Das haben die Erfinder des EU-Emissionshandels wohl kaum gewollt: Eine Studie des Zentrums für europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) aus Mannheim kommt zu dem Schluss, dass durch den Handel mit CO2-Zertifikaten ab 2013 der Klimawandel nicht verlangsamt, sondern eher befördert werden könnte. Dann gelten für den Emissionshandel neue Regeln. Sie könnten die Deutsche Bahn zwingen, ihre Preise zu erhöhen, argumentieren die Autoren, die Passagiere könnten daraufhin häufiger per Flugzeug oder Auto verreisen. Stimmen die Berechnungen der Wissenschaftler, wird der Verkehrssektor insgesamt durch die Neuregelung pro Jahr 767.000 Tonnen mehr Kohlendioxid ausstoßen als zuvor.

Grundlage für die Studie, welche die Deutsche Bahn Energie in Auftrag gegeben hat: Ab 2013 werden die Stromkonzerne ihre Emissionszertifikate komplett ersteigern müssen. Für die Bahn ist das besonders teuer. Sie ist eigenen Angaben zufolge in Deutschland der größte Kunde der Versorger. Jährlich verbraucht sie 16 Terawattstunden Strom, so viel wie der Großraum Berlin und mehr als doppelt so viel wie der Chemiekonzern BASF. Für die nötigen Emissionsrechte zahlte sie im vergangenen Jahr über ihre Stromrechnung mehr als 80 Millionen Euro. Im Jahr 2013, so fürchtet man im Unternehmen, könnte die Summe auf 300 Millionen Euro steigen.

Klimapolitisch betrachtet ist das eigentlich positiv. Nur wenn schmutziger Strom teurer wird, haben die Versorger und Unternehmer einen Anreiz, Energie zu sparen oder auf alternative Quellen umzusteigen. Was die Bahn aber ärgert: Die Konkurrenz der Flugunternehmen muss ab 2013 zwar auch Zertifikate ersteigern, aber sie zahlt nur für 15 Prozent ihres Bedarfs. Die verbleibenden 85 Prozent erhalten die Fluglinien, anders als die Bahn, kostenlos.

Die Ungleichbehandlung hat Folgen. Die ZEW-Autoren schätzen, dass die erhöhten Energiekosten an die Kunden weitergegeben werden, die Preissteigerung liege im Mittel bei einem Prozent. Das klingt wenig, aber das ZEW prognostiziert, dass die Bahn durch die höheren Preise mehr als 2,5 Millionen Fahrgäste pro Jahr verlieren könnte. Die Airlines hingegen müssten wegen des geringeren Aufschlages nur einen Verlust von 130.000 Fluggäste jährlich verkraften. Gewinner wäre das Auto. "Nutznießer der Regulierungen ist (...) ausschließlich der Pkw", schreiben die Autoren, deren Szenario auf einem prognostizierten CO2-Preis von 39 Euro je Tonne basiert.

Die Wissenschaftler plädieren für eine Gleichbehandlung von Bahn, Flugverkehr und Pkw: Alle drei Sektoren sollten am Handel mit Zertifikaten teilnehmen und die Rechte dafür komplett ersteigern. "Die Ergebnisse (...) zeigen, dass die Eisenbahn als umweltfreundlichstes Verkehrsmittel nur im Falle einer symmetrischen Belastung aller Verkehrsmittel von einer ökologisch motivierten Regulierung profitiert."

Angesichts der Zahlen äußern sich auch Vertreter von Umweltverbänden kritisch. "Eigentlich ist der Emissionshandel ein sinnvolles Klimaschutzinstrument", sagt Dirk Flege, Geschäftsführer des Vereins Allianz pro Schiene. "Aber wenn man ihn so unausgegoren ansetzt, entwickelt er sich zum Klimakiller." Auch die Naturfreunde Deutschlands, deren Chef Michael Müller (SPD) ist, Staatssekretär im Bundesumweltministerium, kritisieren die Regelung. "Ausgerechnet mit Regelungen zum Klimaschutz wird der umweltfreundliche Verkehrsträger Eisenbahn gegenüber dem Flugverkehr weiter benachteiligt", sagt Bundesgeschäftsführer Hans-Gerd Marian. "Es wird endlich Zeit, umzusteuern, die Schiene steuerlich zu entlasten und den Flugverkehr stärker zu belasten."