Sexualität Wenn Lust zum Muss wird
Wer sich der sexuellen Leistungsgesellschaft entzieht, macht sich verdächtig. Wen wundert es da noch, dass so viele unzufrieden sind im Bett?

© fotografix82/Photocase
Zu viel Erwartungsdruck im Bett frustriert viele Paare
Ein Auszug aus den Schlagzeilen der vergangenen Wochen: "Vorspiel: Besserer Sex durch perfekte Berührung", "Sex nach Termin bereichert die Beziehung", "Beziehungen mit Sex sind gesünder".
Besseren Sex? Den sollten wir eigentlich längst haben, nachdem die Wissenschaft bereits so viel Neues über das ewige Thema zwischen Mann und Frau (und Mann und Mann und Frau und Frau) herausgefunden hat. Und wo beinahe täglich neue Tipps und Erkenntnisse veröffentlicht werden.
Wieso gibt es diese Tipps denn überhaupt noch? Wer kann noch etwas an seinem Sexleben verbessern wollen? Wissen wir nicht längst alles? Haben wir uns immer noch nicht ausreichend locker gemacht? Heute geht doch alles, die Möglichkeiten sind grenzenlos. Über Swingerclubs erfährt man bereits im Hauptabendprogramm alles Nötige und One-Night-Stands sind selbst für Frauen nicht mehr pfui.
Die Möglichkeiten sind zu einer To-Do-Liste verkommen, man kann nicht alles machen, aber man sollte gefälligst. Die Pflicht zum Orgasmus ist das beste Beispiel für den Leistungsdruck, der sich fast unbemerkt in unsere Betten eingeschlichen hat. Sexualtherapeuten berichten, dass bereits 15-jährige Mädchen in ihre Sprechstunden kommen, weil sie keinen Orgasmus haben. Andere erzählen von Patientinnen, die glauben, keinen zu haben, nur weil ihre Empfindungen sich nicht mit den allgegenwärtigen Schilderung von bewusstseinserweiternden, raumfüllenden, allumfassenden Höhepunkten decken. Sie haben einfach "nur" ganz normale Orgasmen, möglicherweise nicht einmal bei jedem Geschlechtsverkehr.
Das reicht heute nicht mehr. Soll denn die ganze sexuelle Revolution zu gar nichts gut gewesen sein? Multipel müssen die Orgasmen immerhin nicht mehr sein, aber bitte wenigstens regelmäßig. Sonst müssen Maßnahmen ergriffen werden. Vibrator, Therapie, und irgendwann gibt es sicher auch dafür eine Pille.
Frauen haben auch Lust zu haben. Jahrzehntelang wurde sie ihnen ausgetrieben, man wollte doch kein Flittchen sein! Jetzt haben die Frauen sich endlich sexuell befreit und können sich nehmen, was und vor allem wen sie wollen. Also los!
So eindeutig und plump wird uns das selbstverständlich nicht eingeredet. All die unterschwelligen Vorschriften kommen dezent mit Schleifchen verpackt als Tipps rüber: So machen Sie Ihr Sexleben noch spannender! So bringen Sie Ihren Mann um den Verstand! Wer sagt da schon Nein? Außerdem muss man die Erotik doch immer wieder auffrischen, nicht wahr? Sonst sucht sie sich einen Neuen. Sonst geht er fremd.
Wer sich der sexuellen Leistungsgesellschaft entzieht, macht sich verdächtig. Oder schuldig. Eine Flaute im Bett ist schließlich das erste Anzeichen für eine bröckelnde Beziehung, sagen viele Paartherapeuten. Wer nicht "dran arbeitet", riskiert den Partner zu verlieren. Dass sich die wohlmeinenden Therapeuten mit diesem Menetekel selbst laufend frische Kundschaft zuschanzen, sagen sie freilich nicht dazu.
Höchstwahrscheinlich haben wir den gleichen Sex wie seit Jahren, Jahrzehnten. Aber das Messsystem wurde verschoben. Wer vor 20 Jahren noch im guten Mittelfeld lag, ist heute ein underachiever. Links und rechts rauschen sie vorbei, die sexuell Aufgeschlossenen, die sicher viel mehr Spaß im Bett haben. Das zumindest suggerieren die Frauen- und Männermagazine, die mittlerweile alle eine eigene Rubrik für das Thema Sex haben.
Wen wundert es noch, dass wir unzufrieden im Bett sind? Wir jagen Zielen nach, die andere immer wieder ein Stückchen weiter weg rücken. Vermutlich ist es ein ganz schönes Stück Arbeit, all diese sanfte, unauffällige Gehirnwäsche wieder rückgängig zu machen. Sich als sexuell aufgeschlossene Frau zu fühlen und sich trotzdem einzugestehen, dass man One-Night-Stands unbefriedigend findet.
Vielleicht hilft ja einfach einmal durchzuatmen. Den Zähler auf Null zu stellen. Sich an die Anfänge zurückzubesinnen, als jeder sexuell motivierte Handgriff noch neu war. Damals, als man für sich ganz alleine herausfinden musste, was einem gefällt und was nicht. Damals, als es all diese Einflüsterungen noch nicht gab. Und dann mal den Partner fragen: "Findest du das eigentlich ok, was wir so machen?" Möglicherweise wird er/sie sagen: "Du, eigentlich reicht mir ganz simpler Sex, hin und wieder. Wir haben ja beide genug anderes um die Ohren."
In ihrem Sexblog auf ZEIT ONLINE behandelt Sigrid Neudecker das Thema Sex genauso offen wie andere Alltäglichkeiten
Ihr Buch "Wie war ich? Der Mythos vom perfekten Sex" erscheint am 12. August im S. Fischer Verlag
- Datum 23.07.2009 - 15:05 Uhr
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