Bundeswehr Buhmänner vom Dienst

Sie riskieren ihr Leben, doch die Missionen der Bundeswehrsoldaten im Ausland werden von der Öffentlichkeit kaum gewürdigt. Der Wehrbeauftragte möchte das ändern

Etwa 200 Demonstranten haben sich mit Trommeln und Trillerpfeifen in Position gebracht und skandieren: "Soldaten sind Mörder." Ihr Protest dringt zwar nicht bis zum Reichstag, wo 400 Bundeswehrrekruten ihr Gelöbnis ablegen, doch ihr Ziel haben die Demonstranten trotzdem erreicht: Die Aufmerksamkeit gilt auch ihnen, nicht nur den angehenden Soldaten. Zum Ärger der Bundeswehr, die mit der Zeremonie zugleich das 65. Jubiläum des Stauffenberg-Attentats auf Hitler begeht.

Lange schon fühlen sich die Bundeswehrsoldaten von Öffentlichkeit und Politikern im Stich gelassen. Ihre lebensgefährlichen Missionen, beispielsweise in Afghanistan, lehnt die Bevölkerung mehrheitlich ab. Bestenfalls sei von einem "freundlichen Desinteresse" zu sprechen, sagt der Wehrbeauftragte des Bundestages, Reinhold Robbe.

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Ein Zustand, der sich ändern muss, meint der SPD-Politiker. Denn die "menschliche Zuwendung", die die Soldaten vermissten, sei in den Auslandseinsätzen noch wichtiger geworden. In Afghanistan erlebten die Soldaten unberechenbare Bedrohungen und müssten stundenlang kämpfen. "Wenn sie dann nach Monaten aus dieser schlimmen Situation zurückkommen, wird hier oft so getan, als sei das unwichtig", sagte Robbe ZEIT ONLINE.

Wie sehr das Selbstbild und letztlich auch der Erfolg der Bundeswehr vom Rückhalt in der Bevölkerung abhängen können, hat der Militärsoziologe Heiko Biehl untersucht. Über Internet und Satellitentelefon erfahren die Soldaten heutzutage auch am Einsatzort, wenn die Menschen in ihrer Heimat ihren Einsatz missbilligen – und müssen sich damit auseinandersetzen. Das demotiviere sie und ließe sie letztendlich am Sinn ihrer Mission zweifeln, schilderte Biehl 2007 in einem Bericht.

Nicht zuletzt deshalb fordert Robbe Solidarität mit den Soldaten, selbst von Bundeswehrgegnern und Pazifisten. Auch sie müssten anerkennen, dass der Bundestag die Truppe entsendet – und die Bundeswehr damit im Auftrag der Mehrheit der Bevölkerung handelt. Außerdem gehe es nicht um politische Zustimmung bei Auslandseinsätzen, sondern um die Soldaten als Menschen. Ihnen sei eine "wertneutrale Anerkennung" ihrer Arbeit entgegenzubringen. Er möchte deshalb, dass Gewerkschaften, Kirchen, Medien und Künstler die Arbeit der Bundeswehr thematisieren, schließlich gehöre sie zum gesellschaftlichen Leben dazu.

Dagegen sieht der Vorsitzende des Bundeswehrverbands, Oberst Ulrich Kirsch, die Politiker in der Pflicht. Er hatte Regierung und Bundestag aufgefordert, genauer über den Einsatz der deutschen Streitkräfte in Afghanistan zu vermitteln. Er hält es für nicht akzeptabel, dass sich die Soldaten nach ihrer Rückkehr selbst rechtfertigen müssten. "Eine erneute Erklärung der Bundeskanzlerin, was unsere Soldatinnen und Soldaten in Afghanistan leisten, ist überfällig", sagte Kirsch Anfang Juli auf einer Landesversammlung des Verbandes.

Einige Schritte in diese Richtung hat die Bundesregierung bereits getan. Verteidigungsminister Jung hatte im November den Grundstein für ein Ehrenmal für alle gefallenen Bundeswehrsoldaten im Berliner Bendlerblock gelegt. Bundeskanzlerin Merkel verlieh vor zwei Wochen zum ersten Mal eine Tapferkeitsmedaille an vier Soldaten, die ihre Kameraden in Afghanistan nach einem Selbstmordanschlag versorgten. Gleichzeitig mahnte sie eine stärkere Würdigung der Verdienste in der Bundeswehr an. "In Deutschland wird zu wenig über Leistungen, Belastungen und Risiken der Soldaten gesprochen", sagte sie damals.

Tapferkeitsmedaillen und Ehrenmale seien zwar ein "nice to have", würden aber nichts an der öffentlichen Meinung ändern, sagt Wolfgang Schmelzer. Der stellvertretende Vorsitzende des Bundeswehrverbands wünscht sich eine bessere Öffentlichkeitsarbeit der Streitkräfte. Mehr Transparenz könnten sie etwa mit Tagen der Offenen Tür in Kasernen erreichen. Das Gelöbnis vor dem Reichstagsgebäude ist ihm derweil noch nicht genug: Wirklich öffentlich sei es erst, wenn es an einem Ort stattfinde, der für alle Interessierten zugänglich sei – wie etwa das Berliner Olympiastadion, sagte Schmelzer.

Solche Großveranstaltungen lassen sich aber wegen Sicherheitsbedenken nicht umsetzen. Auch im Vorfeld des diesjährigen Gelöbnisses war der militärische Abschirmdienst alarmiert, als Flyer mit Gewaltaufrufen gegen Soldaten auftauchten. Darauf heißt es: "Nicht zögern. Reinhauen. Und zwar richtig." Der Berliner Verfassungsschutz sprach daraufhin von einer "neuen Qualität" des Aufrufes, da er erstmalig zu Gewalt gegen Menschen aufforderte.

Der Wehrbeauftragte Robbe kritisiert, dass es nach dem Auftauchen der Flyer kaum Reaktionen von Politikern gegeben habe. "Soldaten, die sowieso schon frustriert sind, fühlen sich so natürlich bestätigt", sagte er. Schon als die Bundeswehr 1980 das erste Mal ein Gelöbnis außerhalb einer Kaserne abhielt – im Bremer Weserstadion – war es zu schweren Krawallen mit rund 300 Verletzten gekommen.

 
Leser-Kommentare
  1. Alte deutsche Probleme - heimkehrende Soldaten werden nach unsinnigen Waffengängen mit gemischten Gefühlen empfangen, Politiker hängen ihnen Medaillen an die Brust, und Offiziere beklagen Dolchstöße an der Heimatfront. Wahrscheinlich ist sogar die Militärskepsis der Bevölkerungsmehrheit ein alter Hut - immerhin war ja in der BRD eine Mehrheit gegen die Wiederbewaffnung. Es fragt sich, warum wir, in welchem staatlichen Rahmen auch immer, dennoch stets aufs neue diese Kriegspielfetischisten an die Spitze stellen?

    • Chali
    • 21.07.2009 um 7:45 Uhr

    Ihre lebensgefährlichen Missionen, beispielsweise in Afghanistan, lehnt die Bevölkerung mehrheitlich ab. ... Auch sie müssten anerkennen, dass der Bundestag die Truppe entsendet – und die Bundeswehr damit im Auftrag der Mehrheit der Bevölkerung handelt.

    Das demotiviere sie und ließe sie letztendlich am Sinn ihrer Mission zweifeln, ...
    "Zersetzung der Wehrkraft", nicht wahr?

    Und dabei könnte alles so einfach sein! Die privatwirtschaftliche Lösung!
    Abschaffung des Paragrafen 109h des StGB, "Schwarzwasser Deutschland GmbH", vielleicht noch eine behutsamme Anpassung des Begriffes "Zumutbarkeit", und schon hätten wir eine rasante Abnahme jugendlicher HartzIV-Bezüger!

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    "Aristoteles war kein Belgier. Die Hauptbotschaft des Buddhismus lautet nicht: 'Jeder kämpft für sich selbst'. Und die Londoner Untergrundbahn ist keine politische Bewegung."
    A Fish called Wanda

  2. Da wurschteln sich alle Politiker/innen von Grünen bis CDU um das Wort "Krieg" herum - und hoffen, der gemeine Wähler merkt es nicht.

    Die Grünen als ehemalige Friedenspartei wollen nicht mit die Ersten gewesen sein, die Deutschland nach 1945 in einen KRIEG geschickt haben - und der Rest hat einfach ein ungutes Gefühl angesichts der deutlichen Worte im Grundgesetz.

    Also wird Deutschland am Hindukusch "verteidigt" und alles ist nur ein Nicht-Krieg.

    Die Soldaten baden es aus.

    Wie immer.

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    Ich kann diesem Kommentar nur zustimmen. Wie die Politiker in unserem Land mit unseren Soldaten umgehen, ist eine Schande! Soldaten folgen einem Befehl. Sie haben kein Mitspracherecht, ob ihr Einsatz sinnvoll ist oder nicht. Das für ist allein die Politik verantwortlich. Und es ist auch Aufgabe der Regierung die Einsätze der Bundeswehr in Krisenregionen dem eigenen Volk gegenüber glaubwürdig zu vertreten. Aber so lange sich die Politiker darüber streiten, ob in Afghanistan nun Krieg ist oder nicht, so lange sie nicht wissen,wer für den Kampf gegen die Piraten zuständig ist, so lange Politiker also selbst nicht wissen, was sie tun, muss ich mich fragen, ob unsere Soldaten nicht wieder einmal für irgendwelche politischen Zwecke mißbraucht werden?! Die Aufgaben der Bundeswehr sind im Grundgesetz klar geregelt. vielleicht sollten unsere Politiker wieder einmal nachlesen, was da steht!

    Ich kann diesem Kommentar nur zustimmen. Wie die Politiker in unserem Land mit unseren Soldaten umgehen, ist eine Schande! Soldaten folgen einem Befehl. Sie haben kein Mitspracherecht, ob ihr Einsatz sinnvoll ist oder nicht. Das für ist allein die Politik verantwortlich. Und es ist auch Aufgabe der Regierung die Einsätze der Bundeswehr in Krisenregionen dem eigenen Volk gegenüber glaubwürdig zu vertreten. Aber so lange sich die Politiker darüber streiten, ob in Afghanistan nun Krieg ist oder nicht, so lange sie nicht wissen,wer für den Kampf gegen die Piraten zuständig ist, so lange Politiker also selbst nicht wissen, was sie tun, muss ich mich fragen, ob unsere Soldaten nicht wieder einmal für irgendwelche politischen Zwecke mißbraucht werden?! Die Aufgaben der Bundeswehr sind im Grundgesetz klar geregelt. vielleicht sollten unsere Politiker wieder einmal nachlesen, was da steht!

  3. Hätten morgen die wahlberechtigten Deutschen zu entscheiden, müssten unsere Jungs baldmöglich aus Afghanistan raus.

    Deren Schicksal besteht deshalb nicht allein in der Gefahr vor Ort. Sie müssen auch einen Dienst tun, der nicht wirklich vom Volk gewollt ist.

    All das sollte jeder einzelne Soldat für sich persönlich bedenken, bevor er sich auf einen solchen "Job" einlässt...

  4. "Nicht zuletzt deshalb fordert Robbe Solidarität mit den Soldaten, selbst von Bundeswehrgegnern und Pazifisten. " Diese Forderungen sind berechtigt aber wohlfeil, solange Robbe sie nicht einmal in seiner eigenen Partei umsetzen kann - vom ehemaligen Koalitionspartner "Die Grünen" oder den Jusos und der Linkspartei einmal ganz zu schweigen. Wenn also staatliche Organe - d.h. grosse Teile der Land- und Bundestage - ihre eigene Armee verachten - eh bien, die Lektion kommt eben dann auch bei Teilen der Bevölkerung an, da können sich die saturierten alt-68er und ihre Brüder und Schwestern im Geiste gegenseitig auf die Schultern klopfen.

  5. würde besser zur Lösung des Problems beitragen. Nennt es Krieg in Afghanistan und lasst uns darüber nachdenken ob wir das wirklich wollen. Statt blinde Zustimmung von Pazifisten und Bundeswehrgegnern zu fordern sollten sich die Befürworter mit der Frage auseinanderstetzen ob wir wirklich in einen Krieg verwickelt sein wollen, den die Sowjetunion schon 30 Jahre lang vergeblich geführt hat. Meine Meinung ist wir sollten aus den Fehlern der Geschichte lernen (auch wenn es ausnahmsweise mal nicht unsere eigene ist) und die Soldaten zu ihrem besten schnellstmöglichst zurückholen.

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    ...gibt es da noch was nachzudenken?

    ...gibt es da noch was nachzudenken?

  6. dagegen = dafür

    "Ihre [der Bundeswehr] lebensgefährlichen Missionen, beispielsweise in Afghanistan, lehnt die Bevölkerung mehrheitlich ab."

    Wir alle "müssten anerkennen, dass der Bundestag die Truppe entsendet – und die Bundeswehr damit im Auftrag der Mehrheit der Bevölkerung handelt."

    Einzig logische Schlußfolgerung: Der Bundestag repräsentiert NICHT die Mehrheit der Bevölkerung.
    _______________________________________________________
    Niemand ist hoffnungsloser versklavt als der, der fälschlich glaubt frei zu sein. [J. W. Goethe]

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    • eluutz
    • 21.07.2009 um 9:08 Uhr

    Eigentlich kann man nur aussagen, dass der Bundestag in diesem Bereich - Auslandseinsätze der Bundeswehr, zumindest in Afghanistan, möglicherweise auch anderswo - nicht die Mehrheit der Bevölkerung vertritt.

    Unabhängig davon jedoch wurde die Bundeswehr von unserer politischen Vertretung und - so ungern wir das hören - in unserem Namen mit dem Einsatz in Afghanistan beauftragt. Die Soldaten dort erfüllen ihre Pflicht für uns (indirekt) und begeben sich dabei in Lebensgefahr. Das zumindest sollten wir respektieren. Zur Gewalt gegen unsere Budneswehrsoldaten aufzurufen ist nicht tolerierbar.

    Außerdem gibt es wohl eine (zumindest schwache) Mehrheit für Aufbauhilfen in Afghanistan. Wenn da dieser hässliche Krieg nicht wäre. Und diese Menschen, die gerne Ingenieure entführen oder Schulen bomben. Tatsächlich würde der sofortige Rückzug aller fremden Soldaten aus Afghanistan der Mehrheit der dortigen Bevölkerung (wahrscheinlich) nicht helfen sondern ihre Lage verschlimmern. Bieten Sie eine Lösung an, bei der wir nicht unsere Prinzipien verraten - 'nie wieder Krieg' und 'gobale Menschenrechte'.

    • eluutz
    • 21.07.2009 um 9:08 Uhr

    Eigentlich kann man nur aussagen, dass der Bundestag in diesem Bereich - Auslandseinsätze der Bundeswehr, zumindest in Afghanistan, möglicherweise auch anderswo - nicht die Mehrheit der Bevölkerung vertritt.

    Unabhängig davon jedoch wurde die Bundeswehr von unserer politischen Vertretung und - so ungern wir das hören - in unserem Namen mit dem Einsatz in Afghanistan beauftragt. Die Soldaten dort erfüllen ihre Pflicht für uns (indirekt) und begeben sich dabei in Lebensgefahr. Das zumindest sollten wir respektieren. Zur Gewalt gegen unsere Budneswehrsoldaten aufzurufen ist nicht tolerierbar.

    Außerdem gibt es wohl eine (zumindest schwache) Mehrheit für Aufbauhilfen in Afghanistan. Wenn da dieser hässliche Krieg nicht wäre. Und diese Menschen, die gerne Ingenieure entführen oder Schulen bomben. Tatsächlich würde der sofortige Rückzug aller fremden Soldaten aus Afghanistan der Mehrheit der dortigen Bevölkerung (wahrscheinlich) nicht helfen sondern ihre Lage verschlimmern. Bieten Sie eine Lösung an, bei der wir nicht unsere Prinzipien verraten - 'nie wieder Krieg' und 'gobale Menschenrechte'.

  7. ...er muss den Sack schlagen, obwohl er den Esel meint.

    1) Diejenigen die die Bundeswehrsoldaten wahrhaft nicht würdigen, sind natürlich unsere Regierung, also Merkel, Steinnmeier, Jung, Schäuble usw.

    Die weigern sich standhaft, uns die folgenden Fragen zu beantworten:
    - Was ist unser Ziel in Afganistan ?
    - Welcher Vorteil erwächst Deutschland aus diesem Ziel ?
    - Mit welchen Mitteln ist diese Ziel zu erreichen ?
    - Haben wir diese Mittel ?

    - Wenn alle Fragen bis hier beantwortet sind (#2 und #3 mit ja)
    - Wollen wir dann das Ziel immer noch erreichen ?

    2) Zitat:
    Nicht zuletzt deshalb fordert Robbe Solidarität mit den Soldaten, selbst von Bundeswehrgegnern und Pazifisten. Auch sie müssten anerkennen, dass der Bundestag die Truppe entsendet – und die Bundeswehr damit im Auftrag der Mehrheit der Bevölkerung handelt.

    Falsch.
    Der Bundestag ist gerade auch bei diesem Thema zu einem Abnickverein verkommen, der willenlos den Vorgaben der Regierung folgt.
    Jede Partei, die sich offen hinstellt und sagt:
    "Ja, wir müssen den Krieg in Afganistan weiterführen" und dabei die von mir oben gestellten Fragen wahrhaftig beantwortet, wird bei der nächsten Wahl in den Keller geschickt, noch ein Stockwerk unter der SPD.

    Genau deswegen nimmt Jung eher Kuhfladen in den Mund als das Wort Krieg.

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