Finanzkrise "Der Kapitalismus ist gescheitert"

Banken begehen alte Fehler, Regierungen und Notenbanken sind hilflos gegen die Rezession: Der Managementexperte Fredmund Malik über die Krise, die noch nicht vorbei ist

Frage: Herr Malik, die Banken suchen erneut das Risiko, selbst dicke Boni werden wieder gezahlt. Haben Banker ein kurzes Gedächtnis und nichts aus der Finanzkrise gelernt?

Fredmund Malik: Ja, aber nicht nur wegen des kurzen Gedächtnisses, sondern weil weiterhin mit althergebrachten Methoden gearbeitet wird, die ungeeignet sind, die Komplexität der Krise zu beherrschen. Es ist, als würden Sie ein Schiff weiter mithilfe eines Sextanten steuern, statt moderne Satelliten-Navigation zu verwenden.

Frage: Täuscht der Eindruck, dass auch den Staatschefs wenig Neues einfällt? Auf dem G8-Gipfel hielten sie sich erstaunlich bedeckt ...

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Malik: Wahrscheinlich ist, dass der Gipfel von der allgemeinen Hilflosigkeit ablenken sollte. Die Versuchung ist groß, sich einer Politik zuzuwenden, die zwar populär, aber völlig ideenlos ist. Die bisherigen Maßnahmen greifen kaum.

Frage: Was läuft denn schief?

Malik: Ich denke zum Beispiel an die Frage nach der Haftung von Managern, aber auch an finanzielle Maßnahmen. Zum Teil verschlimmert man die Situation sogar, etwa durch Zinssenkungen. Niedrige Zinsen haben die Krise doch maßgeblich mitverursacht.

Frage: Rund um den Globus investieren die Staaten kräftig in Hilfsprogramme. Bringt das denn nichts?

Malik: Wir wiederholen genau jene Fehler, die die Japaner in den 90er-Jahren gemacht haben. Dort hat man seitdem etwa 15 große Pakete verabschiedet, um die Konjunktur anzukurbeln. Sie haben alle nichts genutzt. Das Geld kam in der Realwirtschaft nicht an. Und das zeigt sich jetzt auch. Höchstens fünf Prozent der beinahe 1000 Milliarden Dollar, die die Amerikaner in Konjunkturpakete investieren, kommen in der Wirtschaft an; in Deutschland ist es weniger als ein Prozent.

Frage: Es gibt aber bereits Anzeichen für eine Erholung der Wirtschaft. Auch an der Börse sind die Kurse gestiegen.

Malik: Wer jetzt Entwarnung gibt, hat anscheinend nicht die Krise der 30er-Jahre studiert. Die aktuelle Erholung an der Börse ähnelt der von 1930, als auf den Crash im Oktober 1929 eine sensationelle Rally bis hinein in den April folgte. Zu diesem Zeitpunkt gaben alle Auguren der damaligen Zeit Entwarnung. Man glaubte auch an die Wirksamkeit der Fed-Maßnahmen. Dabei begann das Debakel erst. Am Ende stand der Dow Jones im Jahr 1932 bei 40 Punkten.

Frage: Und heute?

Malik: Der gegenwärtige Bullenmarkt hat seinen Ursprung im Jahr 1982. Damals stand der Dow Jones bei 1000 Punkten. Das ist auch die Fallhöhe, mit der wir rechnen müssen.

Frage: Inwieweit ist die Situation der 30er-Jahre mit der heutigen überhaupt vergleichbar?

Malik: Ein Unterschied liegt im Volumen, das heute ein Vielfaches größer ist. Die Mechanik der Märkte ist aber vergleichbar. Die Börse hat zwei Triebfedern. Die eine ist die Gier. Oder anders ausgedrückt der Glaube, dass man ohne Arbeit immer reicher werden kann. Der zweite Punkt ist, dass die Börse nur dann so stark steigt, wenn Schulden gemacht werden.

Frage: Sie halten wohl nicht viel von der Börse.

Malik: Im Gegenteil. Ich habe über 30 Jahre Erfahrung auf den Finanzmärkten, und zwar auf den allerheißesten Märkten. Es gibt keinen Tag, an dem ich nicht an den Börsen engagiert bin.

Frage: Sind Sie gierig?

Malik: Das habe ich mir abgewöhnt. Ich hatte das Glück oder das Pech, dass ich mit meinem ersten Aktiengeschäft einen Gewinn von 160 Prozent gemacht hatte. Ich war 23 Jahre alt und über Nacht "reich". Ich war auch "berühmt", denn ich konnte meinen Mund nicht halten, habe es jedem erzählt, und alle wollten Tipps von mir haben. Das hat mich dann wieder einiges an Geld gekostet, aber mir unendlich viel Erfahrung gebracht.

Frage: Sie haben die Ursachen des Finanzcrashs analysiert. Hätte man die Krise vermeiden können?

Malik: Die Krise kam zwangsläufig, aber sie hätte nicht diese Formen annehmen müssen. Wenn Alan Greenspan behauptet, man könne eine Blase nicht erkennen, bevor sie platzt, dann ist das selbstverständlich falsch. Man hätte diese falsche Entwicklung sehr leicht erkennen können. Es gab genügend Anzeichen.

Frage: Welche?

Malik: Die Wirtschaft der USA ist groß, aber sie ist schon lange nicht mehr stark. Inzwischen ist sie in vielen Bereichen verrottet. Man sieht es am Außenhandelsdefizit. Natürlich gibt es auch ein paar gute Firmen in den USA, aber die meisten sind nicht konkurrenzfähig. Die Investitionen der Unternehmen sind lächerlich niedrig, so niedrig wie zuletzt nach dem Zweiten Weltkrieg. Man sieht es auch an der immensen Verschuldung der Privathaushalte. Das Einzige, was in den USA in den letzten Jahren blühte, war die Wall Street - und die hat sich nun selber umgebracht.

Frage: Haben die Finanzmärkte dann überhaupt eine Zukunft?

Malik: Die Finanzmärkte sind um ein Vielfaches größer, als die Realwirtschaft dies für ihre Investitionen und ihren Handel braucht. Die Volumina sind so aufgebläht, dass sie im Zuge dieser Krise deutlich zurückgehen werden - um mindestens ein Drittel, wahrscheinlich auch zwei Drittel. Viele Banker und Broker werden nichts mehr zu tun haben. Bankberatung braucht man im Moment sowieso nicht. Man sollte sein Geld einfach liegen lassen, durch die Deflation wird es jeden Tag mehr wert.

Frage: Es ist also völlig unrealistisch, wenn Deutsche-Bank-Chef Ackermann eine Eigenkapitalrendite von 25 Prozent als Ziel ausgibt?

Malik: Wenn er das schafft, dann ist das eine tolle unternehmerische Leistung. Die Frage ist nur, wie kommt diese Rendite zustande und was fängt er damit an? Ist seinen Kunden damit gedient? Richtige Unternehmensführung beginnt und endet beim Kunden. Die Bank sollte in das eigene Unternehmen investieren und Gewinne sparsam an die Aktionäre auszahlen. Leider wird bei den meisten Firmen zu wenig an die Zukunft gedacht.

Frage: Warum das?

Malik: Die Leistung eines Unternehmens wird nur noch an Finanzkennziffern gemessen. Das ist die schlechteste Methode, um ein Unternehmen zu bewerten. Dadurch entsteht ein sich selbst zerstörendes System. Schnelle Gewinne zu machen ist eine Leichtigkeit, wenn man nicht auf die Zukunft achten muss. Man fährt Ausgaben für Innovationen, Marketing und Ausbildung zurück und der Börsenkurs explodiert. Entscheidend ist die Frage: Was tut das Management für die Zukunft des Unternehmens.

Frage: Und wie lässt sich das System ändern?

Malik: Alle Dax-Firmen sollten sich sofort vom deutschen Corporate-Governance-Kodex und der Idee des Shareholder-Values verabschieden. Zweitens muss man die Bonussysteme ändern. Nicht abschaffen - gute Manager sollten gut verdienen. Die Boni müssen für die besten Manager möglicherweise höher sein als heute. Aber sie müssen vollkommen abgekoppelt sein von Finanzkennzahlen und Börsenkursen.

Frage: Die eigentliche Idee der Börse ist doch, dass sich jeder am Kapital und dem Erfolg eines Unternehmens beteiligen kann. Gleichzeitig kann man mitbestimmen. Ist diese Idee überholt?

Malik: Den klassischen Shareholder gibt es heute gar nicht mehr, es gibt nur noch Shareturner. Die meisten sind professionelle Investoren, die überhaupt nicht an einem Unternehmen interessiert sind. Sie kommen auf die Hauptversammlung, stimmen ab und wählen natürlich Leute ihres Geistes. Wenige Wochen danach verkaufen sie die Papiere.

Frage: Was wäre denn die Alternative?

Malik: Mein Vorschlag ist seit langem, eine gesetzliche Haltefrist vorzuschlagen. Wer bei der Wahl des Aufsichtsrates mitbestimmt, muss mindestens für die Amtszeit des Aufsichtsrates seine Aktien halten. Wer das nicht will, kann trotzdem gerne Aktien kaufen oder verkaufen, soll aber gefälligst keinen Einfluss auf die Führung des Unternehmens haben.

Frage: Was werden wir aus dieser Krise lernen?

Malik: Der Kapitalismus ist genauso gescheitert wie der Sozialismus. Diese Krise ist das Symptom eines fundamentalen Wandels, es sind die Geburtswehen für eine neue Welt. So etwas hat in der Geschichte möglicherweise noch nie stattgefunden. Die Lösungen werden nicht aus der Ökonomie, auch nicht von den Regierungen kommen. Die Menschen werden lernen, sich gegenseitig zu helfen. Ich denke, wir werden eine neue Menschlichkeit erleben. Das neue Kapital ist Wissen, während Geld an Bedeutung verlieren wird. Der krasse Egoismus der letzten Jahre wird sozial geächtet sein. Menschen Sinn zu ermöglichen wird wichtiger.

Die Fragen stellte Jörg Hackhausen. Erschienen auf handelsblatt.com

 
Leser-Kommentare
  1. Mein Vorschlag ist seit langem, eine gesetzliche Haltefrist vorzuschlagen. Wer bei der Wahl des Aufsichtsrates mitbestimmt, muss mindestens für die Amtszeit des Aufsichtsrates seine Aktien halten. Wer das nicht will, kann trotzdem gerne Aktien kaufen oder verkaufen, soll aber gefälligst keinen Einfluss auf die Führung des Unternehmens haben.

    Sicherlich sollte die Entwicklung in diese Richtung gehen und entsprechende Punkte tauchen vereinzelt in den Wahlprogrammen der Parteien auf. Allerdings ist fraglich wie schnell eine Änderung umgesetzt wird. Denn im Alleingang kann eine Regierung leider gar nichts ausrichten. Sollte Deutschland eine Änderung anstossen, so würden die Kapitalanleger einfach woanders investieren.

    Diese Krise ist das Symptom eines fundamentalen Wandels, es sind die Geburtswehen für eine neue Welt. [...] Die Lösungen werden nicht aus der Ökonomie, auch nicht von den Regierungen kommen. Die Menschen werden lernen, sich gegenseitig zu helfen. Ich denke, wir werden eine neue Menschlichkeit erleben.

    Die Hoffnung stirbt zuletzt. Wobei ich leider denke, dass die nächste Zeit der Egoismus größer wird. Wir sind sicherlich noch nicht an der nötigen Talsohle angekommen, damit nicht nur ein kleiner Teil der Gesellschaft so denkt.

    Das neue Kapital ist Wissen, während Geld an Bedeutung verlieren wird. Der krasse Egoismus der letzten Jahre wird sozial geächtet sein. Menschen Sinn zu ermöglichen wird wichtiger.

    Das neue Kapital ist schon seit längerer Zeit Wissen, gerade in rohstoffarmen Ländern wie Deutschland kann man nur durch gute Ausbildung und Forschung fit für die Zukunft bleiben. Aber bei Ausgaben in Höhe von ca. 3,5% des BIP für Bildung und Forschung sieht man ja, welchen Stellenwert die Politik diesem Umstand beimisst.

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    "Mein Vorschlag ist seit langem, eine gesetzliche Haltefrist vorzuschlagen. Wer bei der Wahl des Aufsichtsrates mitbestimmt, muss mindestens für die Amtszeit des Aufsichtsrates seine Aktien halten. Wer das nicht will, kann trotzdem gerne Aktien kaufen oder verkaufen, soll aber gefälligst keinen Einfluss auf die Führung des Unternehmens haben."

    Sicherlich sollte die Entwicklung in diese Richtung gehen und entsprechende Punkte tauchen vereinzelt in den Wahlprogrammen der Parteien auf. Allerdings ist fraglich wie schnell eine Änderung umgesetzt wird. Denn im Alleingang kann eine Regierung leider gar nichts ausrichten. Sollte Deutschland eine Änderung anstossen, so würden die Kapitalanleger einfach woanders investieren.

    Die Hallodris würden woanders investieren. Die verbleibenden Investoren dagegen würden sich besser überlegen, wie sie investieren und welche Entscheidungen sie im Sinne ihrer mittel- bis langfristigen Anlagen treffen/tragen. Genau das käme eine rationaleren Wirtschaftsplanung nahe, die das große Ganze im Auge behält aber dennoch individuelle Entscheidungen zulässt.

    "Mein Vorschlag ist seit langem, eine gesetzliche Haltefrist vorzuschlagen. Wer bei der Wahl des Aufsichtsrates mitbestimmt, muss mindestens für die Amtszeit des Aufsichtsrates seine Aktien halten. Wer das nicht will, kann trotzdem gerne Aktien kaufen oder verkaufen, soll aber gefälligst keinen Einfluss auf die Führung des Unternehmens haben."

    Sicherlich sollte die Entwicklung in diese Richtung gehen und entsprechende Punkte tauchen vereinzelt in den Wahlprogrammen der Parteien auf. Allerdings ist fraglich wie schnell eine Änderung umgesetzt wird. Denn im Alleingang kann eine Regierung leider gar nichts ausrichten. Sollte Deutschland eine Änderung anstossen, so würden die Kapitalanleger einfach woanders investieren.

    Die Hallodris würden woanders investieren. Die verbleibenden Investoren dagegen würden sich besser überlegen, wie sie investieren und welche Entscheidungen sie im Sinne ihrer mittel- bis langfristigen Anlagen treffen/tragen. Genau das käme eine rationaleren Wirtschaftsplanung nahe, die das große Ganze im Auge behält aber dennoch individuelle Entscheidungen zulässt.

    • Gafra
    • 13.07.2009 um 18:16 Uhr

    Dahrendorfs letzter Essay:http://www.tagesspiegel.de/wirtschaft/art271,2845452

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    • hardob
    • 13.07.2009 um 21:03 Uhr

    "Zurück in die 70er Jahre (des vorigen Jahrhunderts)" ist doch eine der Kampfparolen der Apologeten des Turbo-(-oder- wie- auch- immer)Kapitalismus neuerer Zeit, wenn es darum ging zarte Kritik an deren Wahnvorstellungen von Wirtschaft und Politik in die Ecke der Blödigkeit zu stellen.
    Vielleicht wäre eine Besinnung auf gesellschaftliche Werte und die Werte des ehrbaren Kaufmanns der damaligen Zeit gar nicht so schlecht.

    Hier noch mal der Link
    Lord Dahrendorf im Tagesspiegel

    • hardob
    • 13.07.2009 um 21:03 Uhr

    "Zurück in die 70er Jahre (des vorigen Jahrhunderts)" ist doch eine der Kampfparolen der Apologeten des Turbo-(-oder- wie- auch- immer)Kapitalismus neuerer Zeit, wenn es darum ging zarte Kritik an deren Wahnvorstellungen von Wirtschaft und Politik in die Ecke der Blödigkeit zu stellen.
    Vielleicht wäre eine Besinnung auf gesellschaftliche Werte und die Werte des ehrbaren Kaufmanns der damaligen Zeit gar nicht so schlecht.

    Hier noch mal der Link
    Lord Dahrendorf im Tagesspiegel

  2. so wie ja völlig ohne Zweifel Anfang der 1990er-Jahre das berühmte Ende der Geschichte erreicht war.

    Wo immer Schwachsinn in geschnittenen Scheiben zum Kaffee gereicht wird, dort kann man sicher sein, daß Hegelianer am Tisch sitzen.

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    Tja, sehr geehrter Viscount, Ihre Ausführungen bestätigen genau die Aussage von Herr-M:
    jede Kritik am System wird als Sozialismus fast schon kriminellen Ausmaßes angesehen. Immer mit dem Holzhammer draufschlagen.
    Wäre es nicht höchste Zeit, sich Gedanken zu machen, ob denn alle bislang gepredigten Wirtschaftslehren wirklich so richtig waren? So einiges an Überdenken wäre doch wohl fällig.
    Will man ein System bewahren, muß man auch zum Wandel im Sinne und zum Wohle des Ganzen bereit sein.

    Tja, sehr geehrter Viscount, Ihre Ausführungen bestätigen genau die Aussage von Herr-M:
    jede Kritik am System wird als Sozialismus fast schon kriminellen Ausmaßes angesehen. Immer mit dem Holzhammer draufschlagen.
    Wäre es nicht höchste Zeit, sich Gedanken zu machen, ob denn alle bislang gepredigten Wirtschaftslehren wirklich so richtig waren? So einiges an Überdenken wäre doch wohl fällig.
    Will man ein System bewahren, muß man auch zum Wandel im Sinne und zum Wohle des Ganzen bereit sein.

    • ADoria
    • 13.07.2009 um 18:30 Uhr

    Aber im Augenblick wird mit ganz vielen Stützen und Verbänden der Patient wieder hingestellt. Danach humpelt die Gier sicherlich wieder weiter.

    • Herr-M
    • 13.07.2009 um 18:37 Uhr

    Als vor 20 Jahren die Mauer fiel und das System Sozialismus, wie es die ehem. Ostblockstaaten praktiziert haben, zusammenbrach, dachte ich
    "So, jetzt hat der Kapitalismus alle gefressen, jetzt bleibt ihm nur noch, sich selbst zu fressen"

    er ist grade dabei...

    Und noch etwas. Auch mir fällt die völlige Ideenlosikeit aller, ob Plitiker oder Intellektuelle, Wirtschafts- und andere Experten, auf, die durch diese Krise verursachten Probleme anzugehen.

    Kommt davon, wenn man jahrzentelang jede Gesellschaftskritik als "Sozialismus" diskreditiert hat und so getan, als wäre "Kapitalismus" das Ende und ultima ratio der Geschichte

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    "Wenn man jahrzentelang jede Gesellschaftskritik als "Sozialismus" diskreditiert hat und so getan, als wäre "Kapitalismus" das Ende und ultima ratio der Geschichte" Da ist was dran.

    Ich bin in einem sozialistischen Land aufgewachsen.
    Allerdings in den 80-gern, also zur Zeiten, als man den Sozialismus dort nicht mehr ernst nahm und es nicht mehr scheute dies fast schon ostentativ zum Ausdruck zu bringen. Zur Zeiten als man breits davon absah, beispielsweise uns Kinder in der Schule noch sozialistisch indoktrinieren zu wollen... Hörten wir doch danach zuhause eh meist das Gegenteil. :-)

    Zu meiner Überraschung muss ich immer wieder feststellen, dass hier im "Westen" immer noch die Vorstellung herrscht, wie furchtbar indoktriniert wir doch wurden!

    Gerad' im Gegenteil! Vielleicht lernten wir dadruch viel schneller, das System und die Politik stets in Frage zu stellen. Die Kluft zwischen der Vorstellung von gerechter Gesellschaft (damit meine ich die Ideologie) und Realität war nämlich viel offensichtlicher und ... wirtschaftlich hart zu spüren.

    Diese "Gelegenheit" zu prinzipieller Systemkritik bot der Kapitalismus den Menschen bislang nicht, weil er lange genug wirtschaftlich dazu keinen besonderen Grund gab.

    Jetzt ist womöglich die 'Gelegenheit' da.

    Grüße
    Messala
    -------------------------------------

    "Wer immer tut, was er schon kann, bleibt immer das, was er schon ist" (H. Ford)

    "Wenn man jahrzentelang jede Gesellschaftskritik als "Sozialismus" diskreditiert hat und so getan, als wäre "Kapitalismus" das Ende und ultima ratio der Geschichte" Da ist was dran.

    Ich bin in einem sozialistischen Land aufgewachsen.
    Allerdings in den 80-gern, also zur Zeiten, als man den Sozialismus dort nicht mehr ernst nahm und es nicht mehr scheute dies fast schon ostentativ zum Ausdruck zu bringen. Zur Zeiten als man breits davon absah, beispielsweise uns Kinder in der Schule noch sozialistisch indoktrinieren zu wollen... Hörten wir doch danach zuhause eh meist das Gegenteil. :-)

    Zu meiner Überraschung muss ich immer wieder feststellen, dass hier im "Westen" immer noch die Vorstellung herrscht, wie furchtbar indoktriniert wir doch wurden!

    Gerad' im Gegenteil! Vielleicht lernten wir dadruch viel schneller, das System und die Politik stets in Frage zu stellen. Die Kluft zwischen der Vorstellung von gerechter Gesellschaft (damit meine ich die Ideologie) und Realität war nämlich viel offensichtlicher und ... wirtschaftlich hart zu spüren.

    Diese "Gelegenheit" zu prinzipieller Systemkritik bot der Kapitalismus den Menschen bislang nicht, weil er lange genug wirtschaftlich dazu keinen besonderen Grund gab.

    Jetzt ist womöglich die 'Gelegenheit' da.

    Grüße
    Messala
    -------------------------------------

    "Wer immer tut, was er schon kann, bleibt immer das, was er schon ist" (H. Ford)

    • Seckel
    • 13.07.2009 um 18:38 Uhr

    Beteiligungs- oder auch die von Malik erwähnten Investmentgesellschaften erreichen es schon kraft Gesetzes (§ 6 Abs. 4 EBRG) nicht, herrschend zu wirken. Weil sich außerdem die Dinge unabhängig davon so verhalten, ob ein Gesetz realitätstüchtig ist oder nicht, unterwirft demgegenüber mindestens der soziale Tatbestand stets wirkender Unbestimmtheit darüber hinaus die Schweiz einschließlich St. Gallen, aber auch beispielsweise New York City und die dortige Wall Street, diesem universalen Ausschluss von Versuchen, herrschaftliche Anordnungen (Berger/Offe) zu verwirklichen. Eben jene dadurch immer von vornherein zum Scheitern verurteilten Versuche, erzeugten Alan Greenspans Bubble-Ökonomie, deren Teil die Malik'schen Äußerungen sind, und ließen sie mitsamt in den vergangenen Monaten höchst spektakulär platzen.

  3. Tja, sehr geehrter Viscount, Ihre Ausführungen bestätigen genau die Aussage von Herr-M:
    jede Kritik am System wird als Sozialismus fast schon kriminellen Ausmaßes angesehen. Immer mit dem Holzhammer draufschlagen.
    Wäre es nicht höchste Zeit, sich Gedanken zu machen, ob denn alle bislang gepredigten Wirtschaftslehren wirklich so richtig waren? So einiges an Überdenken wäre doch wohl fällig.
    Will man ein System bewahren, muß man auch zum Wandel im Sinne und zum Wohle des Ganzen bereit sein.

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    in meinen Worten irgendwas von Sozialismus oder kriminellen Ausmaßen gelesen, hm?

    Was hier gescheitert ist, ist nicht der Kapitalismus, sondern der Interventionismus, denn der hat ja scheinbar den Sozialismus im Osten geschlagen. Ein 'reiner' Kapitalismus in seiner strengen Form hat ja nur sehr kurze Zeit und auch da nicht vollständig vorgelegen, nur leistet sich bis heute der Westen den Fehler, seinen 'middle-of-the-road'-Sozialismus (den 'Dritten Weg') als Kapitalismus zu bezeichnen und nun auf sein angebliches Scheitern zu verweisen, um ihn in Richtung Orkus verabschieden zu können.

    Es tut wirklich Not, die Ökonomie grundlegend auf ihre Plausibilität zu überprüfen, jedenfalls den Teil des Faches, der seit Dekaden an den Universitäten gelehrt und von zahlreichen Apologeten in alle Welt hinausverkündet wird als alleinseligmachende Wahrheitsmaschine zur Produktion von Wohlstand.

    Als Keynes seine General Theory vorlegte, glaubte man, er habe den ökonomischen Stein der Weisen gefunden. Und im Grunde genommen glaubt man das bis heute, das Vokabular und die politische Realität jedenfalls legen diesen Verdacht nahe. Daß man ihn allenfalls zur Hälfte umsetzte, ändert daran im wesentlichen nichts.

    in meinen Worten irgendwas von Sozialismus oder kriminellen Ausmaßen gelesen, hm?

    Was hier gescheitert ist, ist nicht der Kapitalismus, sondern der Interventionismus, denn der hat ja scheinbar den Sozialismus im Osten geschlagen. Ein 'reiner' Kapitalismus in seiner strengen Form hat ja nur sehr kurze Zeit und auch da nicht vollständig vorgelegen, nur leistet sich bis heute der Westen den Fehler, seinen 'middle-of-the-road'-Sozialismus (den 'Dritten Weg') als Kapitalismus zu bezeichnen und nun auf sein angebliches Scheitern zu verweisen, um ihn in Richtung Orkus verabschieden zu können.

    Es tut wirklich Not, die Ökonomie grundlegend auf ihre Plausibilität zu überprüfen, jedenfalls den Teil des Faches, der seit Dekaden an den Universitäten gelehrt und von zahlreichen Apologeten in alle Welt hinausverkündet wird als alleinseligmachende Wahrheitsmaschine zur Produktion von Wohlstand.

    Als Keynes seine General Theory vorlegte, glaubte man, er habe den ökonomischen Stein der Weisen gefunden. Und im Grunde genommen glaubt man das bis heute, das Vokabular und die politische Realität jedenfalls legen diesen Verdacht nahe. Daß man ihn allenfalls zur Hälfte umsetzte, ändert daran im wesentlichen nichts.

  4. in meinen Worten irgendwas von Sozialismus oder kriminellen Ausmaßen gelesen, hm?

    Was hier gescheitert ist, ist nicht der Kapitalismus, sondern der Interventionismus, denn der hat ja scheinbar den Sozialismus im Osten geschlagen. Ein 'reiner' Kapitalismus in seiner strengen Form hat ja nur sehr kurze Zeit und auch da nicht vollständig vorgelegen, nur leistet sich bis heute der Westen den Fehler, seinen 'middle-of-the-road'-Sozialismus (den 'Dritten Weg') als Kapitalismus zu bezeichnen und nun auf sein angebliches Scheitern zu verweisen, um ihn in Richtung Orkus verabschieden zu können.

    Es tut wirklich Not, die Ökonomie grundlegend auf ihre Plausibilität zu überprüfen, jedenfalls den Teil des Faches, der seit Dekaden an den Universitäten gelehrt und von zahlreichen Apologeten in alle Welt hinausverkündet wird als alleinseligmachende Wahrheitsmaschine zur Produktion von Wohlstand.

    Als Keynes seine General Theory vorlegte, glaubte man, er habe den ökonomischen Stein der Weisen gefunden. Und im Grunde genommen glaubt man das bis heute, das Vokabular und die politische Realität jedenfalls legen diesen Verdacht nahe. Daß man ihn allenfalls zur Hälfte umsetzte, ändert daran im wesentlichen nichts.

    Antwort auf "Überdenken tut Not"
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    Wie verbinden Sie denn das Verhalten der Teilnehmer am "reinen Kapitalismus" mit Kants kategorischem Imperativ, d.h. handle stets so, daß die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könnte.

    Oder konkreter: Wer haftet für Folgeschäden aus der freien wirtschaftlichen Entfaltung des Individualinteresses?
    _______________________________________________________
    Niemand ist hoffnungsloser versklavt als der, der fälschlich glaubt frei zu sein. [J. W. Goethe]

    Wie verbinden Sie denn das Verhalten der Teilnehmer am "reinen Kapitalismus" mit Kants kategorischem Imperativ, d.h. handle stets so, daß die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könnte.

    Oder konkreter: Wer haftet für Folgeschäden aus der freien wirtschaftlichen Entfaltung des Individualinteresses?
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    Niemand ist hoffnungsloser versklavt als der, der fälschlich glaubt frei zu sein. [J. W. Goethe]

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