Wahlkampf 2009 Zu viel Charisma ist gar nicht gut

Etwas mehr Polarisierung braucht unser Wahlkampf schon. Zum Beispiel sollte die SPD aufhören, Westerwelle zu schonen. Und Merkel die CSU

Zu viel Charisma muss auch nicht sein. Kanzlerin Merkel und Vizekanzler Steinmeier im Bundestag

Zu viel Charisma muss auch nicht sein. Kanzlerin Merkel und Vizekanzler Steinmeier im Bundestag

So ein Wahljahr macht sich auch auf dem Buchmarkt bemerkbar, erst recht, wenn es obendrein ein Jubiläumsjahr ist. Einiges kommt da zusammen. Hier zwei Beispiele: Aus dem doppelten Anlass von Wahl und Jubiläum hat der ungemein produktive Göttinger Politologe Franz Walter "Porträts aus 60 Jahren Bundesrepublik" verfasst und unter dem Titel Charismatiker und Effizienzen veröffentlicht - flott geschrieben, lang geraten, dennoch lesbar, eine material- und wortreiche deutsche Personalbesichtigung. Sie reicht von Adenauer und Schumacher bis Merkel und Steinmeier, ein weiter Bogen.

Er spannt sich vom archetypischen Urgestein der frühen Bonner Republik über spätere Führungsfiguren mit "gemäßigt charismatischen Zügen" – nämlich Erhard und Brandt – zur gegenwärtigen politisch-kulturellen Dominanz der "Büroleiter". Sie bilden für Walter die "stille Elite" der heutigen Demokratien.

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Direkt auf die Wahl am 27. September und ihre Bedeutung bezieht sich die Aufsatzsammlung unter dem etwas misstrauisch klingenden Titel Wohin steuert Deutschland?. Deren Herausgeber Matthias Machnig – SPD-Wahlkampfmanager 1998 und 2002, heute Umwelt-Staatssekretär und Karriereberater von Minister Siegmar Gabriel – und der Hamburger Politikwissenschaftler Joachim Raschke, kommen, als sie am Ende über Auswege aus der Ratlosigkeit der Wähler räsonieren, auch auf diesen ewigen Punkt: "Charisma wäre auch noch eine Möglichkeit." Doch den idealtypischen "charismatischen Führer" gäbe es nicht bei uns. "Im Deutschland von Merkel und Steinmeier steht er nicht zur Wahl." Stimmt.

Auch die Buchfabrik Walter beklagt das Fehlen von "charismatischem Weitblick" und "charismatischer Kühnheit". Stattdessen Büroleiter, wohin das Auge reicht. Lauter "Graue Effizienzen". Eine ganz neue Neuigkeit ist das ja nicht. Vom Aussterben der Spezies Helden ist seit Längerem die Rede.

Zu Recht wird oft daran erinnert, dass ein Übermaß an politischem Charisma im politischen Alltag einer parlamentarischen Demokratie mit der Zeit ganz schön nerven und schließlich gefährlich werden kann. Besonders dann, wenn zum Charisma von oben die blinde Verklärung und Verehrung von unten kommt, in schwierigen Zeiten verschärft um das Warten auf ein Wunder, das alle Probleme löst. Derlei Wunder sind "auf dem Terrain komplexer Verhandlungsdemokratien" (Walter) selten geworden. Sobald sie ausbleiben, zerbröselt das Charisma. Dann kippt die Stimmung ganz schnell, die bisher kritiklosen Bewunderer begehren auf, fortan schlägt die Stunde der postdemokratischen Demagogen und Verführer.

Insofern ist die Heldenlosigkeit auf unserer politischen Bühne vermutlich das kleinere Übel, gemessen am Sendungsbewusstsein diverser volkstümelnder Gestalten, die wir – manchmal leicht vergröbernd, manchmal arg verharmlosend – "Populisten" nennen. Die undramatische Art der bis zuletzt ganz gut funktionierenden Großen Koalition zu Berlin ist ja ganz gut angekommen, wenn man den Umfrage-Ergebnissen trauen darf. Kiel und das Theater um das Ende des CDU-SPD-Bündnisses dort ist kein Modell.

Aber andererseits: Etwas mehr politische Würze und persönliche Substanz, als die beiden Berliner Spitzenkandidaten in ihren Fernseh-Gesprächen am vergangenen Sonntag im "Fernduell’" aufgeboten haben, darf man – Heldenlosigkeit hin, Charismadefizit her – in den verbleibenden Wochen bis zur Wahl schon erwarten. Muss ein politisches Gespräch über die Bedeutung des bevorstehenden Wahlkampfs wirklich so dröge sein wie das ARD-Sommergespräch mit Angela Merkel vom vergangenen Sonntag?

In einem normalen Gespräch unter Erwachsenen hätte man der Kanzlerin zum Beispiel ihre Tänzeleien um das Thema Anti-Europa-Populismus der Seehofer-CSU nicht durchgehen lassen. Dasselbe gilt für das Thema Rentengarantie, für den Umgang mit den Banken und für die Glaubwürdigkeit der FDP. Viel Zeit, viele Themen, wenig Gehalt, Mehrwert Null.

Auf dem Zweiten Kanal wurde man im Südtiroler Sommergespräch mit dem SPD-Kanzlerkandidaten leider auch nicht verwöhnt. Das war, als unterhielten sich zwei kluge Beobachter über die deutsche Situation, wobei der eine relativ locker wirkte, der andere – bei aller Bereitschaft zum Lächeln – angespannt bis verkrampft, konzentriert darauf, keinen Fehler zu machen. Frank-Walter Steinmeier sagte denn auch nichts Falsches, aber er sagte auch nicht viel, blieb beherrscht bis ins Unpersönliche. Was ihm zu Angela Merkel einfiel, war keineswegs so kritisch, wie der ZDF-Fragsteller Frey es den Zuschauern glauben machen wollte, bei der Agenda 2010 kam das Übliche, zu Westerwelle und dessen Krisengewinnerpartei kein wirklich kritisches Wort, und am Ende fragte man sich, ob der Kandidat sich vor solchen wichtigen Terminen eigentlich coachen lässt. Oder wenigstens beraten.

Die Probleme der heutigen Volksparteien, die vermutlich beide am Wahltag zu leiden haben werden, wenn auch unterschiedlich intensiv, sind natürlich nicht mit einer besseren Vorbereitung auf Fernsehtermine zu lösen. Charisma kann man sowieso nicht lernen, das ist es auch nicht, was wirklich fehlt an den beiden. Die Klagen ob der fehlenden Faszination verfehlen ohnehin das Ziel. Die Kandidaten sollen nicht glitzern, funkeln, blenden. Aber sie sollen aus der Deckung kommen, reden wie andere Bürger auch, ein normales Gespräch führen, ohne sich ständig abzusichern und an Formelkram festzuhalten. Sie müssen sich in Talkshows nicht alles, was sich die Redaktionen aus Angst vor Langeweile einfallen lassen, akzeptieren. Aber sie sollten sich vor öffentlichen Auftritten eine Botschaft überlegen, die mehr ist als irgendeine Selbstverständlichkeit ("wir werden uns einigen ...").

Franz Walter beschreibt in seinem Buch am Ende das Dilemma der heutigen, postcharismatischen Politiker ziemlich zutreffend: Sie müssten ausgleichend und moderierend wirken, fähig sein zu "geschmeidigem Opportunismus" und sich programmatisch nicht allzu sehr festlegen. Nun ja. Außerdem müssten sie aber auch ein Mindestmaß an Kampfbereitschaft und Führungspotenzial mitbringen und die Kunst des Begeisterns, der mitreißenden Rede erlernen. Da hat er recht. Die Mischung macht’s. Für Unterscheidung sorgen, das ist die Kunst und die Notwendigkeit. Weil, so Walter, "ein Überangebot an Mitte die Flanken stärkt". Etwas mehr Polarisierung muss schon sein.

Wenn man also – wie Steinmeier und die SPD – dem Neoliberalismus die Rückkehr ins Zentrum der Politik versperren will, dann muss man das deutlich machen, statt sich zu verbiegen vor lauter Rücksicht auf Westerwelle. Womöglich glaubt der liberale Großsprecher, das sei von der SPD nicht ernst gemeint. Ist es doch, oder? Die Alternativen deutlich zu machen, keinen Zweifel aufkommen lassen, das ist nie falsch.

Sonst passiert das, was Machnig und Raschke in ihrem Reiseführer durch die Wahllandschaft am Ende schreiben, ob als Warnung oder als Prophezeiung, lassen sie offen: "Ohne klare Alternativen in der Wahl weiß man hinterher nicht, was die Wähler mit ihrem Votum gemeint haben."

 
Leser-Kommentare
  1. ist gut ! Die lachen jetzt schon über den deutschen Michel !

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    Mir scheint, der gute Herr Autor will uns verkackeiern. Meines Wissens hat man noch keinen unserer Nachkriegspolitiker beschuldigt, einen Exzess an Charisma zu besitzen. -- Zu wenig? Darüber ließe sich schon eher reden.

    Mir scheint, der gute Herr Autor will uns verkackeiern. Meines Wissens hat man noch keinen unserer Nachkriegspolitiker beschuldigt, einen Exzess an Charisma zu besitzen. -- Zu wenig? Darüber ließe sich schon eher reden.

  2. Das Bild ist wirklich gut.....-

    Oder auch beklagenswert....

    Ich mache es so "Mainstream-Medien" abklappern, Spiegel, Stern, Zeit, SD, Fokus, usw

    Zum Teil reicht da die Überschrift zu den Artikeln...vielleicht noch ein wenig überfliegen,den Artikel halt.Meist kommt es mir eh vor wie Wiederholungen.Ob es nun an der DPA oder sonst was liegt(beklagenswert).Interessant dann noch die Kommentare der Leserschaft,der Puls halt(wenn auch von wenigen).........anschließend wechsel ich dann auf folgende Seiten,

    http://www.weissgarnix.de/

    http://www.spiegelfechter...

    und zB.

    http://www.nachdenkseiten...

    Plus den Kommentaren auf diesen Seiten fühle ich mich ein wenig mehr, naja "erleuchtet" kann man ja fast nicht sagen.Zumindest bin ich dann nicht einseitig geimpft bevor ich schlafen gehe.

    Aber Hey.....wer ist schon kritisch........

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    für die Links. Die sich selbst gleichschaltende Presse. Wer war das noch?

    Slotterdijk? Aber dem schlottern jetzt die Hosen vor der eigenen Courage.

    beklagenswert ? Kann man so sehen, da diese Parteien dem selben Herren folgen. Diese folgen dem Geld. Der Bürger dieses Landes ist nur Melkkuh und nichts anderes!

    für die Links. Die sich selbst gleichschaltende Presse. Wer war das noch?

    Slotterdijk? Aber dem schlottern jetzt die Hosen vor der eigenen Courage.

    beklagenswert ? Kann man so sehen, da diese Parteien dem selben Herren folgen. Diese folgen dem Geld. Der Bürger dieses Landes ist nur Melkkuh und nichts anderes!

  3. Der amerikanische Querdenker Chomski bereits vor 10 Jahren :
    Modernes Regieren hat ein Hauptziel, “die Minderheit der Begüterten gegen die Mehrheit der Armen zu schützen”,
    Dazu wurde eine neue Kunst demokratischen Regierens entwickelt, nämlich die “Fabrikation von Konsens”.
    In diese Kernaufgabe sind Medien und Wissenschaftler eingebunden, beide abhängig von Geld und guten Arbeitsbedingungen und entsprechend gefügig.
    Durch die Herstellung von Konsens kann man die Tatsache neutralisieren, dass arme Menschen zwar ein formales Wahlrecht genießen, dem die politischen Führer jedoch jede Bedeutung entziehen.
    Solange die Regierenden mit Unterstützung der Medien und Wissenschaftler in der Lage sind Konsens herzustellen, können sie die Wahlmöglichkeiten und Einstellungen der Menschen derart beschränken, dass jene letztlich immer nur gehorsam das tun, was man ihnen sagt, obwohl sie formal, z. B. über die Wahlen, glauben selbst am System teilzuhaben.

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    ihres Kernes berauben kann. Chomski hat zu mindestens 200 % Recht.

    Unsere Demokratie ist nur noch ein vergammelnder Torso.

    ...sieht es leider aus. und gerade die überaus erfolgreiche einbindung der medien ist das eigentlich erschreckende dabei. die ehemals "4.macht" ist doch längst zu einer art "politikvermittlungs-industrie" verkommen, deren hauptaufgabe es ist, den untertanen eine offentsichtlich gegen sie gerichtete politik als alternativlos zu verkaufen sowie gefahren und feindbilder aufzubauen, die so zwar im behaupteten ausmaß nicht existieren, jedoch vortfrefflich dazu geeignet sind, von den wichtigen fragen der zeit abzulenken.

    ihres Kernes berauben kann. Chomski hat zu mindestens 200 % Recht.

    Unsere Demokratie ist nur noch ein vergammelnder Torso.

    ...sieht es leider aus. und gerade die überaus erfolgreiche einbindung der medien ist das eigentlich erschreckende dabei. die ehemals "4.macht" ist doch längst zu einer art "politikvermittlungs-industrie" verkommen, deren hauptaufgabe es ist, den untertanen eine offentsichtlich gegen sie gerichtete politik als alternativlos zu verkaufen sowie gefahren und feindbilder aufzubauen, die so zwar im behaupteten ausmaß nicht existieren, jedoch vortfrefflich dazu geeignet sind, von den wichtigen fragen der zeit abzulenken.

    • gauss
    • 23.07.2009 um 21:36 Uhr

    Nun ja, man braucht sich ja nur das Programm der SPD anschauen, dann weiß man eigentlich, das eine Koalition mit der Linkspartei wahrscheinlicher ist, als mit der FDP (reine Programmpunktlage).
    Andererseits weiß Herr Steinmeier, das links des klassischen SPD-Wählers nicht viel zu holen ist. Daher muss er sich so verbiegen, mal ein bischen was für die Rentner, da was für einfache Arbeiter, aber auch nicht zuviel Zumutungen für die da oben... Das sind dann schon durchschnittliche Arbeitnehmer, und Selbständige sowieso. Leute, die sich von der FDP angesprochen fühlen.

    Die SPD wird zermalmt von diesen Blöcken. Sie kann erst wieder zur Volkspartei werden, wenn sie verstanden hat wie breiter Wohlstand in Zeiten der Globalisierung wieder erlangt werden kann, und auch begriffen hat, das Akademiker die Arbeiter des 21.ten Jahrhunderts sind.

    Die Klintel der CDU ist doch etwas anders gelagert, und daher muss die CDU nicht so enorm leiden. Tendenziell ist es aber nicht wesentlich anders. Warum sonst versuch Angela den Linksschwenk? Wenn man sich noch an Dregger und Strauß erinnert, das war doch irgendwie anders. Da war die CDU noch konservativ. Heute ist das nur noch eine Ansammlung von Leuten, die es in der Wirtschaft nicht packen (--> CDU Schleswig-Holstein z.B.).

    Politiker wollen eben wieder gewählt werden, so versuchen sie es allen irgendwie Recht zu machen, haben aber ganz bestimmt nicht langfristige Entwicklungen für ihre Heimat im Blick.
    Mittlerweile denke ich, wäre "nicht wählen" eine durchaus akzeptable Wahl.

    --
    "that book is dead sexy" -- Xach on #lisp about "Practical Common Lisp"

  4. für die Links. Die sich selbst gleichschaltende Presse. Wer war das noch?

    Slotterdijk? Aber dem schlottern jetzt die Hosen vor der eigenen Courage.

    Antwort auf "Das Bild ist wirklich"
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    Naja wer hat heute noch Courage ?

    Hinweise können nicht schaden, oder?
    Oder aber kopf in den Sand.......

    Naja wer hat heute noch Courage ?

    Hinweise können nicht schaden, oder?
    Oder aber kopf in den Sand.......

  5. ihres Kernes berauben kann. Chomski hat zu mindestens 200 % Recht.

    Unsere Demokratie ist nur noch ein vergammelnder Torso.

  6. Naja wer hat heute noch Courage ?

    Hinweise können nicht schaden, oder?
    Oder aber kopf in den Sand.......

    Antwort auf "Danke "

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