Afghanistan ist ein fernes Land: 5000 Kilometer liegen zwischen Kabul und Berlin. Weit entfernt scheint auch der Konflikt am Hindukusch. Politik und Öffentlichkeit interessieren sich wenig dafür, obwohl rund 3500 deutsche Soldaten in Afghanistan stationiert sind. Weder der Regierung noch dem Bundestag gelingt es, der Bevölkerung die Notwendigkeit des Bundeswehr-Einsatzes zu erklären. Auch viele Soldaten fragen sich, welchen Nutzen das deutsche Engagement in dem Bürgerkriegsland bringt.

Der Journalist Stefan Kornelius spießt die zahlreichen Widersprüche der Bundeswehr-Mission auf. In seinem vor Kurzem erschienenen Buch Deutschlands Selbstbetrug in Afghanistan geht der Ressortleiter Außenpolitik der Süddeutschen Zeitung hart mit der deutschen Politik und der Bundeswehrführung ins Gericht. "Deutschland führt Krieg, aber von Krieg darf man nicht sprechen. Die Rede ist von einem Stabilisierungseinsatz, von einer Mission zur Unterstützung des Staatsaufbaus", schreibt Kornelius. "Der Streit um die richtige Terminologie ist nur eine von vielen Unehrlichkeiten, die den Einsatz der Bundeswehr am Hindukusch begleiten."

Kornelius listet die Widersprüche, Halbwahrheiten und Kuriositäten der deutschen Außenpolitik auf. Die deutsche Mission hätte ein hohes humoristisches Potential, ginge es nicht um die Leben deutscher Soldaten und afghanischer Zivilisten sowie um Deutschlands Ansehen in der Nato und der internationalen Gemeinschaft. So verlegte die Regierung mehrere Tornado-Kampfflieger nach Afghanistan zur Aufklärung. Die Luftaufnahmen können aber erst nach der Landung ausgewertet werden und dürfen nicht an Offiziere der Operation Endurung Freedom weitergeben werden, weil Deutschland sich nicht an der Terroristenjagd beteiligt. Und gegen den Drogenanbau sollen die Soldaten auch nicht vorgehen – direkt neben einem Stützpunkt sollen Mohnblumen geblüht haben, die Soldaten nahmen das Feld mit dem Grundstoff zur Heroinproduktion also einfach nicht wahr.

Im achten Jahr des Einsatzes zeige sich, sagt Kornelius, dass Politik und Öffentlichkeit mit der Dynamik in Afghanistan nicht mehr mithalten können. Er kritisiert die verbale Zweiteilung des Landes, die von deutschen Politikern fortwährend betont werde. Abgeordnete sprechen von dem verhältnismäßig sicheren Norden und dem gefährlichen Süden. Und sie unterscheiden zwischen dem defensiven Vorgehen der Bundeswehr und der vermeintlich viel zu aggressiven Strategie der Amerikaner und Briten.

Tatsächlich sind die Taliban längst im ganzen Land auf dem Vormarsch. Sie destabilisieren seit geraumer Zeit das Nachbarland Pakistan. Ehrlich wäre es, wenn die Bundespolitik zugeben würde, dass die den Soldaten vorgeschriebene Zurückhaltung die Sicherheit eher verschlechtere als verbessere, findet Kornelius. Ehrlich wäre es zudem, wenn Deutschland zugeben würde, bei der Ausbildung der afghanischen Sicherheitskräfte gescheitert zu sein.

Kornelius hält die Soldaten für die Leidtragenden: "Sie sind die Opfer eines großen Selbstbetruges."

Die Soldaten erfahren die Widersprüche der Mission hautnah. So durften sie bislang keine flüchtenden Gegner verfolgen und erst angreifen, wenn sie selber unter Beschuss standen. Für Hubschrauber und Jets herrscht zudem ein Nachtflugverbot – längere Einsätze sind dadurch kaum möglich. Taliban, die sich in die Gebiete anderer internationaler Streitkräfte zurückzogen, sollen die Deutschen nicht nachsetzen.