Greta Garbo trug eine, Miles Davis und Ray Charles. Audrey Hepburn wurde Trendsetterin, Karl Lagerfeld und Udo Lindenberg gehen nicht ohne sie aus dem Haus, Heino sowieso nicht. Elvis und Warhol, Gaddafi, Jackie O., Paris Hilton, sie alle sind ohne Sonnenbrille kaum denkbar. Marilyn Monroe machte Werbung für sie, Peggy Guggenheim hat sie gesammelt, Elton John mag sie gefedert oder mit Bergkristallen besetzt. Und Joschka Fischer führte sie im Bundestag ein, als er mit dunklen Gläsern auf der Nase zum Rednerpult ging.

Die Sonnenbrille. Lichtschutz, Kultobjekt, Markenzeichen. Man nimmt eine verspiegelte und signalisiert Virilität. Man schiebt sie beim Flirten ins Haar und wagt erste Blicke. Man trägt schrille Schmetterlings- oder sportliche Pilotenform, psychedelisches Nickelrund oder untertassengroße XXL-Gläser. Ob Maschinenlook, Doppelstegbrille oder GucciGlamour: Die Sonnenbrille ist beides, Sein und Design, Gebrauchsgegenstand und Ich-Theaterrequisit. Barbara Stanwyck wurde mit ihr zur "Frau ohne Gewissen" und Catherine Deneuve zur Belle de Jour, wenn sie tagsüber auf Männerbeutefang ging.

Kinder halten sich die Augen zu und glauben, sie sind unsichtbar. Hallo, ich bin weg, hurra, wieder da. Die Sonnenbrille als Sicht- und Blickschutz kultiviert das Fort-Da-Spiel, wie Sigmund Freud es nannte. Man zieht die Blicke auf sich, indem man die Augen verhüllt: Schau mich an, aber komm mir nicht nah. Max Frisch hat den Helden seines Romans Mein Name sei Gantenbein mit Blindenbrille ausgestattet; der Mann simuliert Blindheit für den besseren Durchblick. "Man kann einen Blinden nicht hinters Licht führen", sagt der Rollenspieler Gantenbein. Der blinde Seher, das gab es schon in der griechischen Tragödie.

In ihrer kürzlich erschienenen Kleinen Kulturgeschichte der Sonnenbrille versammelt die Autorin Karin Hartewig auf 150 Seiten mengenweise Wissenswertes (und einen albernen "Brillen-Knigge" über das prägnante Accessoire der Selbstinszenierung. Der verhüllte Blick, so der Buchtitel, er ist so alt wie die Ära der Mobilität. Zwar nutzten schon die Römer farbiges Glas als Blendschutz, auch die Eskimos hatten keine Lust, andauernd zu blinzeln, und schnitten Sehschlitze in Seehundsrippen. Im 19. Jahrhundert stritten sich die Ophthalmologe darüber, ob nun gelbe Filter, kräftigendes Grün oder braunes Rauchglas heilsamer seien. Eine regelrechte Sonnenbrillen-Industrie entwickelte sich jedoch erst im 20. Jahrhundert.

Die Automobilisten, die HolzklasseFahrer in der Eisenbahn, die Kunstflieger und Bomberpiloten, die Sportfreaks, Naturfreunde, Sonnenanbeter – sie alle brauchten als agil-mobile Zeitgenossen Schutz vor Wind und Staub, vor Rauch, Kälte und den UV-Strahlen der Sonne. Von Design konnte zunächst keine Rede sein, das Outfit der Gläser ähnelte eher heutigen Taucherbrillen: Es gab Lederfassungen mit Gummischnüren, Blechrahmen mit Drahtgazekörben, gebogenes Zelluloid in Wildlederfassung und Reisebrillen zum Falten. In Deutschland erfand Josef Rodenstock im Jahr 1905 die ersten Gläser, die tatsächlich die schädliche ultraviolette Strahlung wegfilterten. Das Werk von Nitsche & Günther in der westlich von Berlin gelegenen Optiker-Stadt Rathenow wurde ein erster Marktführer.

Schon bald jedoch befreit sich die Sonnenbrille, selbst ein Mittel der Befreiung, vom schnöden Zweck der Protektion. Zur "Lust an der Beschleunigung und am Sonnenkult", schreibt Karin Hartewig, gesellt sich die "Lust an den der schnellen Maskerade und am kleinen Luxus für alle". Die Sonnenbrille wird Marken- und Massenartikel in einem Jahrhundert, das beides verlangt: Konformismus und Exzentrik, wie Hartewig treffend bemerkt.

Deshalb gibt es bei aller indiviualistischen Vielfalt der Outfits am Ende doch nur wenige Brillentypen, die alle Welt trägt. Mit Bedeutungsverschiebungen, je nach politischem Jahrzehnt, gesellschaftlichem Kontext und Modetrend. Und mit nationalen Eigenheiten, von der für die Turiner Straßenbahnschaffner entwickelten und für den Extremsport aufgerüsteten italienischen Persol über die französischen Chic-Modelle à la Dior bis zur sexy Foster Grant für den amerikanischen Ostküstentouristen während der Großen Depression. Später, in den Siebzigern, eignet sich Elvis die Foster Grant an und macht sie zur Insignie des King of Rock ’n’ Roll.

Die weltweit erfolgreichsten Sonnenbrillen sind die Aviator und die Wayfarer von Ray Ban. Der Name der Firma rührt daher, dass die Aviator als erstes amerikanisches Modell die UV-Strahlen bannte. Mit ihren Metallbügeln und der ergonomischen Tropfenform war sie zunächst für Piloten entwickelt worden, damit sie im Cockpit problemlos auf die Armaturen hinabschauen können. Die Air Force setzte sie im Zweiten Weltkrieg ein, bis heute ist die Aviator bei Militärs, Polizei und Despoten beliebt, oft in der abweisend verspiegelten Ausführung. Auch Nicolas Sarkozy trägt sie gern.