Terror in Jakarta Islamisten - einflussreichste Lobby Indonesiens
Indonesiens Regierung gewährt radikalen Muslimen politischen Spielraum, während sie gleichzeitig den Terror bekämpft. Geht die Gleichung nach den Anschlägen noch auf?

© Romeo Gacad/AFP/Getty Images
Die Antiterror-Polizei sichert das Ritz-Carlton in Djakarta: Der Terror ist zurück in der Stadt
Die Anschläge in Jakarta treffen ein überraschtes und verstörtes Land, ein Land, das den terroristischen Islam bereits mehr oder weniger für ausgestorben erachtete. Noch hat sich keine terroristische Vereinigung für die Terroranschläge in Jakarta verantwortlich erklärt, und doch denken so gut wie alle Indonesier an eine: Jemaah Islamiyah (JI).
JI wird für eine ganze Reihe von Anschlägen verantwortlich gemacht, der schlimmste ereignete sich im Oktober 2002 auf Bali, 202 Menschen fanden bei den zeitgleichen Bombenattentaten in zwei Nachtclubs den Tod. Die Regierung wurde stets für ihre Antiterrorpolitik gelobt, denn sie war nicht nur mit voller Härte gegen die Terroristen vorgegangen, sie hatte auch stets versucht, den Terrorgruppen den Nachwuchs zu entziehen.
So konnte sie etwa verurteilte ehemalige JI-Mitglieder dazu gewinnen, mit der Polizei zusammenzuarbeiten. Einige von ihnen reisten durchs Land, um mit dem potenziellen Terrornachwuchs zu sprechen und ihn von seinem Vorhaben abzubringen. Unzählige Nichtregierungsorganisationen setzten sich für Toleranz und friedliches Zusammenleben ein, und mächtige moderate Muslime wie der ehemalige Präsident Gus Dur warnten wieder und wieder vor Radikalismus.
Doch was die Terroristen wohl am empfindlichsten traf, war die Tatsache, dass der allergrößte Teil der Bevölkerung nicht hinter ihnen stand. Ganz im Gegenteil. Die meisten Indonesier sind moderat, doch auch viele von denen, die einem Scharia-Staat, dem Ziel von Gruppen wie JI, gar nicht mal abgeneigt gegenüber standen, waren empört über die hohe Zahl unschuldiger Opfer.
Die Radikalen schwenkten nunmehr um und versuchten, den Mainstream zu unterwandern. Sie gründeten Schulen, Waisenhäuser und Universitäten, Nichtregierungsorganisationen und Zeitungen, sie verbreiteten ihre Botschaft in Moscheen und auf der Straße. Sie wurden zur einflussreichsten Lobbygruppe Indonesiens. Durchaus mit Erfolg. Bereits 2004 befürworteten laut einer Umfrage 71 der muslimischen Indonesier die Einführung der Scharia für das Alltagsleben. Und so erfolgreich die Regierung die militanten Terroristen zu bekämpfen wusste, so wenig setzte sie den radikalen Muslimen entgegen.
- Datum 20.07.2009 - 09:21 Uhr
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- Quelle ZEIT ONLINE, 17.7.2009
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Das Problem mit dem Islam steckt doch hier drinnen schon:
" Die meisten Indonesier sind moderat, doch auch viele von denen, die einem Sharia-Staat, dem letztendlichen Ziel von Gruppen wie JL, gar nicht mal abgeneigt gegenüber standen, waren empört über die hohe Zahl unschuldiger Opfer.
Die Radikalen schwenkten nunmehr um und versuchten, den Mainstream zu unterwandern. Sie gründeten Schulen, Waisenhäuser und Universitäten, Nichtregierungsorganisationen und Zeitungen, sie verbreiteten ihre Botschaft in Moscheen und auf der Straße. Sie wurden zur einflussreichsten Lobbygruppe Indonesiens. Durchaus mit Erfolg. Bereits 2004 befürworteten laut einer Umfrage 71 der muslimischen Indonesier die Einführung der Sharia für das Alltagsleben. Und so erfolgreich die Regierung die militanten Terroristen zu bekämpfen wusste, so wenig setzte sie den radikalen Muslimen entgegen. "
Das problem besteht hier aus mehreren Ebenen.
Zum einen ein grundsätzliches unserer medien - ein wahrnehmungsproblem:
Zuerst kommt die Aussage: die meisten Indonesier seien *moderat* - und dann die aussage, daß laut einer Umfrage 2004 71 % der muslimischen Indonesier die Einführung der Sharia für das Alltagsleben befürworten würden.
--> Was ist da *moderat* dran? Oder sind Leute, die göttliche Gesetze inc. ihrer immanenten differenzierungen (z. B. nach Geschlecht und Glauben) befürworten anstatt demokratische menschliche nun die 'harmlosen' ?
Die meisten muslimischen Indonesier sind nicht *moderat*, denn 71% ist nunmal die absolute mehrheit. Wohl werden die meisten nicht bereit sein gewalt anzuüben - aber sie sind bereit zumindest auf einer gedanklichen ebene Gruppierungen und Politiker zu unterstützen, die die Scharia faktisch durchsetzen wollen. Und dies in einem Land, dass eine vielzahl von Religionen zuläßt.
Indonesien hat - laut wikipedia - 191 Mill. Moslime, was 88% der Bevölkerung entspricht.
Dazu sollten wir uns noch dies hier klar machen (Quelle Wikipedia):
"Ab dem 15. Jahrhundert besuchten immer mehr arabische Händler Indonesien und die (teilweise gewaltsame) Konvertierung zum Islam begann. Hinduismus und Buddhismus überleben bis heute nur auf den Inseln Bali (siehe beispielsweise: Besakih) und Lombok, wo sich eine indigene (mehrheitlich aber hinduistisch geprägte) Mischkultur herausbildet hat."
-->also, trotz Händler am Anfang, haben wir zum teil (nachdem wohl entsprechende Minoritäten da waren) gewaltsame Konvertierungen und am Ende eine absolute mehrheit (88%), die sich zum Islam bekennt.
Wenn davon 71% die Scharia eingeführt haben wollen in den alltag, dann haben wir de facto eine weitere Radikalisierung, da die Scharia dann auch für die anderen Religionsgemeinschaften (wenn vielleicht auch nicht offiziell) gilt, die sowieso schon unter gewalttätigen Gruppierungen zu leiden haben.
Das ist auch das nächste problem:
Wenn eine große Gruppe ein Set an regeln als allgemeinverbindlich und zugleich als absolut unhinterfragbar richtig proklamiert, dann wird es immer wieder dazu kommen, daß einzlene oder kleinere Gruppen innerhalb dieser Gruppe versuchen, diese Regeln auch mit Gewalt umzusetzen. Dies gilt vor allem dann auch, wenn innerhalb der Tradition (religiösen Texten als auch sonstiger Tradition) es (Beleg-)Stellen gibt, mit deren Hilfe man dieses Verhalten begründen kann.
Wohl mag es also sein, daß die meisten friedlich sind als Ausdruck davon, daß sie keine Gewalt anwenden - aber ihr eigenes Bedürfnis nach Veränderung hin zu einem bestimmten Zustand (dem der allgemeinverbindlichen Scharia, wie sie sich diese jeweils vorstellen) reist eine Lücke auf zwischen eben den als falsch empfundenen IST-Zustand und dem als göttlich legitimierten SOLL-Zustand, woraus dann eine moralische Rechtfertigung gezogen werden kann für auch gewaltsame Veränderungsversuche. Wohl mögen diejenigen, die Gewalt anwenden, abgelehnt werden, aber zugleich erfolgt sehr oft auch eine Rechtfertigung für diese, weil ja deren Ziel gut sei - wenn auch die Methoden als falsch klassifiziert werden.
De facto heisst das, dass es eben zu relativ laschen gegenreaktionen derer führt, die eigentlich diese gwalttäigen ablehnen und oft zu zumindest heimlichen Sympathien:
"Radikale Schlägertrupps konnten Razzien in Nachtclubs durchführen oder ungeliebte muslimische Sekten belästigen ohne jemals dafür belangt zu werden - im Gegenteil, einige der Trupps verstanden sich bestens mit der Polizei, der Anführer eines Mobs sagte einmal, seine Gruppe und die Polizei seien bei der Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung wie Mann und Frau."
--> diese Schlägertrupps z. b. sind nicht die Mehrheit, das sind seh wenige sogar - die aber auf eine breite sympathie stoßen. Und Sympathjisanten sind nicht irgendwelche spinner nur, sondern durchaus auch andere menschen, wie eben auch Polizisten, Richter, Bürgermeister, Geschäftleute usw....
Es ist eine Bewegung, und diese wird hier von sehr vielen getragen und orientiert sich auch nicht - wie ich schon ein paar mal hören müßte - an ökonomischen Problemen (arm versus reich).
"Keiner protestierte, keiner fragte nach, denn Präsident Susilo Bambang Yudhoyono glaubte, er sei auf die Unterstützung der religiösen Parteien im Parlament angewiesen. Die Regierung bekämpfte die Terroristen, entzog ihnen aber nicht den geistigen Nährboden, indem sie den radikalen Muslimen politischen Spielraum gewährte."
Der geistige Nährboden ist der islam in seinen Schariatischen formen - was so gut wie alle Strömungen bedeutet - gruppierungen wie z. b. die Aleviten sind die ausnahme. Man kann durchaus ohne zu Pauschalisieren sagen, dass der islam selbst das Problem ist - nämlich einfach insofern, als in ihm in den Hauptströmungen nie eine trennung zwischen Staat und religion (~Kult, Ritus) vollzogen wurde. Seöbstverständlich gibt es viele menschen, die in ihrem praktischen leben religiöse gesetze als allgemeine gesetzmäßigkeiten ablehnen - leider gibt es aber auch sehr viele, die einzelne Verhaltensweisen religiös begründen. Die Übergänge dabei von rein privaten oder rituellen Handlungsweisen hin zu sozial verbindlichen Normierungen sind aber nicht nur fließend, sondern vor allem auch theologisch nicht zu unterscheiden.
Eine religiäs begründete Regel aus der Scharia, daß die rituelle Waschung vor dem gebet regelt ist prinzipiell nicht unterschieden von einer religiös begründeten Regel, daß das verhalten in einem schwimmbad zwischen den geschlechtern regelt (wie eben: entsprechende Bekleidung und das die geschlechter nicht miteinander schwimmen dürfen) und von einer religiös begründeten Regel, daß bestimmte Strafen vorschreibt bei Diebstahl oder bestimmte unterschiedliche Gewichtungen der Zeugenaussagen vor Gericht.
Die bedürftigkeit nach adäquater Umsetzung der als von Gott für die Menschen eingesetzer Lebensvorschriften - was nunmal auch gesellschaftliche Aspekte beinhaltet - drängt in unterschiedlichen grade und intensivität nunmal auf Veränderung hin zu dem jeweils angestrebten Zustand - und das ist die jeweils individuell unterschiedlich empfundene Basis der Notwendigkeit einer durchsetzung dieser regeln auch - oder hier: der islamischen Bewegung.
Und dazu gehören auch nicht nur gewalttätige Formen, sondern halt auch diese:
"Die Radikalen schwenkten nunmehr um und versuchten, den Mainstream zu unterwandern. Sie gründeten Schulen, Waisenhäuser und Universitäten, Nichtregierungsorganisationen und Zeitungen, sie verbreiteten ihre Botschaft in Moscheen und auf der Straße."
--> Indem sie dort akzeptiert werden und in ihren Einrichtungen und mit ihren Einrichtungen jeweils für die eigene weltanschauung werben.
Was meint man denn, was heraus kommt, wenn eine 'neonazi-gruppe' ein Schulungszentrum oder eine Suppenküche gründet?
Nun - das sie damit auch ihre Weltanschauung legitimieren und verbreiten.
Und was meint man, wenn eine moslimischen gemeinde, die aus dubiosen (islamistischen) Quellen geld erhält für einen Moscheebau dort macht? Große vereinigung mit der als ungläubig, unsittlich empfundenen Mitwelt oder die eigene weltanschauung möglichst rein zu propagieren?
Wir sollten nicht eine bestimmte uns angenehm erscheinden conditio humana zugrunde legen, sondern wieder begreifen, daß weltanschauungen genau das sind, was sie auch heißen: die anschauungsarten der welt - dasjenige, dass sinn und zusammenhang gibt und daraus neuen generiert.
Und manche Weltanschuungen sind einfach nunmal nicht kompatibel mit anderen - man müßte sie ändern - eine - und das geschieht auch immer wieder. Denn weltanschauungen setzen sich auch in gebieten durch, und ausgearbeitete, ausselektierte haben interne mechanismen der durchsetzung auch - Gott, Gebote & Gesetze, Riten, Gewaltmanagment, einteilungskategorien --> Exklusions- und Inklusionsmechanismen halt.
Der osmanische Sultan Selim III. fragte einst den preussischen Koenig Friedrich II., wie er denn unter all diesen schwierigen Bedinnungen es fertig bringe, mit all den aussenpolitischen Problemen und Kriegen, zeitgleich zu den innenpolitischen, fertig zu werden und ob denn einen besonderen "Zauber" oder sonstiges habe.
Der preussische Koenig erwiederte darauf sinngemaes (wohl auch etwas amuesiert), dass der einzige Zauber, den er habe, das Lesen der Geschichte sei und er sich eben daraus seine Lehre fuer seine aktuelle Zeit ziehe.
In dem Sinne werfen wir dochmal einen Blick zurueck zur Geschichte, zum alten Ostrom (was man in der europaeischen Siegergeschichtsschreibung entgegen des Selbstsverstaendnisses gern als "Byzanz" abtut):
Damals gab es wie heute ja auch Kriminalitaet nur hatten sich schon damals besonders raffinierte formiert. Es taten sich naemlich einpaar Raeuber und Taschendiebe zusammen und brachten die dummen Seiltaenzer dazu zu einer besagten Zeit an einem bestimmten Ort ihre Kunststuecke aufzufuehren. Sie sagten diesen, dass sie (also die Taschendiebe und Raeuber), die leute zahlreich auf den Marktplatz versammeln wuerden, so dass der Lohn fuer Ihre Kunststuecke noch reicher ausfallen wuerde.
Die Seiltaenzer spannten also einen Seil zwischen zwei hochgelegenen Tuermen und fingen an darauf absurde Dinge zu tun, waehrend dessen die Raeuber das Spektakel ueberall in der Stadt verkuendeten, um alle Leute der Stadt zu dem Platz anzulocken.
Auf dem Platz selbst schliesslich waren die Taschendiebe plaziert, die die herbeieilenden Menschen, waehrend diese in der Hoehe die Seiltaenzer bestaunten, um ihre Geldboersen erleichterten. Mit etwas Glueck konnten zeitgleich die Raeuber ueber die leerstehenden Haeuser herfallen und dort die letzten Gueter der Leute ausrauben. War alles erledigt, verschwanden die Raeuber und Taschendiebe unauffaellig und liessen die Seiltaenzer zurueck, welche (falls ihnen nicht bereits vorher was passiert war) mit der Hoffnung von allen schaulustigen Geld zu bekommen sich unters Volk mischten, um dann jedoch von diesem gelyncht zu werden (weil die Leute alle um ihre Geldboersen erleichtert worden waren) ;)
So aehnlich ists mit dem Terrorismus (inkl. antiterror gesetze, der Ueberverschuldung der USA in der Bush aera und dem anschliessendem Boersencrash) mittlerweile...
SO kommts einem manchmal vor, sorry fuer den Eindruck.
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