Rock-Festival Eric Burdon im osthessischen Matsch

Am Sonntagabend ging das Herzberg-Festival zu Ende. Viele Bands spielten auf zwei Bühnen. Manch eine war nicht schlecht, Eric Burdon ein Riesenspaß

Eric Burdon singt, knarzt, röhrt als wäre er nicht bereits 68 Jahre alt. Die Aufnahme entstand bereits Anfang Juli, als er auf dem Münchner Tollwoodfestival auftrat

Eric Burdon singt, knarzt, röhrt als wäre er nicht bereits 68 Jahre alt. Die Aufnahme entstand bereits Anfang Juli, als er auf dem Münchner Tollwoodfestival auftrat

"Wo geht der Mann bloß ins Fitnessstudio?", fragt ein angegrauter Hippie im Publikum. Da tobt "der Mann" seit rund 45 Minuten über die Bühne des Herzberg-Festivals und sieht nicht aus, als wolle er so bald aufhören. "Der Mann" ist 68 Jahre alt, trägt die weißen Haare stoppelkurz zur Sonnenbrille und heißt Eric Burdon.

Nun sind sie einiges gewohnt bei diesem Festival im Osthessischen, von sich selbst und von ihren Lieblingsmusikern aus Classic, Blues-, Prog-, Space- und sonstigem Rock, aus Folk, Reggae, Ska und ein bisschen Trance. Sie tragen selbst knielange Dreadlocks auf dem Kopf, 16er Muttern in den Ohren oder flächendeckende Tattoos, schnüren den grauen Bart in Zöpfe bis zur Brust und hüpfen über die Wiese wie vom Veitstanz befallen. Ein paar waren sicher schon beim ersten Herzberg-Festival dabei, damals, 1968.

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Aber Burdon, das ist eine Kategorie für sich. Der kompakte Kerl singt, knarzt und röhrt sich durch sein gereiftes Repertoire, als gäbe es kein Morgen, und wirkt dabei so frisch, als wäre Gestern noch nicht lange her. Eine junge Streicherin namens Georgia hat er dabei, die der erprobten Band eine frische, folkige Note hinzufügt und auch mal singen darf, auf Griechisch. Sie könnte seine Tochter, ach was, seine Enkelin könnte sie sein.

Zwischen Futterbuden und CD-Verkaufsständen, zwischen Hippie-Nippes und Batik-Workshop und zwischen den Tausenden Zelten und Wohnwagen der Festivalgäste aller, aber echt aller Altersstufen flitzt schon die Urenkelgeneration durch den Matsch. Der gehört zum Herzberg wie der Schlaks mit dem Kinnbart im Batikshirt, der seinen Bauchladen mit Energy-Balls durch die Menge tanzt. Der Morast hält sich aber diesmal in Grenzen. Immer wieder Schauer, manche heftig, nie von Dauer.

Bei Burdon bleibt es trocken. Als er das House of the Rising Sun in New Orleans besingt, geht dunkelrot die Sonne unter über den bewaldeten Hügeln, grobe Richtung Alsfeld. Ein Hauch seiner San Franciscan Nights weht über die Wiese, Räucherstäbchenduft mit einer Spur Dixie-Klo. Love kitzelt er aus tausend Kehlen, als könnte das dieses Jahr endlich wieder was werden mit dem Sommer der Liebe. Und er hat einen Riesenspaß dabei.

Den lässt sich auch das Publikum nicht verderben. Schon gar nicht von den Schauern: Das hier sind keine Karnevalshippies, die hier sind echt. Waschecht. Dem Nass trotzen sie mit dicken Regenplanen und guter Laune, dem Matsch in schweren Stiefeln oder gleich barfuß. Dann kann man so schön schlittern. Alles eine Frage der Einstellung – na ja, ein bisschen wird das Kraut helfen, dessen Rauch so harzig in der Luft hängt.

Zugaben? Für Burdon kein Problem, nach einer Stunde schweißtreibender Bühnentätigkeit, nach Don't let me be misunderstood und Boom Boom und Paint it black. Er kam mit der melancholischen Koketterie When I was young auf die Bühne, darin die sich beim Improvisieren dehnende Zeile "We had John, Paul, George, Paul and Ringo and Jimi and George Brown and Ray Charles" etc. "Ich", singt Eric da, "ich mag auch nicht mehr der Jüngste sein, aber ich bin noch da".

Anderntags analysieren ein paar Altkluge, warum Burdon so gut ankam, besser als so manche Band mit großen Namen, die auch schon da war: die wiedererkennbaren Songs? Die Tatsache, dass manche im Publikum sich zu einem Burdon-Song zum ersten Mal küssten? Das greift zu kurz.

Oder jubeln die mittelalten Post-Hippies ihm zu, weil sie zu seiner Musik gezeugt wurden und sich die Schwingungen der Musik in Eizelle und Spermium verewigten? Oh, es gibt viele auf dem Herzberg, die würden das für eine glaubwürdige Erklärung halten. Aber was ist mit den flaumbärtigen Junghippies, den bronzehäutigen Bauchnabelpierzchen im Schulalter?

Nein, es muss die schiere Energie sein, die Burdon auf die Bühne bringt. Eine Zugabe folgt der nächsten, Sky Pilot, We gotta get out of this place. Es klingt nicht verzweifelt. Rund zwei Stunden steht der 1941 in Newcastle geborene Burdon auf der Bühne mit einer Band, die nicht mehr wie einst "The Animals" heißen darf, weil deren alter Schlagzeuger sich die Namensrechte erstritten hat. Burdon ist ein Bühnentier, er ist jede Sekunde präsent, hat das Timing voll drauf und sein Publikum im Griff.

Nur vom Seiteneingang der Bühne aus ist die Geste dann zu sehen: ein symbolischer Griff zur Kehle mit dem Rücken zum Publikum, es reicht, die Stimme braucht Ruhe. Die Band gehorcht, gewittert in ein letztes Finale. Backstage teilen Roadies mit rotweißem Baustellenband eine Gasse ab, von der Bühnentreppe direkt zu einem wartenden Kleinbus.

Als Eric Burdon die Bühnentreppe hinabsteigt, suchen seine Schritte die Stufen. Eine Jacke wirft man ihm über, legt ihm ein Handtuch um, führt ihn zum Bus, der sofort losfährt, in ein Hotel wohl, duschen, ausruhen. Sein Fitnessstudio ist die Bühne. Eric Burdon ist, und jetzt, hinter der Bühne, sieht man es ihm auch an, 68 Jahre alt.

 
Leser-Kommentare
  1. ...Morrison eine der letzten lebenden Legenden.

    Das meiste hinterher: schlichtes Mittelmaß.

  2. Herrlicher Artikel, lässt sicher bei jedem alten und jungen Burdon-Anhänger das Herz höher schlagen. Danke!
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    Man sollte auch bei Rot über die Ampel gehen dürfen, zumindest wenn kein Auto kommt und auf der anderen Straßenseite jemand Hilfe braucht.

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