SPD im Wahlkampf Mehr Dienst wagen

Statt über SPD-Inhalte redet Deutschland nun über den Dienstwagen von Ulla Schmidt. Ein guter Start in die heiße Wahlkampfphase sieht anders aus. Ein Kommentar

Für die Wende im Wahlkampf ist kein Weg zu weit. Von Berlin bis nach Alicante ließ Gesundheitsministerin Ulla Schmidt ihren Fahrer den schweren Dienstwagen kutschieren, um dort, an ihrem spanischen Urlaubsort, standesgemäß mit der S-Klasse zu einer Veranstaltung mit wahlberechtigten deutschen Rentnern rollen zu können. Vor zwei Jahren wurde bekannt, dass Schmidt sich das umweltschädlichste Auto der Bundesregierung hält; seitdem verweigert sie alle Auskünfte über den Wagen, angeblich aus Sicherheitsgründen.

Ähnlich verschwiegen ist ihr Haus auch jetzt. Mehr als diesen einen Termin am heutigen Montag, organisiert von der deutschen Botschaft, die sicher gerne einen angemessenen Wagen mit freundlichem Fahrer vor Ort bereitgestellt hätte, kann das Ministerium nicht benennen. Ansonsten: Ausflüchte, keine Auskünfte. Überhaupt ist die Dienstreise des Fahrers zur urlaubenden Ministerin nur bekannt geworden, weil die Kiste an der Costa Blanca geklaut worden ist; wann genau, ist ebenfalls Staatsgeheimnis.

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Sie beginnt nicht gerade gut für die SPD, die heiße Phase vor der Bundestagswahl, und ganz so im Verborgenen wie Schmidts seltsames Sommerspecial kann der Kampf der Sozialdemokraten um Stimmen auch nicht bleiben. Ein paar überzeugte Auslandsdeutsche reichen jedenfalls nicht, um den Stimmungsvorsprung der Union noch einholen zu können, und peinliche Pannen wie die in Spanien trüben auch die Laune des Spitzenkandidaten. Merkel und Guttenberg lassen es sich unterdessen gut gehen in Bayreuth. Ob Alicante, Bayern oder Berlin: Wieder nur Theater statt eines Themas, das Steinmeier dringend braucht. Zwei Monate noch, von heute an, da ist nicht mehr viel Zeit. Aber es kann ja auch immer noch etwas passieren. Nur – was?

Vor vier Jahren im Sommer, auch gut acht Wochen vor der Wahl, war die Lage ähnlich; Union und FDP schienen vor einem Sieg zu stehen. Einige Meinungsforscher wiesen zwar damals schon darauf hin, dass ein Stimmungsumschwung kurzfristig möglich sei, eine Folge vermischter Milieus und aufgelöster Bindung an eine Partei; aber das wurde allgemein kaum für möglich gehalten. Der Wahlabend brachte dann doch eine Überraschung. Auf einen ähnlichen Swing hoffen auch heute die Sozialdemokraten, und sie verweisen darauf, dass der Abstand zur Union ja damals, zwei Monate vor der Wahl, noch größer war.

Das stimmt – aber heute ist auch sonst einiges anders als vor vier Jahren. Es gibt kaum Bewegung in den Meinungsumfragen, und wenn, dann zum Nachteil des Herausforderers. Dieser wiederum ist, anders als Schröder es war, in der Politik und in seinem Verein, für eine solche Situation zu wenig Stürmer; Steinmeier spielt Mittelfeld, wie damals schon beim Turn- und Sportverein Brakelsiek. Es fällt ihm schwer, auf Angriff umzuschalten gegen eine Kanzlerin, der er politisch in vielem zu ähnlich ist; sie verbringen ja sogar beide ihren Urlaub in Südtirol, wenn auch hintereinander.

Die SPD regiert jetzt seit elf Jahren, mit unterschiedlichem Anspruch, in verschiedenen Konstellationen. Aufbruch, Wechsel, Wandel mit den Sozialdemokraten – das wird auch die "Mobilisierungskonferenz", die Steinmeier für diese Woche einberufen hat, den umworbenen Wählern kaum unterzujubeln vermögen. Arbeit, Bildung, Klima, Familie, Gleichstellung, Integration, Europa und eine neue soziale Marktwirtschaft – mit dieser Allgemeinplatzaufstellung aus dem Wahlprogramm verdribbelt sich der Kandidat, ohne voranzukommen. Den Sozialdemokraten bleibt nur der Wahlkampf gegen Schwarz-Gelb – und für die eigene Glaubwürdigkeit.

Leser-Kommentare
    • zenner
    • 27.07.2009 um 11:47 Uhr

    Herr Maroldt beklagt die Tatsache, dass es im Wahlkampf wichtigere Inhalte als den Dienstwagen von Frau Schmidt gibt und ZEIT ONLINE bzw. Tagesspiegel setzen den Artikel "on top". No comment

  1. ... nicht wie die CDU und anders als die Linke ist halt wirklich schwierig.

    Die SPD hat mein vollstes Mitgefühl, aber sie ist auf 'nem Holzweg, und viele Wähler merken das ... schlimmer ... immer mehr Wähler.

  2. Und wer zahlt die Zeche für den geklauten Dienstwagen: Der Steuerzahler. Sind ja nur schlappe 0,6 Mio. Wollen wir mal nicht hoffen, dass man auf die Abwrackprämie für diese CO2-Schleuder verzichten wollte. Nun gut, Ulla macht´s doppelt: Hinfliegen und das Wägelchen nachkommen lassen. Aber dafür wird Sie bestimmt bald in einem Smart fahren. Das bringt der SPD die Stimmen zurück.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    was wir für das private Grillfest für den überführten LÜgner und Verantwortichen für Guantanamo ausgegeben haben. Ich persönlich zahle da lieber für den geklauten Dienstwagen.

    was wir für das private Grillfest für den überführten LÜgner und Verantwortichen für Guantanamo ausgegeben haben. Ich persönlich zahle da lieber für den geklauten Dienstwagen.

  3. immer fahren sie die ältesten, gepanzerten CO2-Schleudern : Münte, Clement, S600...

    Hätten sie doch Solidarität für die notleidende deutsche Sportwagenindustrie bewiesen: So ein schicker Cayenne oder Panamera hätte doch wesentlich flotter gewirkt.
    Echt, Frau Schmitt, Sie können sowas tragen.

    _____________________________________________________
    Sie werden Deutschland nie regieren - Sie nicht!
    (Gerhard Schröders wahre Worte)

  4. Schöne Aussage: Die ganze Aufregung ist doch nur weil die Kiste geklaut wurde.
    Es würde mich mal interessieren was noch so alles Usus ist.
    Unsere Feudalherren, so sind sie. Ich glaube die Farbe ist dabei völlig gleichgültig.

  5. 6. ein

    (entfernt. Bitte formulieren Sie Ihre Kritik sachlich. Die Redaktion/jk) ne s-klasse diesel (laut welt ein cdi 420) ist nich "umweltschädlicher" als jedes x-beliebige "fun-car" für den kleinen mann.
    ich z.B. habe mit einem 4 zylinder kompressor SLK wesentlich mehr verbraucht, als mit einer "kleinen" 320ger s-klasse, weil damit fuhr ich gleichmäßiger.
    klar, daß die vertreter der erbdynastien in weiß die frau weg haben wollen.
    aber diese erbsenzählerei bei autos (schmidt fährt das umweltsch...so ein quatsch.
    der audi A8 von Zensursula verbraucht nicht weniger, eher das gegenteil) ist doch völlig daneben. ein flug einer person von europa nach new york im linienflieger, emittiert so viel co², wie 12.000 km mit einem mittelklassewagen. wenn frau schmidt also mit einigen mitarbeitern oder familie nach new york geflogen wäre, regte sich hier niemand auf. schade, daß sie nicht selber mit dem wagen mitgefahren ist. das wäre stilvoll. aber dafür hatte sie wohl keine zeit

  6. ... nein nein nichts von Dior; es war das Kostüm des Moralapostels

    • gw-hh
    • 27.07.2009 um 12:17 Uhr

    Ich denke, man kann durchaus feststellen, dass der Einstieg in den Wahlkampf gelungen ist: anhand des Dienstwagenvorfalls konnte dem Wähler demonstriert werden, worum es den Führungskräften der SPD tatsächlich geht.
    Nicht, dass dies bei CDU oder FDP anders wäre; aber die genießen bis zur Wahl die Protektion der Medien. Affären, wie die jetzige, werden deshalb vor allem die SPD versenken.
    Natürlich hat sie es verdient. Und sie ist überflüssig geworden: wer braucht sie denn heute noch?
    Vermutlich werden Diejenigen, die geholfen haben, sie zu zerlegen, demnächst die Ratten sein, die das sinkende Schiff verlassen, z.b. die, die sich als Drahtzieher betätigten, um mithilfe der Medien Sozialdemokraten, die als solche noch halbwegs ernst zu nehmen waren, wie Kurt Beck, aus der Frontlinie herauszuschießen.

    Und die Medien, die die Demontage der SPD mit Genuss betrieben, die sie schließlich entmündigten und ihr den aktuellen (und vollkommen aussichtslosen) Kanzlerkandidaten vorschrieben, werden mit Häme ihren Untergang begleiten.

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