Sexualität Wenn Lust zum Muss wird

Wer sich der sexuellen Leistungsgesellschaft entzieht, macht sich verdächtig. Wen wundert es da noch, dass so viele unzufrieden sind im Bett?

Zu viel Erwartungsdruck im Bett frustriert viele Paare

Zu viel Erwartungsdruck im Bett frustriert viele Paare

Ein Auszug aus den Schlagzeilen der vergangenen Wochen: "Vorspiel: Besserer Sex durch perfekte Berührung", "Sex nach Termin bereichert die Beziehung", "Beziehungen mit Sex sind gesünder".

Besseren Sex? Den sollten wir eigentlich längst haben, nachdem die Wissenschaft bereits so viel Neues über das ewige Thema zwischen Mann und Frau (und Mann und Mann und Frau und Frau) herausgefunden hat. Und wo beinahe täglich neue Tipps und Erkenntnisse veröffentlicht werden.

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Wieso gibt es diese Tipps denn überhaupt noch? Wer kann noch etwas an seinem Sexleben verbessern wollen? Wissen wir nicht längst alles? Haben wir uns immer noch nicht ausreichend locker gemacht? Heute geht doch alles, die Möglichkeiten sind grenzenlos. Über Swingerclubs erfährt man bereits im Hauptabendprogramm alles Nötige und One-Night-Stands sind selbst für Frauen nicht mehr pfui.

Die Möglichkeiten sind zu einer To-Do-Liste verkommen, man kann nicht alles machen, aber man sollte gefälligst. Die Pflicht zum Orgasmus ist das beste Beispiel für den Leistungsdruck, der sich fast unbemerkt in unsere Betten eingeschlichen hat. Sexualtherapeuten berichten, dass bereits 15-jährige Mädchen in ihre Sprechstunden kommen, weil sie keinen Orgasmus haben. Andere erzählen von Patientinnen, die glauben, keinen zu haben, nur weil ihre Empfindungen sich nicht mit den allgegenwärtigen Schilderung von bewusstseinserweiternden, raumfüllenden, allumfassenden Höhepunkten decken. Sie haben einfach "nur" ganz normale Orgasmen, möglicherweise nicht einmal bei jedem Geschlechtsverkehr.

Das reicht heute nicht mehr. Soll denn die ganze sexuelle Revolution zu gar nichts gut gewesen sein? Multipel müssen die Orgasmen immerhin nicht mehr sein, aber bitte wenigstens regelmäßig. Sonst müssen Maßnahmen ergriffen werden. Vibrator, Therapie, und irgendwann gibt es sicher auch dafür eine Pille.

Frauen haben auch Lust zu haben. Jahrzehntelang wurde sie ihnen ausgetrieben, man wollte doch kein Flittchen sein! Jetzt haben die Frauen sich endlich sexuell befreit und können sich nehmen, was und vor allem wen sie wollen. Also los!

So eindeutig und plump wird uns das selbstverständlich nicht eingeredet. All die unterschwelligen Vorschriften kommen dezent mit Schleifchen verpackt als Tipps rüber: So machen Sie Ihr Sexleben noch spannender! So bringen Sie Ihren Mann um den Verstand! Wer sagt da schon Nein? Außerdem muss man die Erotik doch immer wieder auffrischen, nicht wahr? Sonst sucht sie sich einen Neuen. Sonst geht er fremd.

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