Jugendliche und AlkoholKomasaufen als Jugendmode

Das exzessive Trinken von hartem Alkohol ist bei Jugendlichen in Mode. Immer mehr Minderjährige landen nach dem Komasaufen in Kliniken. Wie gefährlich ist die Lage? von Von Maris Hubschmidt und Rainer Woratschka

Alkohol

Spirituosen stehen bei vielen Jugendlichen hoch im Kurs – immer mehr 14- bis 20-Jährige saufen sich ins Koma  |  © David Silverman/Getty Images

"Alarmierend“ seien die Ergebnisse des „Krankenhausreports 2009“, sagt der Chef der Gmünder Ersatzkasse (GEK), Rolf-Ulrich Schlenker. Und er meint das in doppelter Hinsicht. Zum einen steigt die Zahl der Jugendlichen, die sich systematisch ins Koma trinken. Und zum andern wirken selbst schwere Alkoholvergiftung und Klinikaufenthalt auf die Betroffenen kaum abschreckend. 17 Prozent der Befragten trinken auch danach weiter wie bisher oder sogar noch mehr als vorher, ergab eine Erhebung des Instituts für Sozialmedizin, Epidemiologie und Gesundheitssystemforschung in Hannover für die GEK. Und 83 Prozent der 14- bis 20-Jährigen gaben zwar an, dass sie nach der Klinikentlassung weniger trinken würden. Tatsächlich aber griffen sie immer noch häufiger zur Flasche und konsumierten "weit mehr“ Alkohol als Jugendliche ohne Komaerfahrung, heißt es in der Studie.

Wie viele Jugendliche müssen wegen Alkoholvergiftung ins Krankenhaus?

Ihre Zahl steigt kontinuierlich. Seit 1990 hat sie sich schon mehr als verfünffacht und zwischen 2002 und 2008 verdoppelt. Gerechnet auf 10.000 Versicherte kamen im vergangenen Jahr 37 Mädchen mindestens einmal zur Ausnüchterung ins Krankenhaus, 2002 waren es 18. Bei den Jungs stieg die Behandlungsrate sogar von 24 auf 52 Fälle. Unter den Klinikeinweisungen wegen Alkohol stellen die männlichen Jugendlichen bereits die zweitgrößte Gruppe – nach vorwiegend chronisch alkoholkranken Männern im Alter von 50 bis 54 Jahren. Bei den weiblichen Versicherten kommen die Jugendlichen zwischen 15 und 19 Jahren sogar auf den mit Abstand größten Anteil. Am häufigsten eingeliefert werden Jungs mit 17 und Mädchen mit 16 Jahren. Aber schon bei den 14-Jährigen kamen im vergangenen Jahr auf 10 000 Jugendliche zehn Alkoholvergiftungen. Im Jahr 2007 wurden 23 165 Volltrunkene zwischen 10 und 20 Jahren ins Krankenhaus gebracht.

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Wie hoch ist der Anteil alkoholkranker Patienten in den Kliniken?

Auch dieser Anteil steigt beständig. Seit 2007 sind psychische Störungen bereits für die meisten Behandlungstage verantwortlich. Sie haben Herz-Kreislauf-Erkrankungen als Hauptanlass für Klinikbehandlung abgelöst und machen 16,2 Prozent aller Behandlungstage aus. 1990 betrug dieser Anteil noch 8,2 Prozent. Und Verhaltensstörungen durch Alkohol bilden die häufigste Diagnose aus der Gruppe der psychischen Störungen.

Hat sich die Jugend verändert oder schlicht die Einlieferungspraxis?

Höhere gesellschaftliche Sensibilität bei Klinikeinweisungen könne eine Rolle spielen, räumt Schlenker ein. Wer den Anstieg aber allein darauf zurückführe, verharmlose die Entwicklung. Was sich verändert habe, sei das Trinkverhalten von immer mehr Jugendlichen. "Exzessiv“ ist es laut Studie. Man betrinke sich vorsätzlich, um "lockerer“ zu sein, "Spaß“ zu haben. Am einflussreichsten dafür seien Freunde und der Gruppendruck.

Was könnte den Trend stoppen?

Vor allem wird nach Zweierlei gerufen: mehr Verbote und rigidere Kontrollen. Um Händler aufzuspüren, die Minderjährige mit Alkohol versorgen, fordern Politiker und Suchtexperten etwa den Einsatz jugendlicher Testkäufer. Und Baden-Württemberg will nun den nächtlichen Alkoholhandel, vor allem in Tankstellen, unterbinden. Vorgesehen sind auch Trinkverbote in der Öffentlichkeit, Platzverweise und das Verbot von Flatrate-Angeboten in Kneipen. Auch die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) fordert den nächtlichen Verkaufsstopp. Nachts, so das Argument, werde Hochprozentiges vor allem von Jugendlichen gekauft, die bereits angetrunken seien und keine Vorräte mehr hätten. Das sei "gut gemeint“, sagt Schlenker. Helfen werden es aber nicht – weil es nur zu Ausweichverhalten führe. "Wir sollten lieber die Präventionskultur als ein Verbotsklima fördern.“ Er plädiert für einen "Mix aus jugendgerechter Information, Sportförderung und jugendärztlicher Betreuung“. Kommunen, Ärzte und Krankenkassen müssten noch enger zusammenarbeiten. Zudem sei eine "nationale Aufklärungskampagne“ gegen das Rauschtrinken nötig. Tonlage und Bildsprache könnten aus Schlenkers Sicht "ruhig etwas drastischer sein“. Als Vorbild empfiehlt er die Kampagne gegen Raser auf Autobahnen.

Leserkommentare
  1. Die Alkoholprobleme lassen sich durch Verbote nicht verhindern. Im Gegenteil sind Verbote Ausgangspunkt des Problems.

    Die Fragen die zu stellen sind folgende:

    1. Wieso können Jugendlich heute schlechter mit Alkohol umgehen als früher?
    2. Wieso ist Ihnen dass egal?

    Die erste Frage hat viel damit zu tun, dass der Alkoholumgang nicht mehr Gegenstand der Erziehung ist und vielfach Alkoholerfahrungen viel zu spät gemacht werden, aber auch dass in den Familien in denen traditionell der Umgang durch wirtschaftliche Knappheit bestimmt wurde, eine aktive Lernphase fehlt.

    Ebenso wie in meiner Jugend dürfen meine Kinder Alkohol probieren, auch schon im Grundschulalter (Natürlich nichts Hochprozentiges). Das nimmt dem Alkohol den Nimbus von etwas besonderem, schmecken tut er in diesem Alter jedenfalls nicht.
    Als Teenager dürfen sie auch mal am Schnaps nippen, in der Regel mit dem gleichen Ergebnis.
    Das erste mal betrunken sollten Jugendliche zu Hause sein. Bei mir war es mit 12 oder 13 die Sylvesterbowle, die ich bis heute nicht vergessen habe, wegen der unruhigen Nacht danach.

    Das alles zusammen, mit vernünftigen Argumenten zum Vernünftigen Umgang + gesundem Selbstbewußtsein hat jedenfalls in meiner Familie immer gereicht, um sich nicht zum Deppen zu machen.

    Der 2 Grund liegt in unserer Vorstellung und den Normen jugendlichem Lebens.

    Viele Jugendliche die Trinken haben eine geringes Selbstwertgefühl oder eine Egal Auffassung. Sie haben zwar hohen Schuldruck und wenig Zeit, sind aber Altergerecht völlig unterfordert, auf gut deutsch, sie werden solange in den Schulen mit Theorie zugedröhnt, das sie sowohl Motivation als auch Selbstachtung verlieren, wenn die Elternhäuser nicht die Fähigkeit, Zeit oder Kraft haben dem entgegenzuwirken.
    Denn nicht die Personen, sondern nur ihr Status, ihre formale, nicht reale Leistung wird in Deutschland beachtet. Alles nicht besonders geeignet entsprechende Persönlichkeiten zu fördern.

    H.

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    Ich wollte gerade zu einem langen Kommentar ansetzen, aber einen Grossteil dessen was ich schreiben wollte hat hermann.12 schon hervorragend dargestellt. Ausgezeichneter Text, danke!

    Ich habe ebenfalls als Jugendlicher die Erfahrung gemacht, dass die Entmystifizierung, das Erlauben des Nippens und damit sogar verbundener Ekel/Nichtgenuss, dazu gefuehrt haben, dass ich gar keinen Anreiz gesehen habe, Alkohol exzessiv zu mir zu nehmen.
    Dass Verbote, Preiserhoehungen etc. eben nicht funktionieren, jedenfalls nicht dauerhaft, sieht man in unseren skandinavischen Nachbarlaendern sehr deutlich. Das geplante Besaeufnis, das hier als neue Entwicklung dargestellt wird, ist z.B. in Schweden schon lange Normalitaet - trotz hoeherer Alkoholpreise, Einkaufsbeschraenkung und enormer Aufklaerungskampagnen. All das zieht nicht, weil Alkohol damit zum Verbotenen, Besonderen wird. Und man sollte in diesem Zusammenhang auch nicht vergessen, dass dies finanziell nicht nur zum Schaden des Staates ist... Kurz: Den Fehler, Massnahmen zu treffen die keine Wirkung zeigen, sondern nur auf dem Papier gut aussehen, brauchen wir nicht noch einmal zu machen. Bitte nicht auch noch hier in Deutschland!

    Zum zweiten Punkt moechte ich jedoch noch etwas hinzufuegen: In der Tat scheint auch mir das Selbstbewusstsein, das Selbstbild der Jugendlichen der Haken zu sein. Und dieses Problem geht leider weit ueber die Alkohol-Thematik hinaus, umfasst ebenso Magersucht, Computerspielsucht, Drogen aller Art, Risikolust etc. Sicher ist das Elternhaus da gefordert. Aber das alleine wird nicht reichen. Wenn beide Elternteile von morgens bis abends arbeiten muessen, um die Familie mit Ach und Krach finanziell ueber Wasser zu halten, wird frueher oder spaeter nicht alles hundertprozentig klappen in der Erziehung. Daher ist auch eine gesamtgesellschaftliche Veraenderung der Wahrnehmung und Behandlung von Jugendlichen noetig. Wie bereits beschrieben, ist unsere Art der Forderung von Jugendlichen nicht angemessen, waehrend Persoenlichkeitsentwicklung an anderen Stellen Not tun wuerde. Es muessten neue Wege gefunden werden, Jugendliche in die Gesellschaft zu integrieren, sie gleichzeitig zu fordern und auch zu achten und schaetzen. Heute gehen sie zum Schwimmunterricht, lernen Trompete und Kung-Fu, aber haben eben nicht diese Erfahrung mit der Gesellschaft.

    Viele Wege waeren denkbar, um unser Land in diese Richtung weiterzuentwickeln. Ich persoenlich faende es beispielsweise eine gute Idee, wenn es gesetzlich geregelt wuerde, dass alle Jugendlichen einige Stunden pro Woche Sozialdienst leisten sollten. (Ja, nun wird der Aufschrei gegen Kinderarbeit kommen, aber wie sehr unterscheidet sich eine solche zweistuendige Pflicht von Hausaufgaben oder Sportunterricht?) In einem solchen Dienst koennte der Umgang mit anderen Menschen erlernt werden, das Verstaendnis gefoerdert und das eigene Selbstwertgefuehl erhoeht angesichts der erbrachten gesellschaftlichen Leistung - mit der Nebenwirkung einer Entlastung von extrem ueberfordertem Pflegepersonal.

  2. verbote scheinen nutzlos, bzw. jede gesetzgebung ist völlig wirkungslos, solange die eltern nicht ihre verantwortung wahrnehmen.
    erziehung, und dazu gehört auch der umgang mit (und ohne ;-)) drogen, findet immer noch zuhause statt.

  3. Die Lage ist u.a auch deshalb so gefährlich weil die Drogenproduzenten nach wie vor nicht an den Sozialen Unkosten "beteiligt" werden die die Nutzung ihrer Produkte nach sich zieht.

    Einfach einen Teil des Umsatzes der Suchtmittelindustrie zu Gunsten der Gemeinschaft aufwenden so das die Rehabilitierung und andere von allen aufgewendeten Kosten sozialverträglich ausgeglichen werden.

    ;-)

    “When I give food to the poor, they call me a saint. When I ask why the poor have no food, they call me a communist." — Dom Hélder Câmara

    • Ranjit
    • 05. August 2009 17:54 Uhr

    1. Totales Werbeverbot für Alkohol.

    Alkohol wird immernoch als "sexy" und "gesellig" vermarktet. Und beide Werte gelten als dogmatisch absolute Zielgrößen. Schade nur, das Alkohol weder sexy noch wirklich gesellig macht. Er enthemmt nur. Werbung (und auch viele Filme) simulieren eine soziale Akzeptanz, die es so gar nicht gibt. Alkohol in der Öffentlichkeit ist tabu und ein Zeichen für sozialen Abstieg. Und so cool Saufparties auch sein mögen, wer in der Schule, Uni oder am Arbeitsplatz nicht wieder topfit und völlig nüchtern ist, fällt sofort negativ auf.

    2. Alkoholkonsum muss wieder von einem Muss zu einer Möglichkeit werden.

    Häufig erscheint Alkohol nicht normal, sondern sogar erforderlich für jede Art von sozialer Zusammenkunft. Wenn ich aber trinken müsste, um meine Kumpels unterhaltsam zu finden, dann ist die Lösung nicht die Flasche, sondern ein neuer Freundeskreis. Und wenn ich erst nach zwei, drei Bier Themen finde, über die ich reden möchte, dann ist es an der Zeit sich ein Leben zuzulegen.

    3. Umlegen sämtlicher direkter und indirekter Kosten von Alkoholsucht, Unfälle durch Alkoholeinwirkung, Gewalttaten durch Alkoholeinwirkung etc. auf die Hersteller Alkoholischer Getränke.

    Simple Marktwirtschaft. Die Hersteller alkoholischer Getränke verursachen enorme volkswirtschaftliche Schäden. Diese Schäden zu internalisieren und den Herstellern anzulasten dient ihnen als Anreiz bei Alkoholkonzentrationen und Marketingmaßnahmen verantwortungsvoller zu agieren. Zusätzlich ist es wohl fairer, die Hersteller (und damit zum Teil deren Kunden) zahlen die Zeche, als das Gemeinwesen zu belasten.

    Nur als Beispiel: Alkohol am Steuer; Unfall bei dem ein Familien PKW mit einbezogen wird

    - Kosten für Polizei und Krankenwagen
    - Kosten der Autos
    - Kosten für die Beseitigung der Autos und der Schäden an der Fahrbahn
    - Kosten im Krankenhaus
    - Kosten für Rehabilitation
    - ggf. Kosten für psychologische Betreuung und Behandlung der Unfallopfer
    - ggf. Kosten für Pflege über Jahrzehnte hinweg!
    - ggf. Kosten durch Arbeitsunfähigkeit einiger oder aller Beteiligter

    Und an all diesen Kosten ist die Allgemeinheit beteiligt. (Ja, sogar an den Autos, denn zumindest das Unfallopfer bekommt ja Geld von der Versicherung, was wiederum die Beiträge erhöht) Wir diskutieren über das Für und Wider einer Kulturflatrate, dabei sind die Kosten, die Alkohol verursacht wahrscheinlich genug, um sie für uns alle zu bezahlen.

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    • Gerry10
    • 05. August 2009 18:17 Uhr

    1. Stimme voll und ganz zu.
    2. Stimme voll und ganz zu.
    3. Nein, Nein und noch einmal Nein.
    Wollen Sie auch die Bauern dafür verantwortlich machen das die Zahl der Übergewichtigen so sehr zugenommen hat?
    Die haben immerhin die Schweine, Rinder usw. aufgezogen.
    Sollen die für Herzoperationen und Schlaganfallkuren bezahlen?
    Es sind deren Produkte die uns krank machen.
    Natürlich würde es helfen wenn so mancher - auch ich - die Gabel früher zur Seite legt, aber das gleiche gilt auch für die Schnapsflasche.

    Ich würde die Idioten die sich sinnlos besaufen müssen dafür zahlen lassen.
    Und wenn es sich um minderjährige handelt dann deren Eltern.

    • Gerry10
    • 05. August 2009 18:17 Uhr

    1. Stimme voll und ganz zu.
    2. Stimme voll und ganz zu.
    3. Nein, Nein und noch einmal Nein.
    Wollen Sie auch die Bauern dafür verantwortlich machen das die Zahl der Übergewichtigen so sehr zugenommen hat?
    Die haben immerhin die Schweine, Rinder usw. aufgezogen.
    Sollen die für Herzoperationen und Schlaganfallkuren bezahlen?
    Es sind deren Produkte die uns krank machen.
    Natürlich würde es helfen wenn so mancher - auch ich - die Gabel früher zur Seite legt, aber das gleiche gilt auch für die Schnapsflasche.

    Ich würde die Idioten die sich sinnlos besaufen müssen dafür zahlen lassen.
    Und wenn es sich um minderjährige handelt dann deren Eltern.

    Antwort auf "Intervention"
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    • Ranjit
    • 05. August 2009 19:58 Uhr

    Ich verstehe ihr Argument. Meine Überlegung war nur Folgende:

    Die Schäden die Entstehen sind enorm. Getragen werden sie aber nicht von jenen, die sie verursachen, sondern von allen.
    Man könnte nun an den Kunden selbst ansetzen und sie zur Kasse bitten bzw. ihnen gewisse Leistungen nicht gewähren. Das wäre aber doch recht Krass und würde einige extrem schwehr treffen.
    Daher erscheit es mir angebrachter, die Kosten den Herstellern anzulasten.

    Dies ist anders, als bei Bauern, da:
    1. Die Hersteller durch Marketing, PR und Produktdesign zu übertriebenen und zu häufigem Alkoholkonsum anregen.
    2. Das Produkt direkt psychologisch und körperlich suchterzeugend ist.

    Gerade der zweite Punkt hat m.E. Gewicht, da ihre Argumentation als zugrunde liegende Annahme den autonomen, zu freier Entscheidung fähigen Menschen hat. Sucht hebelt dies jedoch aus (mal angenommen, das es freie Entscheidungen überhaupt geben kann).

    Wir lagern schließlich auch die "Schäden" durch Privatkopien um, auf die Hersteller von CD-Brennern, Kassettenrecordern usw. Da erscheint es mir rationaler, die Hersteller alkoholischer Getränke zu belangen.

  4. Ich wollte gerade zu einem langen Kommentar ansetzen, aber einen Grossteil dessen was ich schreiben wollte hat hermann.12 schon hervorragend dargestellt. Ausgezeichneter Text, danke!

    Ich habe ebenfalls als Jugendlicher die Erfahrung gemacht, dass die Entmystifizierung, das Erlauben des Nippens und damit sogar verbundener Ekel/Nichtgenuss, dazu gefuehrt haben, dass ich gar keinen Anreiz gesehen habe, Alkohol exzessiv zu mir zu nehmen.
    Dass Verbote, Preiserhoehungen etc. eben nicht funktionieren, jedenfalls nicht dauerhaft, sieht man in unseren skandinavischen Nachbarlaendern sehr deutlich. Das geplante Besaeufnis, das hier als neue Entwicklung dargestellt wird, ist z.B. in Schweden schon lange Normalitaet - trotz hoeherer Alkoholpreise, Einkaufsbeschraenkung und enormer Aufklaerungskampagnen. All das zieht nicht, weil Alkohol damit zum Verbotenen, Besonderen wird. Und man sollte in diesem Zusammenhang auch nicht vergessen, dass dies finanziell nicht nur zum Schaden des Staates ist... Kurz: Den Fehler, Massnahmen zu treffen die keine Wirkung zeigen, sondern nur auf dem Papier gut aussehen, brauchen wir nicht noch einmal zu machen. Bitte nicht auch noch hier in Deutschland!

    Zum zweiten Punkt moechte ich jedoch noch etwas hinzufuegen: In der Tat scheint auch mir das Selbstbewusstsein, das Selbstbild der Jugendlichen der Haken zu sein. Und dieses Problem geht leider weit ueber die Alkohol-Thematik hinaus, umfasst ebenso Magersucht, Computerspielsucht, Drogen aller Art, Risikolust etc. Sicher ist das Elternhaus da gefordert. Aber das alleine wird nicht reichen. Wenn beide Elternteile von morgens bis abends arbeiten muessen, um die Familie mit Ach und Krach finanziell ueber Wasser zu halten, wird frueher oder spaeter nicht alles hundertprozentig klappen in der Erziehung. Daher ist auch eine gesamtgesellschaftliche Veraenderung der Wahrnehmung und Behandlung von Jugendlichen noetig. Wie bereits beschrieben, ist unsere Art der Forderung von Jugendlichen nicht angemessen, waehrend Persoenlichkeitsentwicklung an anderen Stellen Not tun wuerde. Es muessten neue Wege gefunden werden, Jugendliche in die Gesellschaft zu integrieren, sie gleichzeitig zu fordern und auch zu achten und schaetzen. Heute gehen sie zum Schwimmunterricht, lernen Trompete und Kung-Fu, aber haben eben nicht diese Erfahrung mit der Gesellschaft.

    Viele Wege waeren denkbar, um unser Land in diese Richtung weiterzuentwickeln. Ich persoenlich faende es beispielsweise eine gute Idee, wenn es gesetzlich geregelt wuerde, dass alle Jugendlichen einige Stunden pro Woche Sozialdienst leisten sollten. (Ja, nun wird der Aufschrei gegen Kinderarbeit kommen, aber wie sehr unterscheidet sich eine solche zweistuendige Pflicht von Hausaufgaben oder Sportunterricht?) In einem solchen Dienst koennte der Umgang mit anderen Menschen erlernt werden, das Verstaendnis gefoerdert und das eigene Selbstwertgefuehl erhoeht angesichts der erbrachten gesellschaftlichen Leistung - mit der Nebenwirkung einer Entlastung von extrem ueberfordertem Pflegepersonal.

    Antwort auf "falsche heile Welt"
    • outis
    • 05. August 2009 19:25 Uhr

    In meiner Jugend wurde auch getrunken. Auf dem Land gehörte es zur männlichen Sozialisation, auf der Kirmes, dem Schützenfest, dem Jahrmarkt von älteren abgefüllt zu werden. Das mag man finden, wie man will.
    Neu ist allerdings der gesellschaftliche Drang, den Bürger durch Verbote, Umerziehungskampagnen, Besteuerung und allerelei volkspädagogische Maßnahmen zu gängeln. Erziehung hat Familien und Schulen stattzufinden. Ist der Bürger diesen Bevormundungssystemen entwachsen hat er als mündig zu gelten und muss in Ruhe gelassen werden. Es steht im frei sich zu Schanden zu saufen. Das ist seine Sache, nicht die des Staates.

    Dieu me pardonnera, c'est son metier.(Heine)

    • Ranjit
    • 05. August 2009 19:58 Uhr

    Ich verstehe ihr Argument. Meine Überlegung war nur Folgende:

    Die Schäden die Entstehen sind enorm. Getragen werden sie aber nicht von jenen, die sie verursachen, sondern von allen.
    Man könnte nun an den Kunden selbst ansetzen und sie zur Kasse bitten bzw. ihnen gewisse Leistungen nicht gewähren. Das wäre aber doch recht Krass und würde einige extrem schwehr treffen.
    Daher erscheit es mir angebrachter, die Kosten den Herstellern anzulasten.

    Dies ist anders, als bei Bauern, da:
    1. Die Hersteller durch Marketing, PR und Produktdesign zu übertriebenen und zu häufigem Alkoholkonsum anregen.
    2. Das Produkt direkt psychologisch und körperlich suchterzeugend ist.

    Gerade der zweite Punkt hat m.E. Gewicht, da ihre Argumentation als zugrunde liegende Annahme den autonomen, zu freier Entscheidung fähigen Menschen hat. Sucht hebelt dies jedoch aus (mal angenommen, das es freie Entscheidungen überhaupt geben kann).

    Wir lagern schließlich auch die "Schäden" durch Privatkopien um, auf die Hersteller von CD-Brennern, Kassettenrecordern usw. Da erscheint es mir rationaler, die Hersteller alkoholischer Getränke zu belangen.

    Antwort auf "Intervention"

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