Aktienkurse Blase? Welche Blase?
Manchmal sind steigende Börsenkurse gerechtfertigt. Im Moment zum Beispiel: Die Rezession geht zu Ende, die Unternehmen erwarten Gewinne. Nur aus China drohen Gefahren

© Spencer Platt/Getty Images
Sommerstimmung vor der New Yorker Börse: Der Dow-Jones-Index beschloss den Juli mit hohen Kursgewinnen und steigt auch im August weiter
Es ist erstaunlich, wie skeptisch viele Anleger den gegenwärtig steigenden Börsenkursen gegenüber stehen. Sie tun Kursgewinne als vollkommen unberechtigt ab und werten sie als Zeichen dafür, dass wir uns schon wieder mitten in einer Blase befänden.
Dem muss aber nicht so sein. Sicher gibt es schon wieder Blasen, aber bestimmt nicht an den etablierten Märkten. Dafür sprechen Analysen des berühmten amerikanischen Ökonomen Robert Shiller. Sein guter Name rührt daher, dass er vergleichsweise früh die irrationale Übertreibung der New-Economy-Zeit angeprangert hat und später auch die Probleme des US-Immobilienmarktes sezierte.
Shiller stellt seine Analysen im Internet zur Verfügung. Die monatlich fortgeschriebenen Datenreihen, die er benutzt, machen Übertreibungen an der Börse sehr schön grafisch sichtbar. Ihre Anfänge reichen bis ins 19. Jahrhundert zurück. Zentral ist das Verhältnis vom Kurs einer Aktie zum Unternehmensgewinn, die sogenannte Price-Earnings-Ratio. Shiller versucht, in seinen Analysen kurzfristige und konjunkturelle Kursschwankungen nicht zu berücksichtigen. Zu diesem Zweck zieht er einen gleitenden Durchschnittswert aus zehn Jahren heran.
Mitten im New-Economy-Boom kletterte die von Shiller berechnete Kennzahl auf Rekordhöhen. Die Kurse waren damals bis zu 45mal so hoch wie die Unternehmensgewinne. Durch die Kursrückgänge von 2000 bis 2003 entspannte sich die Situation wieder. Später stiegen die Aktienpreise zwar wieder. Doch die Price-Earnings-Ratio blieb relativ konstant. Im Moment aber befindet sie sich sogar auf dem durchschnittlichen Wert, der in der Zeit vor 1998 maßgeblich war - also bevor die New-Economy-Blase richtig wuchs. Im historischen Vergleich kann das wahrlich nicht mehr als teuer interpretiert werden. Aktien sind derzeit günstig zu haben!
Das gilt zumindest für die USA. Ganz anders sieht es aber für China aus: Dort kosten Aktien bereits wieder doppelt so viel wie zur Zeit der Tiefststände. Das ist eigentlich kein Wunder. Fundamental gerechtfertigt ist der Boom zwar nicht. Aber in einem Land, in dem die Banken per Dekret quasi gezwungen sind, Kredite in einem riesigen Ausmaß zu vergeben, ist die Liquiditätssituation eine ganz andere als in Euroland oder den USA - obgleich auch hierzulande diskutiert wird, wie die Banken zu bewegen seien, den Unternehmen mehr Geld zur Verfügung zu stellen.
Dennoch stehen im Westen die Dinge anders. In den USA hat sich die konjunkturelle Situation deutlich aufgehellt, die Rezession geht gerade zu Ende. Weil die Kurse im Abschwung so tief gefallen sind, ist die Gelegenheit für Aktionäre derzeit günstig. Auch die Unternehmensgewinne sind während der Rezession um über 21 Prozent eingebrochen. Das ist ein Rückgang, der seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs noch nie zu sehen war. Doch im ersten Jahr nach einer Rezession werden die Gewinne um so stärker wachsen. Das ist es wohl, was die Märkte derzeit vorwegnehmen.
Conrad Mattern ist Vorstand der Conquest Investment Advisory AG und Lehrbeauftragter an der Ludwig-Maximilians-Universität, München. Auf ZEIT ONLINE beleuchtet er immer zum Wochenbeginn die aktuelle Entwicklung an den Finanzmärkten.
- Datum 03.08.2009 - 17:12 Uhr
- Quelle ZEIT ONLINE
- Kommentare 41
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Lang nicht mehr so gelacht!
Sicher gibt es schon wieder Blasen, aber bestimmt nicht an den etablierten Märkten.
Etablierte Märkte = Finanzwirtschaft?
Wo sich genau ... was geändert hat?
Die Verluste wurden weltweit mit billionenschweren Bailouts von den Steuerzahlern (also den Überresten der bröckelnden Mittelschicht und der wachsenden Masse der working poor) sozialisiert, und die Umverteilung (netter Euphemismus für DIEBSTAHL) geht erstmal wieder munter weiter.
Bis zum nächsten Knall. Herr Mattern, fragen Sie doch mal Ihre Kollegen was die auf dem Anleihenmarkt am Horizont sehen ...
Dafür sprechen Analysen des berühmten amerikanischen Ökonomen Robert Shiller.
Mit Buzzword-Bingo und Mietmäulern kann man leider zunehmend weniger Leute beeindrucken, zumal sich mehr und mehr auch eigentlich fachfremde Leute über die Hintergründe der sogenannten "Finanzwirtschaft" informieren.
Dagegen sprechen auch möglicherweise nicht ganz so berühmte Ökonomen und der modernen VWL gegenüber etwas kritischer eingestellte Personen wie zum Beispiel ein Professor Bernd Senf.
Conrad Mattern ist Vorstand der Conquest Investment Advisory AG
Immerhin machen Sie ihren Job: Sie versuchen, Ihre Produkte zu verkaufen.
Aber jetzt mal ganz ehrlich, von Zeit-Online-Leser zu Zeit-Online-Leser: glauben Sie wirklich das, was sie da schreiben...?
Man kann so viele Bewertungsmaßstäbe anbringen, um jeweils steigende oder fallende Kursse zu rechtfertigen – letztlich hängt der mittelfristige Trend davon ab, ob die Rezession in den USA wirklich zu einem endgültigen Ende gekommen ist. Was halten Sie denn von der Warnung Greenspans, die Talfahrt am Immobilienmarkt sei noch nicht zu Ende und könnte zu einem Einbruch des Verbrauchervertrauens führen? Was halten Sie von der Aussage des Goldman Sachs-Deutschlandchefs Dibelius, Mitte 2008 habe es genauso ausgesehen wie heute – und im September brach die große Panik aus?
Der Stresstest für die amerikanischen Banken war gefakt - das wurde sogar zum Teil offen zugegeben - der Einbruch am Gewerbeimmobilienmarkt ist noch nicht mal verkraftet und selbst beim "alten" Problem des Häusermarkts steht nach Aussage von Experten eine neue Welle von Zwangsversteigerungen noch bevor. Der Rückgang der Geschwindigkeit beim Lagerabbau nimmt logischerweise bald ab, sodass von dieser Seite die Produktion wieder unter Druck kommt.
Die Benzinpreise haben sich seit Februar verdoppelt, was den US-Verbrauchern nicht sonderlich viel Spaß macht. Das Lohnwachstum kommt zum Stillstand, die Arbeitslosigkeit steigt weiter in hohem Tempo an (die Erstanträge auf Arbeitslosenhilfe liegen rd. 200.000 über ihrem neutralen Niveau), die US-Bundesstaaten sparen an allen Ecken und Enden und entlassen Beschäftigte. Die Schieflage der CIT Group belastet schon jetzt die Wirtschaft, und offenbar verkennt man die Auswirkungen erneut.
Wer sich heute noch einmal die Berichte zum Zusammenbruch von Lehman Brothers um den 15. September letzten Jahres anschaut, wird erstaunliche Feststellungen machen. Das Ereignis, was heute als entscheidender Auslöser einer Fast-Depression angesehen wird, wurde von einer Vielzahl an Analysten damals begrüßt. Wenn diese Leute, die das Geschehen an der Börse bestimmen, so wenig Ahnung haben, dann kann man den steigenden Aktienkursen derzeit erst recht nicht trauen. Bis 6000 und spätestens September/Oktober wird man das Ding wohl hochdrehen - danach sieht es stockfinster aus.
Der Grund, warum die US-Bundesstaaten ihr Personal kürzen, liegt daran, dass sie gesetzlich niemals ein Defizit einfahren dürfen, im Gegensatz zu den deutschen Ländern, die einfach lustig Schulden machen.
Der Grund, warum die US-Bundesstaaten ihr Personal kürzen, liegt daran, dass sie gesetzlich niemals ein Defizit einfahren dürfen, im Gegensatz zu den deutschen Ländern, die einfach lustig Schulden machen.
Bis 6000 und spätestens September/Oktober wird man das Ding wohl hochdrehen - danach sieht es stockfinster aus.<
Die Zukunft ist per se stockfinster, weil unbekannt,
außer spät nachts, da naht der Tag, der ist einigermaßen berechenbar.
oder erste Anzeichen einer Inflation? Wer weiss.
Es sind noch Derivate im Wert von ungefähr 700 Billionen Dollar im Umlauf. Die Fundamentaldaten und die nicht getätigten, obwohl dringend notwendingen, Reformen der Geld- und Finanzmärkte sprechen auch nicht für ein Ende der Systemkrise.
Sollte sich in dieser Richtung endlich etwas tun, kann ich solche Artikel auch wieder ernst nehmen und mit meinem nicht vorhandenen Geld fleissig Aktien kaufen.
Was sollen uns die geschönten Phantasiebilanzen des 2. Quartals sagen? Bei genauer Analyse liest sich Shillers Bericht überhaupt nicht positiv.
Die steigenden Aktienkurse und der steigende Ölpreis sind nur ein deutliches Zeichen für überschüssige Liquidität. An der schlechten Qualität der Wertpapiere hat sich nicht nichts geändert.
Auch Sprechblasen und Phrasen sind Blasen.
Übrigens, für jede Aktie, die für 100 Euro verkauft wird, landen 100 Euro auf dem Konto des Verkäufers.
Wenn der Verkäufer 300 Aktien für je 100 Euro verkauft, kann er sich für den Erlös ein schönes Auto kaufen.
Wie man sieht, landet genau so viel Geld beim Kauf einer Aktie im Aktienmarkt wie beim Verkauf aus dem Aktienmarkt wieder verschwindet.
Der Aktienmarkt verschluckt also gar kein Geld, wie immer behauptet wird.
"Der Aktienmarkt verschluckt also gar kein Geld, wie immer behauptet wird."
...das Problem ist wohl eher, dass der Verkäufer sich eben kein Auto kauft, sondern das Geld vorhält um später weitere Spekulationen zu machen, insbesondere wenn es sich um Fonds und Finanzinvestoren handelt, die imho auf den größten Geldbergen sitzen. So fliesst das "reale" Geld zwar immer von einem Besitzer zum nächsten, landet aber nur in Ausnahmefällen mal in der Realwirtschaft.
Aber ich muss zugeben, dass mir keine Zahlen dazu bekannt sind. Ist wohl auch alles nicht so transparent.
Man nennt das auch den Wirtschaftskreislauf zwischen Geld und Waren. Wenn der stimmt geht's uns gut.
"Der Aktienmarkt verschluckt also gar kein Geld, wie immer behauptet wird."
...das Problem ist wohl eher, dass der Verkäufer sich eben kein Auto kauft, sondern das Geld vorhält um später weitere Spekulationen zu machen, insbesondere wenn es sich um Fonds und Finanzinvestoren handelt, die imho auf den größten Geldbergen sitzen. So fliesst das "reale" Geld zwar immer von einem Besitzer zum nächsten, landet aber nur in Ausnahmefällen mal in der Realwirtschaft.
Aber ich muss zugeben, dass mir keine Zahlen dazu bekannt sind. Ist wohl auch alles nicht so transparent.
Man nennt das auch den Wirtschaftskreislauf zwischen Geld und Waren. Wenn der stimmt geht's uns gut.
Teil 1: Krise und Kritik. (60 Minuten müßten die Leser allerdings opfern.)
China versucht die zu retten, die säen. Europa und die USA retten die, die nur ernten.
Wo wir doch schon einmal Wissen aus erster Hand bekommen: Was haben Sie, Herr Mattern, eigentlich Ihren Anlegern zu Zeiten der New Economy empfohlen, als die Kurse schon purzelten?
Ein Joseph Stiglitz wirkt ungefähr 1.000.000mal glaubwürdiger als ein Conrad Mattern.
Mattern schreibt im eigenen Interesse, das nun zufällig auch das Interesse der Regierung ist: zuschwafeln, schönreden, vernebeln. Das Ganze auf dem Niveau einer bunten Glaskugel.
Aber er weiß natürlich auch: Jeden Tag stehen die Dummen auf, man muss sie nur noch finden.
Als Uni-Lehrbeauftragter sorgt er aber wenigstens dafür, dass die Kontinuität gewahrt bleibt und der völlig ruinierte Ruf der Wirtschaftswissenschaften (Wissenschaften ???) noch lange erhalten bleiben wird.
Ein Joseph Stiglitz wirkt ungefähr 1.000.000mal glaubwürdiger als ein Conrad Mattern.
Mattern schreibt im eigenen Interesse, das nun zufällig auch das Interesse der Regierung ist: zuschwafeln, schönreden, vernebeln. Das Ganze auf dem Niveau einer bunten Glaskugel.
Aber er weiß natürlich auch: Jeden Tag stehen die Dummen auf, man muss sie nur noch finden.
Als Uni-Lehrbeauftragter sorgt er aber wenigstens dafür, dass die Kontinuität gewahrt bleibt und der völlig ruinierte Ruf der Wirtschaftswissenschaften (Wissenschaften ???) noch lange erhalten bleiben wird.
Eventuell steigende Indices sind u.a. auch deswegen "gerechtfertigt" weil sich an dem ganzen Finanz- und Wirtschaftssystem nicht viel von Relevanz geändert hat um ein weitere wenn auch zögerliche Mithilfe der Steuerzahler zu verhindern.
Zudem sind ja nach wie vor genau die gleichen Akteuere am Spielen die auch zu den Verursachern gezählt werden dürfen/müssen. Dies je nach indivduellen moralisch/gesellschaftlichen Vorstellungen.
Weder haben die beiden globalen Aufsichten wie WTO/GATS und IMF inherent etwas geändert noch wurde die EU Verfassung einer Diskussion (von Revison ganz abgesehen) ausgesetzt. Vieles was diese Krise erst möglich gemacht hat wurde genau dort festgeschrieben und von allen massgeblich beteiligten Ländern (etliche Entwicklungsländer nicht) mit grosser Hingabe unterzeichnet.
Seitdem geht es nur noch darum diese eher unbeliebten Gesellschaftlichen Verwerfungen dem Volke unter Grosseinsatz massgeblicher Medien schmackhaft zu machen. Da diese teils extremen sozialen Ungleicheiten die aus diesen Verträgen hervorgehen von einem Grossteil der Bevölkerung nur mit der Faust im Sack akzeptiert werden, muss dem mit stündlichen Mahnungen und intensiver Ueberzeugungsarbeit nachgeholfen werden.
Alles erklärbar und durchaus in eine gewisse Logik passend... vorallem wenn man am liebsten nicht's ändern möchte.
Man könnte zum Beispiel endlich mal Anfangen den +40 Steuroasen das Leben schwer zu machen.
Man könnte auch die nationalen Steuergesetze anpassen um der konstanten Umverteilung von unten anch oben einhalt zu gebieten.
Man könnte auch internationale Kapitaltransaktionsgebühren wieder einführen.
Man könnte auch so manches Privatisierungsprojekt ersatzlos streichen.
... usw.
Die steigenden Indices sind irgendwie schwer zu rechtfertigen auch deswegen weil diese mit den genau gleichen "rationalen" Argumenten wie bisher gerechtfertigt werden. Aber das war nicht immer so...
;-)
“When I give food to the poor, they call me a saint. When I ask why the poor have no food, they call me a communist." — Dom Hélder Câmara
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