Belletristik Hier kommt keiner raus!
Ein beeindruckendes Debüt: Patrick Findeis erzählt in seinem Roman "Kein schöner Land" eindringlich und eindrücklich über das brutale Leben in der Provinz, aus der es kein Entrinnen gibt
Dass die Provinz der Ort ist, an dem die Beziehungen zwischen den Menschen noch intakt sind, erzählen Großstadtverächter immer wieder gern. Glauben tut das schon lange niemand mehr. Nicht erst seit durch Marieluise Fleißer oder Franz Xaver Kroetz das ätzend Dumpfe und Brutale der dörflichen Gemeinschaft, aus der es kaum ein Entkommen gibt, den Weg in die Literatur gefunden hat. Patrick Findeis, geboren 1975, erzählt in seinem Debütroman Kein schöner Land deshalb vielleicht keine ganz neue Geschichte, aber er erzählt bedrückend eindringlich davon, dass die alte noch immer gültig ist.
Rottensol nennt Findeis den Ort, in den er seine Figuren wirft, und im Grunde sagt der Name schon alles: Verrottet und verkommen sind die menschlichen Beziehungen hier genauso wie die einstiegen dörflichen Strukturen. Keine dräuende Ackerfurchen-Romantik also, Findeis’ Provinz ist eine Niemandsland mit öden Bushaltestellen, Ausfallstraßen und verwaisten Häusern – ein Abbild der Perspektivlosigkeit. Immerhin eine Gastwirtschaft gibt es noch, in der abends zu Roland Kaiser getanzt wird und tagsüber die arbeitslosen Bauern vor ihren Halblitern sitzen, während sich die Wirtin hinter dem Tresen die Hände an der Kittelschürze abwischt.
Hierhinein wird Uwe geboren, der seine Kindheit einsam in der düsteren Wohnung über dem Schankraum verbringt, der zwischenzeitlich zur Oma in den Nachbarort gegeben wird, wo er zumindest einmal eine Idee von Geborgenheit erfährt, und der mit dreizehn von seinem Vater ein Gewehr geschenkt bekommt – von einem Vater, von dem jeder weiß, dass es nicht der leibliche ist, weil der Junge viel mehr Ähnlichkeit mit dem Bauern Späht hat, der regelmäßig letzter Gast in der Wirtschaft von Uwes Mutter ist. Aber darüber wird nicht gesprochen. Überhaupt sind die Gespräche in Rottensol so karg wie die Lebensumstände.
Wer hier nicht von selbst verstummt, der wird zum Verstummen gebracht. Szenen wie jene, als der vermeintliche Vater den Jungen auf einer Familienfeier zwingt, den Teller leer zu essen, schreiben sich Uwe unerbittlich ein: "Er dachte nicht, kaute nur, den Oberkörper aufrecht und den Blick am Vater vorbei zur Uhr an der Wand, die Sekunden mitzählend, mit schmerzenden Kiefergelenken. Zwei Spritzer Erbrochenes waren auf seinem weißen Rollkragenpulli, die waren ihm zur Nase rausgekommen beim ersten Würgen. Keiner hatte ihn angesprochen seitdem. Einmal nur hatte die Mutter zu ihm hingeblickt."
Nicht nur, weil Findeis in seinem Roman die Chronologie aufgehoben hat, weil er einzelne Szenen aus Uwes Kindheit mit den Erinnerungen der Mutter verschneidet, die ihren Sohn schließlich mit einer Spritze in der Leiste im Badezimmer findet und der dann nur noch der Weg zum Friedhof bleibt, scheint von Anfang an auf tragische Weise klar, dass Uwe keine Chance hat. Anders als die anderen jungen Männer aus dem Ort: Anders als Alexander, der sich davon macht, als der Vater seine Homosexualität entdeckt, anders als Jürgen, der es immerhin zum promovierten Denkmalpfleger bringt und anders auch als Uwes Freund Olaf, der jahrelang untertaucht, nachdem er den elterlichen Betrieb angesteckt hat. Glücklich werden sie zwar alle nicht, aber sie überleben.
- Datum 16.07.2009 - 14:05 Uhr
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- Quelle ZEIT ONLINE
- Kommentare 2
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sitzen tagsüber vor ihren Halblitern in der Gastwirtschaft.
So,so!
Auf in die Provinz.
rheinelbe
Ja, genauso isses "in der Provinz". Alles verrotet. Alles Kleingeister. Und in der Stadt leben nur Nazis, gewalttätige Ausländer und Junkies. Moral gibts da keine, genauso wenig wie soziale Wärme. Ist beides so wahr wie "Sakrileg".
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