Irrwitz der Woche Ich packe meinen Koffer aus

Unser Autor Mark Spörrle fährt in den Urlaub und nimmt nur das Nötigste mit. Zwei von vier Paar Stiefeln bleiben zu Hause

Wie kriegt man nur all das Gepäck ins Auto?

Wie kriegt man nur all das Gepäck ins Auto?

Von Jahr zu Jahr habe ich weniger Lust, in den Urlaub zu fahren. In diesem Jahr hatte ich überhaupt keine Lust. Nicht im Geringsten. So urlaubsbedürftig ich auch war: Ich hatte keine Lust!
"Hör auf", sagte meine Liebste. "Wir werden das mit dem Packen des Autos dieses Mal völlig anders machen!"
Ich lachte gequält auf.

"Nein wirklich", sagte sie. "Wir nehmen nur das Nötigste mit. Schließlich gibt es dort, wo wir hinfahren, Waschmaschinen. Und dieses Mal wird es ganz leicht, allein, weil wir Stellas Kinderwagen nicht mehr mitschleppen müssen."
Ich schöpfte wieder leichte Hoffnung. Denn aus dem letzten Urlaub war mir nur eine einzige Szene in Erinnerung geblieben: die, als ich auf einem Hotelparkplatz versuchte, das Kinderwagenoberteil in den zum Platzen gefüllten Laderaum unseres Mietkombis zu schieben, schwitzend, in strömendem Regen und unter den erbarmungslosen Bemerkungen zweier Porschefahrer.

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Ein kompletter Kinderwagenverzicht in diesem Jahr würde mir zumindest erlauben, die Heckklappe in Würde zu schließen. Auf der Autobahn müsste ich nicht beten, dass die Klappe sich erst zu Hause wieder öffnen möge.
Um ganz sicher zu gehen, mietete ich trotzdem den größten Kombi, der zu bekommen war. Zugleich unterwarf meine Liebste unsere Vorauswahl des Urlaubsgepäcks einer rigiden Überprüfung. Dieser fielen etwa die Hälfte meiner Socken, Unterwäsche und T-Shirts zum Opfer, außerdem mein Zweitsportzeug und das Ersatzsakko. Meine Liebste verzichtete auf zwei von vier Handtaschen und zwei Paar "Für-alle-Fälle"-Stiefel. Zusätzlich sortierten wir drei Kilo Bücher aus.

Es war das erste Mal, dass ich mich auf das Autobeladen vor dem Urlaub fast schon freute.
Ich freute mich so lange, bis der Kombi vor der Tür stand. Er war eine Enttäuschung. Offenbar werden die heutigen Kombis absichtlich mit immer kleinerem Laderaum gebaut um Autokäufer zu zwingen, zwei statt einen zu nehmen.

Wir sortierten eine weitere Handtasche und ein weiteres Paar Stiefel aus, außerdem mein restliches Sportzeug, drei dicke Pullover und mein Erstsakko. Weil ich in einem unbeobachteten Moment noch die gummierte Picknickdecke und die Regenschirme verschwinden ließ, gelang es uns, eine ganze Reisetasche einzusparen.

Die verbleibenden Gepäckstücke passten knapp ins Auto, wenn man sämtliche Sitze belegte, was keine Lösung war.
"Lass uns einen Dachgepäckträger mieten", schlug meine Liebste vor.
"Auf keinen Fall", sagte ich, mir unsere Ankunft vor dem Hotel in Anwesenheit eines Spaliers von Porschefahrern vorstellend. "Wir werden es doch noch schaffen, zu dritt lächerliche zwei Wochen in Urlaub zu fahren, ohne dass es aussieht, als flöhen wir aus unserer Wohnung. Wir müssen weniger mitnehmen. Viel weniger. Warum braucht unsere Tochter im Urlaub so viel Kleidung?"

Unter Stellas brüllendem Protest sortierten wir auf der Autorückbank gut ein Drittel ihrer Sachen aus, außerdem ihr Schlauchboot und ihre Ersatzzahnbürste. Den frei gewordenen Raum im Koffer füllten wir mit der mir verbliebenen Urlaubskleidung, wodurch wir wieder eine Reisetasche einsparten.
Es war zu wenig.
"Lass uns auf die Koffer verzichten, sie nehmen zu viel Platz weg!", sagte meine Liebste. "Stattdessen nehmen wir Ikea-Taschen und Stoffbeutel!"
"Um Gottes willen", rief ich. "Warum nicht gleich Plastiktüten? Ohne mich!"

"Hm", überlegte meine Liebste. "Wenn du mit dem Zug nachkämst und wir deinen Platz mit Gepäck füllen könnten ..."
Wir einigten uns, unsere Abreise um einen Tag zu verschieben, um das Packproblem in Ruhe zu lösen. Und tatsächlich, am Nachmittag standen wir kurz vor dem Durchbruch: Ich hatte unter dem Kofferraumboden zwei Hohlräume entdeckt. In den einen, den Platz für das Reserverad, passten unsere Schuhe, im anderen, eigentlich gedacht für Warndreieck und Verbandskasten, verstauten wir Bücher und Toilettenartikel.

Irrwitz der Woche
Irrwitz der Woche

Mark Spörrle ist ZEIT-Redakteur und schreibt satirische Geschichten über den irrwitzigen Alltaglesen Sie hier weitere Folgen seiner Kolumne.

Nun war alles ganz leicht. Unter dem beifälligen Nicken der Nachbarn, die vor dem Café gegenüber saßen, öffnete meine Liebste unsere Koffer und Taschen und warf unsere Sachen lose in den Kofferraum, wo ich sie mit beiden Fäusten verdichtete. Da ich dabei noch zwei weitere Handtaschen aussortierte, ein Set Sportzeug, Handschuhe, die Moskitonetze und unsere Kopfkissen, gelang es mir schließlich, unter johlendem Applaus unserer Beobachter die Heckklappe zu schließen.

Der Rest ließ sich leicht im Innenraum unterbringen; ich fand es nur etwas gewöhnungsbedürftig, vor dem Schalten immer erst den großen Wanderrucksack hochheben zu müssen.
Wir brauchten ihn während des ganzen Urlaubs nicht. Überhaupt, so war es immer, benötigten wir nur einen Bruchteil des Zeugs, das wir dabei hatten. Im nächsten Jahr machen wir es wirklich völlig anders. Wir mieten uns einen Van.
 

 
Leser-Kommentare
  1. Muss man sich da jetzt Sorgen machen?
    Ist das Leben wieklich so kompliziert geworden?
    Oder kann ich das unter Langeweile verbuchen?

  2. Mein Tipp: Mit dem ÖPNV verreisen - da nimmt man automatisch weniger mit. Baut man noch einen Billigflieger bei dem Koffer aufgeben extra kostet ein wird's richtig wenig ;)

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