140 Zeichen sind frei, wenn man auf dem dauergehypten Kurznachrichtendienst Twitter einen Tweet in den Äther blasen will. Die Sprache unterliegt einer Verknappung und Verdichtung, wie sie in Werbung, Kommunikation und Straßenkunst mittlerweile Standard ist. 140 Zeichen sind zur Referenzgröße einer Gemeinschaft geworden, die sich global und in Jetztzeit bei Laune hält.

Doch ist vieles, was da im Netz umherschwirrt, belanglos. Und es bleibt oftmals ohne Referenz und Quellenangabe, wie man beim digitalen Rauschen um den Aufstand in Iran erkennen musste. Ob die verknappte Sprache des Webs zudem ein neues Vokabular und damit ästhetischen Mehrwert schafft, steht noch längst nicht fest.

Dabei ist die Verdichtung von Sprache zu Kunst eine der ältesten kulturellen Leistungen der Zivilisation. In der Lyrik wurden schon immer im Spiel des Verweises und in dem bewussten Bruch formaler Regeln größere Zusammenhänge zu einem Mehr an Erkenntnis verwoben. Man könnte also meinen, die Kompetenzen der Lyriker würden mehr denn je gebraucht, um den veränderten medialen Kommunikationsprozessen Form und Sinn zu geben.

Doch das Gedicht scheint nicht aus seinem Nischendasein herauszukommen. Als zu schwierig gilt die moderne Lyrik, zu undurchdringbar und hermetisch. Der Lyrik fehlt offenbar die sogenannte Street Credibility. Darüber hat vor beinahe 150 Jahren schon Friedrich Schlegel geklagt, als er in einem seiner Athenäums-Fragmente schrieb: "Wenn junge Personen beiderlei Geschlechts nach einer lustigen Musik zu tanzen wissen, so fällt ihnen gar nicht ein, deshalb über die Tonkunst urteilen zu wollen. Warum haben die Leute weniger Respekt vor der Poesie?"

Das Berliner Poesiefestival versucht seit zehn Jahren, der ältesten Sprachkunst zu neuer Geltung zu verhelfen. Im diesjährigen Kolloquium ging es um die vorgebliche "Sperrige Schönheit" des Gedichtes. So sollte dem schlechten Image der Lyrik Substanzielles entgegengesetzt werden. Die Lyrikerin Monika Rinck kritisierte die waltende Untergangstimmung. "Das Gedicht ist nicht schwieriger oder undurchdringlicher als der Rest unserer Gegenwart", sagte sie. "Gedichte müssen nicht erst vermittelt werden. Sie sind bereits Vermittlung." Und der Literaturwissenschaftler Johann Reißer ergänzte: "Der Blick auf Wirklichkeit ist nicht einfach zu haben."

Doch reicht das? Ist das Buch als Trägermedium noch zeitgemäß genug, die Netzgemeinde aus den virtuellen Foren an den Schreibtisch und in die Bibliothek zu locken? Monika Rinck hat recht, wenn sie über Gedichte sagt: "Sie sind da. Man kann sie lesen." Zugleich werfen mehr Verlage die Poesie aus ihrem Sortiment. Zusammen mit dem Drama und dem Essay macht die Lyrik allein 1,79 Prozent der jährlichen Neuveröffentlichungen in Deutschland aus. "Das Phänomen des Bestsellers gibt es in der Lyrik nicht", klagt Thomas Sparr vom Suhrkamp Verlag.

"Ein Gedicht ist in der Regel eine kurze Textversammlung, und ist schon von daher ein adäquates Medium in heutiger Zeitknappheit", sagt Thomas Wohlfahrt. "Es ist ein Merkmal von Lyrik, dass Sprache verdichtet wird und in den Bedeutungen zu tanzen beginnt." Das Buch hätte kulturhistorisch Enormes für "die Verbreitung von Dichtkunst" geleistet, sagt der Festivalleiter. Und doch müsse man mit der Zeit gehen. "Das Buch wird es geben, aber mit Veränderungen", sagt Wohlfahrt, "mit CD und womöglich mit beigelegtem oder integriertem Film." Durch die Internetseite lyrikline.org stellen das Poesiefestival und der Veranstalter die Berliner Literaturwerkstatt bereits jetzt einen virtuellen Raum zur Verfügung, auf dem Gedichte als Text und Tonbeispiel abrufbar sind – ein erster Schritt hin zu neuen Darstellungs- und Rezeptionsformen.