vermißt. Ärgerlicher finde ich es allerdings, wenn Charaktere verändert werden, wie es anscheinend nun im Falle von Harry selbst geschieht. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Harry in einer solchen Situation wie jener, in der Dumbledore umgebracht wird, nicht eingreifen würde. Verstehe diejenigen nicht, die solche Änderungen beschließen.

    • Raknar
    • 10.07.2009 um 19:40 Uhr

    Eine Rezension, sei es zu Film oder Buch, ist nur schwer möglich, wenn nicht auch Details aus dem Inhalt miteinbezogen und damit dem Leser der Rezension "verraten" werden. Ich frage mich, warum Harry Potter immer eine Extrawurst bekommen soll. Sogar in der ZEIT wurden bei einer Rezension (ich glaube zum sechsten oder siebten Band) Details aus der Handlung nur spiegelverkehrt (!) preisgegeben.

    Antwort auf "Nicht ok"
  2. buch- oder filmbesprechungen sind an sich schon spoiler, wer sich den spaß nicht verderben will, sollte den artikel einfach nicht lesen.

    aber vielleicht können die betreffenden autoren der "zeit" ja einen warnhinweis in die überschrift setzen ... "achtung spoiler".

    Antwort auf "Nicht ok"
  3. Eine Filmbesprechung sollte natürlich auch immer auf den Inhalt eingehen, aber doch nicht (ohne Vorwarnung) den Schluss verraten. :-(

  4. Ich bin auch der Meinung, dass ein Film als eigenständiges Kunstwerk stehen muss und eine zu enge Bindung and die Buchvorlage daher nicht gut ist. So wie Marcel Reich-Ranicki gebeten hat, aus seinem Buch einen Film zu machen, aber keine Verfilmung seines Buches.
    Dass jedoch Harry im Film, anders als im Buch, nicht magisch zum unsichtbaren Zuschauer degradiert(!) wird, ist meiner Ansicht nach eine bedachte und gelungene Änderung der Handlung.

    --> Wegen der vielen Beschwerden hier eine ausdrückliche SPOILER - Warnung <--

    Bevor Harry mit Dumbledore Aufbricht belauscht er ihn dabei, wie er Snape an einen Schwur erinnert und bedingungslose Gefolgschaft einfordert, ohne eine Widerrede zu dulden. Dumbledore ist (natürlich) die Anführergestalt der Guten. Er weiß dies und macht Ansprüche auf Gehorsam und Vertrauen unmissverständlich deutlich.
    Das erkennt Harry und ihm fällt es deshalb schwer, vor seiner Abreise mit Dumbledore unbedingten Gehorsam zu schwören, tut es aber vollen Ernstes.
    Nach ihrer Rückkehr, als Dumbledore Angegriffen wird gibt er Harry den Befehl(!) sich zu verstecken und nicht einzugreifen und betont außerdem sein Vertrauen in Snape.
    Als dieser schließlich auch die Plattform betritt, sieht es noch teilweise so aus, als wolle er Dumbledore zu Hilfe kommen. Und jetzt beweist sich Harry als "Dumbledores Mann, durch und durch".
    Er hat Gehorsam geschworen, und er hält ihn trotz aller seiner Bendenken und trotz der Tatsache, dass er den Schwur unter vier Augen geleistet hat ihn also im Grunde niemand zur Rechenschaft ziehen kann. Außerdem vertraut er Dumbledore und vertraut darum auch Snape - misstraut ihm zumindest nicht voll und ganz - so wie Lupin es für richtig und wichtig erklärt hat.
    Harry ist also nicht feige, genauso wenig wie Snape, der ähnliche Bündnispflichten hat und auch bedenken.
    Vielmehr charakterisiert diese Szene Harry und Dumbledore sehr gelungen, was an anderen Stellen im Film durchaus - gegenüber dem Buch - zu kurz kommt.

    Harry hat sich entschieden, auf Dumbledores Seite zu stehen. Er vertraut ihm Bedingungslos und wir dies auch im siebten Band/Film unter Beweis stellen. Es gibt größere Kräfte als Magie, durch die er gebunden ist. Kräfte, die auf gegenseitigem Vertrauen beruhen, und die Dumbledore wie kein zweiter aufzubauen weiß.
    Dumbledore benötigt keine Magie, um sich Gefolgschaft zu sichern. Keine unbrechbaren Schwüre, keine dunklen Male, keine Drohungen oder Sanktionen. Er benötigt Verständnis, Einfühlungsvermögen, Weisheit, Offenheit, und Ehrlichkeit, um seine Autorität und das Vertrauen in ihn zu sichern. Und so ist auch ein Zeuge nicht vonnöten, um einen Schwur zu besiegeln, so wie beim unbrechbaren Schwur.

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