Damit hätte man wohl nicht gerechnet: Ausgerechnet Feridun Zaimoglu, der Erfinder des "Kanak Sprak", tritt für die reine deutsche Sprache ein. Auf Fremdwörter könne der Schriftsteller getrost verzichten. Die deutsche Sprache besitze so schöne eigene Wörter! Überhaupt reagiert der türkischstämmige Schriftsteller, der nebenbei bekennt, kaum Hoch-, sondern fast nur Unterhaltungsliteratur zu konsumieren, allergisch auf "intellektuelle Scheiße".

Hiervon konnten sich die gut ein Dutzend Teilnehmer eines zweitägigen Schreibseminars überzeugen, das kürzlich von der Leipziger Textmanufaktur in einer Räumlichkeit der alten Baumwollspinnerei veranstaltet wurde. Das ehemalige Werksgelände am Rande des Leipziger Stadtteils Lindenau, das heute vor allem durch die dort ansässigen Künstler der Neuen Leipziger Schule bekannt ist (der Porsche von Neo Rauch parkt um die Ecke), umgibt jede kreative Aktion mit dem entsprechenden Nimbus.

Die Leipziger Textmanufaktur ist ein kleines Wunder. Die Veranstaltungsreihe gibt es noch gar nicht so lange. André Hille, selbst Schriftsteller, hat sie nach einjähriger Planungszeit Anfang 2009 gegründet. Seitdem gibt es kein Halten mehr. Fast alle Kurse, die er anbietet, sind komplett ausgebucht. Selbst die Wartelisten sind gut gefüllt. Grundlage des Erfolgs dürfte der Literaturstandort Leipzig sein. Nicht zu vergessen eine perfekte Organisation und Pressearbeit, ohne die nichts geht. Mittlerweile stehen Hille zwei Mitarbeiterinnen zur Seite. Besonders in der Auswahl der Kursleiter, zu denen bislang etwa der ehemalige Suhrkamp-Lektor Thorsten Ahrend sowie die Schriftsteller Georg Klein und Wladimir Kaminer zählten, beweisen die Mitarbeiter der Textmanufaktur ein gutes Händchen.

Ein besonderer Glücksgriff, da zeigt sich sogar der Veranstalter selbst überrascht, ist Feridun Zaimoglu. Der Respekt, den der zuletzt mit dem Roman Liebesbrand (2008) erfolgreiche Autor den schriftstellerischen Bemühungen der Kursteilnehmer entgegenbringt, ist enorm. Geschmückt mit silberner Halskette, silbernen Armreifen und silbernen Ringen, beeindruckt der "Malcolm X der Türken" (Joachim Lottmann) auch durch fachliche Kompetenz.

Die öffentlichen Lektorate, die er den in einem "Reader" zusammengestellten Texten der Teilnehmer angedeihen lässt, sind ebenso unterhaltsam wie lehrreich. Besonders die Ungenauigkeiten in den Beschreibungen sind ihm Grund zur Klage. Er wäre allerdings ein schlechter Pädagoge, wüsste er keine Abhilfe: Eine intensive Schule der Wahrnehmung empfiehlt er. Erst sehen lernen, dann ans Schreiben gehen.

Die überwiegend weiblichen Teilnehmer des Kurses kommen aus dem gesamten Bundesgebiet. Sogar aus Österreich ist eine Dame angereist. Einige sind zum wiederholten Male mit von der Partie. Das Alter liegt zwischen zwanzig und sechzig. Viele der Teilnehmer bekennen, schon immer, von frühester Jugend an, gerne geschrieben zu haben. Der Mythos vom gesellschaftlichen Ansehen des Schriftstellers ist offenbar ungebrochen. Da ist die Werbetexterin, die zum Ausgleich die Literatur braucht und auch schon an prominenter Stelle veröffentlicht hat. Da ist die internationale Informationsmanagerin, die nebenbei einen Verlag gegründet hat. Da ist die Schauspielerin und Zirkuspädagogin, die sich über ihre eigenen Texte austauschen will. Da ist auch die talentierte Studentin der Kulturwissenschaft, die sich schon mal in die Schreibkurse der Universität Hildesheim eingeschmuggelt hat. Da ist sogar der Professor der Psychologie, der statt langweiliger Wissenschaftsprosa fortan Krimis schreiben will.

Von ihren Freunden und Bekannten wurden sie stets für ihre Schreibversuche gelobt: Nun bekommen sie hier zum ersten Mal fachkundiges Feedback auf ihre literarischen Schöpfungen. Die allzu berechtigte Kritik an ihren Texten nehmen sie erstaunlich widerspruchsfrei entgegen. Das könnte aber auch am sympathischen Kursleiter liegen, der seine Kritik stets elegant einleitet: "Du könntest um so mehr glänzen, wenn …"

Einige Texte heimsen tatsächlich Lob ein. Das klingt dann so: "Ich hab tatsächlich gedacht: Scheiße, das stammt nicht von mir." Beruhigend und entspannend wirkt auch die am ersten Tag eingelegte Plauderstunde, in der Zaimoglu die Stationen seines zunächst gar nicht so erfolgreichen Lebens nacherzählt. Vom erfolglosen Maler und Nebenjobber als Leichenwäscher, Schlächter bei Nordfleisch und Woolworth-Mitarbeiter zum Verlegenheits-Schriftsteller und erfolgreichen Protokollanten der "Kanak Sprak".

Möglicherweise muss ein Mensch was von der Welt gesehen und ein wenig gelitten haben, um als Schriftsteller interessant zu sein. Zaimoglus eigene Literatur ist wenig zimperlich: "Die Kunstfotze ist nicht zu übersehen", beginnt sein Roman German Amok (2002). Den unüblichen Zugriff auf menschliche Themen kann auch er den Kursteilnehmern, deren Texte bisweilen erstaunlich realitätsfremd und weltflüchtig sind, nicht beibringen.

Als Ergebnis des Seminars dürfen sich die Teilnehmerinnen Olivia Wenzel und Isabella Straub Hoffnung machen auf das ausgelobte Textmanufaktur-Stipendium und den damit verbundenen Verlagsvertrag. Und am Ende steht die verwirrende Erkenntnis: Als Autor hat man sich an viele Regeln zu halten. Gleichzeitig muss ein Text aber besonders unkonventionell und originell daher kommen, um als Kunst zu gelten. Wenn es dann noch zahlreiche Menschen gibt, die das Geschriebene lesen wollen, ist wohl der seltene Fall eingetreten: Ein Schriftsteller wurde geboren. Bis es soweit ist, kann man ja noch mal einen Schreibkurs bei der Textmanufaktur besuchen.