Prozess gegen Charles Taylor Der Kriegstreiber gibt sich als Menschenfreund
Kindersoldaten unter Drogen, abgehackte Gliedmaßen: Charles Taylor gilt als Drahtzieher des Bürgerkriegs in Sierra Leone. Jetzt sagte er vor dem Kriegsverbrechertribunal aus
Der Auftritt war einwandfrei: Dunkelgrauer Zweireiher, goldene Manschettenknöpfe, strahlend weißes Einstecktuch, getönte Brille mit feinem Goldrand. So trat Liberias Ex-Präsident am Dienstag in den Zeugenstand in Den Haag. Angeklagt ist er dort vor dem UN-Sondergericht für Sierra Leone wegen schwerster Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Seit zwei Jahren läuft der Prozess.
Taylor werden Mord, Folter, Vergewaltigung, die Rekrutierung und der Einsatz von Kindersoldaten und die Terrorisierung der Zivilbevölkerung vorgeworfen. Er soll seine Position als Staatschef Liberias missbraucht haben, um im Nachbarland Sierra Leone die extrem brutale Rebellentruppe "Revolutionäre Vereinigte Front" (RUF) auszurüsten und unter seine Kontrolle zu bringen.
Bei seinem Auftritt im Zeugenstand wies Taylor die Anschuldigungen zurück: “Ich bin nicht schuldig. Die Anklagepunkte basieren auf Betrug, Lügen und Desinformation.” Und sein Hauptverteidiger Courtenay Griffiths beklagte, dass sein Mandat von der öffentlichen Meinung vorverurteilt werde: “Die Vorurteile gegen Mister Taylor haben sich ganz tief eingegraben. Sie stützen sich auf Lügen und nicht belegte Gerüchte."
Was Taylor und Griffiths Lügen nennen, ist nach Ansicht des Chefanklägers Stephen Rapp gut dokumentiert. Er ist sich sicher, dass seine Beweise und die 91 Zeugen, die über das vergangene Jahr ausgesagt haben, die Verantwortung und die Schuld des Ex-Präsidenten belegen, der sich 1989 in Liberia an die Macht putschte, 1997 dort die Präsidentschaftswahl gewann und sich seit 1996 in den Bürgerkrieg in Sierra Leone, einem der blutigsten und brutalsten Afrikas, eingemischt haben soll.
Zwischen 50.000 und 250.000 Menschen verloren ihr Leben während des 11 Jahre andauernden Konfliktes, in dem RUF-Rebellen und Gruppen wie die AFRC gegen die Regierung kämpften. RUF-Führer Foday Sankoh und Sam Bockarie machten es zum Markenzeichen dieses Krieges, Menschen Hände und Füße abzuhacken. Frauen wurden geschändet, Kinder mit Drogen zu Kampfmaschinen gedrillt.
Auf die Einstiegsfrage seines Verteidigers, ob er “ein Terrorist und Vergewaltiger” sei, antwortete der 61-jährige Taylor gestern: “Es ist unglaublich, dass ich so beschrieben werde. Ich bin nichts dergleichen, und werde auch nie so etwas sein. Ich habe 14 Kinder, Enkelkinder. Ich liebe die Menschheit.”
Ankläger Rapp und sein Team werfen Taylor vor, die Rebellen mit Waffen, Munition, Training und Geld unterstützt zu haben, um in Sierra Leone die politische Kontrolle zu gewinnen. Ziel für den studierten Ökonom sei gewesen, an die Rohstoffe seines Nachbarlandes heranzukommen, ganz besonders an die Diamanten. Taylors Antwort: “Ich habe niemals Diamanten bekommen, weder in Mayonnaise-Gläsern, noch in Kaffeedosen. Das ist eine Lüge, eine teuflische Lüge.”
Die UN verhängten seinerzeit ein Embargo gegen die sogenannten Blutdiamanten, Menschenrechtsorganisationen setzten sich dafür ein, dass der Warlord an das Sondergericht ausgeliefert wurde. “Charles Taylors Prozess gibt den Opfern der schändlichen Verbrechen in Sierra Leone die Möglichkeit zu sehen, dass Gerechtigkeit erlangt wird”, meint Elise Keppler von Human Rights Watch.
Keppler rechtfertigt auch die Rolle von Hauptverteidiger Griffiths: Zu einem fairen und glaubhaften Verfahren gehöre eine kraftvolle Verteidigung. Taylors erster Tag im Zeugenstand hat dazu zumindest einen angemessenen Auftakt geliefert.
Griffiths' Plan ist, nicht nur die Anklage zu widerlegen. Er will der Weltöffentlichkeit einen anderen, unbekannten Charles Taylor vorstellen. Einen Staatsmann, der von anderen Regierungschefs in Westafrika gebeten wurde, beim Bürgerkrieg in Sierra Leone zu vermitteln. Einen demokratisch gewählten Präsidenten, der 2003 “freiwillig” von seinem Amt zurücktrat. “Ich tat das im Interesse von Frieden und Liebe für mein Volk. Ich bin nicht geflohen”, erklärte Taylor dazu.
Der Prozess gegen Charles Ghankay Taylor ist das letzte von vier Verfahren an dem Internationalen Kriegsverbrechertribunal mit Hauptsitz in Freetown, das ausschließlich Verbrechen in Sierra Leone verfolgt. Aus Sicherheitsgründen wurde der Prozess gegen Taylor nach Den Haag verlegt.
Nicht verantworten muss sich Taylor für den ebenfalls blutigen Bürgerkrieg in seinem Heimatland Liberia. Dort hat man sich gegen ein Strafgericht entschieden – eine Wahrheits- und Versöhnungskommission in Monrovia soll die Gräueltaten aufarbeiten.
- Datum 15.07.2009 - 13:12 Uhr
- Quelle ZEIT ONLINE
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