Berlin - Die Hinterhofwohnung im Prenzlauer Berg ist laut und verqualmt. Sie ist ausgeräumt, bis auf einige vertrocknete Zimmerpflanzen, einen Stoß Altpapier – und viele leere Bier- und Rotweinflaschen. In der Mitte stehen ein paar Kartons mit Büchern. Auf dem Boden ringsum sitzen junge Leute an die Wände gelehnt. In das Frohlocken über die greifbar nahe Freiheit des einen mischt sich die Schwermut der anderen. Trotzig stößt dort hinein der Ruf: "Wir sehen uns wieder!"

Wer hat sie in den zu Ende gehenden 80er Jahren im Osten Deutschlands nicht erlebt, die letzten Treffen mit Freunden, die, oft nach Jahren zermürbenden Wartens, ihre Genehmigung zur Ausreise erhielten. In einem letzten Akt der Perfidie extrem kurzfristig: "Bis 24 Uhr müssen Sie das Territorium der Deutschen Demokratischen Republik verlassen haben."

Den Aderlass hatte die DDR mit dem Mauerbau am 13. August nicht stoppen können, und im Jahr 1989 blutete das Land nahezu aus. Hatten bis 1961 rund drei Millionen DDR-Bürger ihrem Staat den Rücken gekehrt, waren es von 1962 bis 1988 jedes Jahr zwischen 45 000 (1963) und 12 000 (1983), die nach genehmigtem Ausreiseantrag das Land verließen oder auf abenteuerlichsten Wegen oft unter Lebensgefahr flüchteten. Allein bis Anfang September 1989 gingen fast 74 000 DDR-Bürger "in den Westen". Viel höher war noch die Zahl derer, die einen Antrag auf Ausreise gestellt, ihn aber nicht bewilligt bekommen hatten. Als die Ungarn ihre Grenze nach Österreich durchlässig machten, gab es im Sommer 1989 kein Halten mehr. Wer sich in jenen Wochen zum Urlaub nach Ungarn verabschiedete – wenn er es sich überhaupt anzukündigen traute –, von dem ahnte man, er würde wohl für immer weg sein.

Flucht und Ausreise haben ganz entscheidend den Untergang der DDR befördert und ihn letztlich unausweichlich gemacht. Dennoch wird über den historischen Rang und die moralische Bewertung jenes Phänomens schon immer überaus kontrovers debattiert – bis heute, wie auch kürzlich eine Diskussionsveranstaltung in Berlin deutlich machte.

Die differenzierte Einschätzung von Flucht und Ausreise resultiert zum einen aus den unterschiedlichen Motiven der Wegzügler selbst: Da waren die einen mit dem Herrschaftssystem im SED-Staat kollidiert, wurden schikaniert und fühlten sich eingeengt im vormundschaftlichen Staat, konnten sich nicht beruflich verwirklichen. Andere wollten die Welt entdecken und nicht ständig gegen Mauern rennen. Und mancher wollte einfach mal einen Mercedes fahren und sich beim Urlaub am Balaton nicht ständig mit dem falschen Geld blamieren. Und so gab es noch hundert Gründe mehr. Andere, die dem System ebenfalls kritisch gegenüberstanden, entschieden sich bewusst gegen die Ausreise – und haderten mit denen, die "abhauten": Zu gehen bedeutete zu kapitulieren.

Der Historiker Stefan Wolle hatte durchaus seine üblen Erfahrungen in der DDR gemacht – etwa als er 1968 wegen Protesten gegen den Einmarsch der Sowjets in die Tschechoslowakei von der Humboldt-Universität relegiert wurde. Doch als er 1972 mit dem Vorhaben in die Tschechoslowakei fuhr, sich nach einem Fluchtweg umzusehen, entschied er sich anders. Er kehrte auf dem Wenzelsplatz an jener Stelle um, an der sich der Student Jan Pallach 1969 verbrannt hatte: Die werden dich nicht auf die Knie zwingen, sagte er sich, auch wenn Zugeständnisse nötig sind.

Wolle erinnert sich an die heftigen Diskussionen Ende der 80er Jahre: Die, die blieben und Veränderungen im Land durchsetzen wollten, hielten jene, die weggingen, für egoistisch. "Wir waren die Idealisten." Aber man habe sich zugleich einem heftigen Zwiespalt ausgesetzt, "weil man ja auch für Freiheit war". Es seien Leute weggegangen, "die wir alle gebraucht hätten". Mehr noch: Für den SED-Staat sei es "die bequemste Methode gewesen, ihr Widerstandspersonal in den Westen abzuschieben".