Impfstoff gegen die Schweinegrippe "Die Herstellung läuft viel zu langsam"

Die Produktion einer Vakzine ist schwieriger als gedacht. Das Impfvirus vermehrt sich schlecht. Aber der Erreger H1N1 ist besiegbar, sagt der Virologe Stephan Becker

"Lahme Ente": Das H1N1-Virus wächst schlecht auf Eiern, die genutzt werden um Impfstoff herzustellen. Auch auf Zellkulturen ist die Ausbeute an Impfviren deutlich geringer als gehofft

"Lahme Ente": Das H1N1-Virus wächst schlecht auf Eiern, die genutzt werden um Impfstoff herzustellen. Auch auf Zellkulturen ist die Ausbeute an Impfviren deutlich geringer als gehofft

ZEIT ONLINE: Vergangene Woche haben sich die Gesundheitsminister der Länder darauf geeinigt, für ein Drittel der Bevölkerung einen Impfstoff gegen H1N1 zu bestellen. Herr Becker, wann stehen die ersten Impfdosen bereit?

Stephan Becker: Der Impfstoff wird bereits produziert. Er muss allerdings noch die klinischen Studien durchlaufen. Hier testen Mediziner, wie die Vakzine wirkt und ob sie sicher ist. Auch soll geklärt werden, ob man eine oder zwei Impfdosen braucht, um einen Impfschutz zu erreichen. Das wird in den nächsten Monaten passieren, so dass bis Ende des Jahres sicherlich erste Dosen da sein werden.

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ZEIT ONLINE: Die Bundesländer rechnen mit 45 Millionen Impfdosen, mit denen in zwei Durchgängen 22,5 Millionen Bürger immunisiert werden sollen. Wie realistisch sind solche Mengen?

Becker: Noch lässt sich nicht genau abschätzen wie viel Impfstoff es geben wird. Für die Herstellung mixt man den Schweinegrippe-Virus mit anderen Erregern, um ein Impfvirus zu erzeugen und zu vermehren. Das Problem ist: Das Virus ist eine lahme Ente, was das Wachstum sowohl auf Eiern als auch auf Zellen betrifft. Momentan reicht das nicht aus, um genügend Impfstoff zu produzieren. Alles verläuft viel langsamer, als die Hersteller es sich wünschen.

ZEIT ONLINE: Woran liegt das?

Becker: Den Grund kennt noch niemand. So etwas kommt immer mal wieder vor. Insofern ist das nicht völlig ungewöhnlich, aber es ist schrecklich ärgerlich. Es wäre wunderbar, wenn alle geimpft werden könnten, um das Virus einzudämmen. Wenn aber nur eine geringe Menge an Impfstoff da ist, werden die Menschen geschützt, bei denen eine Erkrankung höchstwahrscheinlich schwer verläuft. Für die anderen gilt: Wen die Grippe erwischt, der ist halt eine Woche krank.

ZEIT ONLINE: Bietet denn eine Impfung absoluten Schutz?

Becker: Nein. Bei Menschen über 65 Jahren liegt der Impfschutz etwa bei 60 Prozent. Diese Gruppe ist scheinbar nicht so sehr von dem Virus betroffen. Das liegt möglicherweise daran, dass es vor 50 oder 60 Jahren schon einmal ein Grippevirus gab, das dem jetzigen relativ ähnlich war. Wahrscheinlich hat ein Teil der älteren Bevölkerung damals die Erkrankung durchgemacht und so noch eine Restimmunität gegen das Virus. Bei Geimpften, die heute zwischen 15 und 60 Jahren alt sind, schützt eine Vakzine hingegen zu etwa 80 bis 90 Prozent.

ZEIT ONLINE: Welche Nebenwirkungen kann eine Impfung haben?

Becker: In der Regel sehr geringe. Es kann sein, dass die Stichstelle etwas schmerzt. Manche Menschen entwickeln Fieber, nachdem sie geimpft wurden. Insgesamt ist eine Grippeimpfung aber gut verträglich, weil es sich bei ihr um einen Totimpfstoff handelt. Das heißt, das Virus selbst vermehrt sich nicht mehr im Impfling, sondern der Körper entwickelt nur Antikörper.

ZEIT ONLINE: Muss sich Sorgen machen, wer keine Impfung erhält?

Becker: Das ist schon komisch. Normalerweise muss man die Menschen zu den Impfungen tragen und jetzt will plötzlich jeder der erste sein. Ich werde nicht müde zu betonen: Die Krankheiten, die durch die saisonale Grippe ausgelöst werden, sind nicht deutlich anders als die der neuen Grippe. Niemand muss ängstlicher sein, als in den vergangenen Jahren.

Die Fragen stellten Irene Berres und Sven Stockrahm.

 
Leser-Kommentare
  1. Vor allem muss man bedenken, der Hauptgrund die Bevölkerung breit zu immunisieren ist zumindest aus "taktischer" Sicht heraus nicht der Einzelperson die Krankheit zu ersparen - das natürlich eh. Es geht darum dass sich ein Erreger ab einer gewissen Immunität nicht mehr weiter verbreitet und irgendwann ausgerottet wird. Am besten ist das bisher mit den Pocken gelungen, die bereits seit Anfang der 1980er auf der gesamten Welt ausgerottet sind und nur noch als Kulturen in wenigen Hochsicherheitslaboratorien existieren.
    Je nach Erreger und Verbreitungsart reicht aber auch schon eine Immunisierung eines Teils der Menschen aus um die Weiterverbreitung aufzuhalten. Wenn dann bei einem Erreger die meisten Krankheitsverläufe still oder nur mit ganz leichten Symptomen einhergehen wie bei der "Schweinegrippe" dann braucht es gar keine "Vollimpfung".

    Und der beste Schutz ist halt, das klingt jetzt nicht nach großen "Aktionsplänen" und Milliardenaufwand, nach wie vor Hygiene. Nicht jedem die Hand schütteln sondern es auch mal mit einem Gruß bewenden lassen, die Hände regelmäßig waschen und mit selbigen nicht (unbewusst) im Gesicht rumfahren. Das ist bei den meisten Krankheitserregern die häufigste Ansteckungsform, "unvorsichtiges" Verhalten.
    Sowas wie dieser Mundschutz aus irgendwelchen einfachen Fasern den manche Leute tragen hingegen erinnert mich frappierend an den Aberglaube mit den "Pestmasken" aus dem Mittelalter. Sowas hilft maximal wenn es der Erkrankte trägt, und auch nur um dessen Niesen, Husten oder sonstigen "Auswurf" damit abzufangen.

    Das erinnert mich etwas an die sehr laxe Zahnpflege in Deutschland, anders als in vielen Ländern enthält hiesiges Leitungswasser keinen Fluorzusatz, die Leute benutzen keine Zahnseide, meist kein Mundwasser, nehmen am liebsten die billigste Zahnbürste und Pasta, putzen nachlässig, gehen unregelmäßig zu Vorsorgeuntersuchungen - und wenn dann beinahe unweigerlich Zahnschäden auftreten wird mit der geballten Kraft der Gerätemedizin und hohem finanziellen Aufwand repariert. Prävention ist immer billiger, und immer angenehmer für die Einzelperson. Analog eben einfach versuchen die Ansteckung von vorneherein zu vermeiden, durch einfache Hygienemaßnahmen die eh selbstverständlichkeit sein sollten.

  2. [Entfernt. Bitte unterlassen Sie Mehrfachpostings durch mehrere Threads. Vielen Dank. / Die Redaktion as]

    • Humort
    • 24.07.2009 um 15:28 Uhr

    "Das ist schon komisch. Normalerweise muss man die Menschen zu den Impfungen tragen und jetzt will plötzlich jeder der erste sein."
    Woran könnte das wohl liegen, wenn es denn stimmen sollte?

    Ich persönlich werde mich auf jeden Fall nicht impfen lassen. Für alle, die sich für die Impfung entscheiden hoffe ich, dass es nicht so wie bei den Schweinegrippe Massenimpfungen 1977 in den USA mehr Schäden durch die Impfung gibt als durch die Krankheit selber.

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