Völkermord-Prozess Karadžić hält Höhe der Opferzahl für übertrieben
Ex-Serbenführer Karadžić ist wegen der Ermordung Tausender bosnischer Muslime angeklagt. Doch er will beweisen, dass die genannte Opferzahl "um Tausende" zu hoch sei. Das Gericht drängt unterdessen die Staatsanwaltschaft zur Eile
Die Zahl von rund 8000 Toten sei weit übertrieben, erklärte der einstige bosnische Serbenführer Radovan Karadžić bei einer Anhörung zur Vorbereitung seines Prozesses. Karadžić muss sich vor dem UN-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag für das Massaker von Srebrenica im ehemaligen Jugoslawien verantworten. Die Staatsanwaltschaft hält den damaligen politischen Führer für einen der Hauptschuldigen.
Zu seiner Verteidigung verlangte Karadžić unter anderem Zugang zu DNA-Untersuchungen. Außerdem besteht er auf einer "korrekten Liste von Opfern". Dann würde sich erweisen, dass es Tausende Opfer weniger gewesen seien als genannt. Außerdem behauptet er, viele der Menschen seien bereits vor dem Srebrenica-Massaker oder bei Gefechten gestorben. Karadžić verteidigt sich in dem Prozess selbst.
Bislang sind die sterblichen Überreste von etwa 4000 Menschen aus Massengräbern bei Srebrenica geborgen, identifiziert und würdevoll beigesetzt worden. Experten rechnen damit, dass weitere Massengräber entdeckt werden.
Im Juli 1995 hatten bosnisch-serbische Milizen in Srebrenica rund 8000 bosnische Muslime zusammengetrieben, ermordet und in Massengräbern verscharrt. Die Region stand zu dem Zeitpunkt unter UN-Schutz. Das Massaker gilt als das schwerste Verbrechen in Europa seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges.
Der heute 64 Jahre alte Karadžić hatte sich seiner Verhaftung lange Zeit entzogen. Vor einem Jahr gelang es, den mutmaßlichen Kriegsverbrecher in Belgrad festzunehmen und dem Tribunal in Den Haag zu übergeben.
Der Prozess soll im August beginnen. Chefankläger Brammertz und Tribunal-Präsident Patrick Robinson rechnen damit, dass er sich bis 2013 hinziehen könnte.
Um Zeit zu gewinnen und der internationalen Gemeinschaft Kosten zu ersparen, forderte der Vorsitzende Richter Iain Bonomy die Staatsanwaltschaft auf, die Zahl der Zeugen zu reduzieren, die angehört werden sollen. Sie liegt momentan bei 500. Außerdem sollte geprüft werden, ob Unterpunkte der insgesamt elf Hauptanklagen fallen gelassen werden können.
Bonomy war bereits Richter im Marathon-Verfahren gegen den ehemaligen serbischen Präsidenten Slobodan Milosević. Dieser war ebenfalls wegen Völkermord sowie Kriegsverbrechen angeklagt, auch wegen des Massakers von Srebrenica. Milosevic starb 2006 im Alter von 64 Jahren im Untersuchungsgefängnis des UN-Tribunals – fünf Jahre nach seiner Auslieferung, ohne dass damals ein Ende seines Prozesses absehbar war.
- Datum 23.07.2009 - 15:57 Uhr
- Seite 1 | 2 | Auf mehreren Seiten lesen
- Serie News
- Quelle ZEIT ONLINE, dpa, sp
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:





Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren