Nationalsozialismus "Die Judenverfolgung ist nicht ausreichend erforscht"
Kollaboration in den besetzten Gebieten, Deportation jüdischer Berliner: Der Berliner Historiker Michael Wildt spricht über Forschungslücken zur NS-Zeit
Frage: Herr Wildt, Sie haben eine der wenigen verbliebenen Berliner Professuren inne, die sich explizit mit dem Nationalsozialismus beschäftigen. Wie kommt es zu dieser Ausdünnung?
Michael Wildt: In der Tat gab es noch vor einigen Jahren fünf Professuren: Reinhard Rürup an der Technischen Universität, Ludolf Herbst an der Humboldt-Uni, Peter Steinbach an der Gedenkstätte deutscher Widerstand, Wolfgang Wippermann an der Freien Universität und Wolfgang Benz am Zentrum für Antisemitismusforschung der TU. Wenn Benz im Herbst emeritiert wird, gibt es nur noch Wippermann und mich. Bei der Neubesetzung von Professuren spielt eine Rolle, dass sich das Interesse auf die Zeit nach 1945 verlagert. In der neuen Historikergeneration ist das Drängende in der Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus einer distanzierten Haltung gewichen.
Frage: Ist womöglich schon alles untersucht?
Michael Wildt: Keineswegs. Ein großes Feld, dessen Erforschung am Anfang steht, ist die Mitwirkung der einheimischen Bevölkerung in den besetzten Gebieten Europas bei der Ausplünderung und Ermordung der Juden. Die Deutschen hätten ohne die Teilnahme und Unterstützung der Einheimischen weder die Besatzung aufrechterhalten noch die Judenmorde verwirklichen können. Ob freiwillig oder erzwungen – diese Formen der Kollaboration müssen jetzt erforscht werden. Das ist ein Teil europäischer Geschichte.
Frage: Forschung zur Kollaboration ist eine heikle Mission. Sind Sie als deutscher Historiker in den ehemals besetzten Ländern willkommen?
Michael Wildt: Eines muss von vornherein klar sein: Die deutsche Eigenverantwortung darf nicht relativiert werden. Das muss ich als deutscher Historiker auch deutlich machen. Dann sind gemeinsame Projekte mit Wissenschaftlern und Studierenden in Osteuropa möglich.
Frage: Könnte dabei die neue Vertriebenenforschung ein Vorbild sein, bei der polnische und tschechische Forscher mit deutschen zusammengearbeitet haben?
Michael Wildt: Es wird zu einer Gewaltgeschichte Europas im 20. Jahrhundert kommen. Im nationalsozialistischen und im stalinistischen System wurden – teilweise sogar in Kooperation der beiden Systeme – Bevölkerungsgruppen deportiert, ermordet und zur Zwangsarbeit verschleppt.
Frage: In Osteuropa wird bis heute vieles aus dem Totalitarismus verdrängt. Sehen Sie Ansätze zu einer nachholenden Modernisierung mithilfe der Geschichtsaufarbeitung?
Michael Wildt: Ja. Die Aufarbeitung der Vergangenheit, sowohl im Nationalsozialismus als auch im Stalinismus, ist eine Voraussetzung für Demokratie.
Frage: In Berlin gibt es außerhalb der Unis zahlreiche Institutionen, die sich mit der NS-Zeit und der Judenverfolgung beschäftigen. Bleibt hier noch etwas zu erforschen?
Michael Wildt: Aber ja! Es gibt keine systematische Alltagsgeschichte Berlins im Nationalsozialismus. Da sehe ich eine meiner Aufgaben. Die Ausgrenzung, die Verfolgung der Juden und die Verbrechen auch an anderen sind keineswegs erschöpfend erforscht. Beispielsweise wissen wir sehr wenig darüber, wer die Berliner Juden waren, die nach Minsk verschleppt worden sind. Diese Biografien zu rekonstruieren, wäre eine sehr spannende Geschichte für ein studentisches Projekt.
Frage: Als Professor sind Sie mit 55 ein Spätberufener. Was hat Sie bewogen, Ihre Stelle als Forscher am Hamburger Institut für Sozialforschung für eine Professur mit Lehrverpflichtung und Gremienarbeit aufzugeben?
Michael Wildt: Die Arbeit mit den Studierenden! Nach über 15 Jahren Dasein als Forscher ist die Aufgabe, jungen Menschen Wissen zu vermitteln und mit ihnen gemeinsam zu forschen, für mich ausgesprochen energiegeladen. Ich sehe es als einen glücklichen biografischen Moment, das aufzugeben, was viele Kollegen ersehnen. Aber es gibt durchaus großartige Historiker wie Hartmut Kaelble, die sogar noch als Emeriti mit großer Passion lehren.
- Datum 30.07.2009 - 13:23 Uhr
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- Quelle ZEIT ONLINE
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