Frage: Herr Graf, Herr Kohlhaase, vor 20 Jahren fiel die Mauer. Wie weit weg ist das Ereignis, wie nah ist es Ihnen noch?

Dominik Graf: In gewisser Weise ist es wie gestern, nur dass die kulturelle Blockbildung sich verlagert hat. Wenn Ost und West zwei sich feindlich gegenüberstehende Lebens- und Kulturformen waren – eine streitbare Prämisse –, dann haben sich diese Blöcke wie tektonische Platten ineinandergeschoben. Heute gibt es den östlichen Wessi und den westlichen Ossi. Geblieben sind unterschiedliche Vorstellungen davon, wie man Deutschland darstellen kann, auch von Film- und Fernsehunterhaltung. Wir lachen wohl bis heute anders.

Wolfgang Kohlhaase: Für viele von uns aus der DDR war der Realitätswechsel ein Problem, meist ein stilles, kein lautes Problem. Mancher Kollege hätte nach dem Mauerfall noch viel zu erzählen gehabt, aber das Thema war plötzlich weg. In der DDR konnte man bestimmte Filme nicht machen, nun musste man sie nicht mehr machen. Weil alle mit neuen Erfahrungen beschäftigt waren.

Frage: Andreas Dresen hat in der ZEIT geschrieben, es gebe keine vereinte Filmnation. Der Defa-Film ist untergegangen, die westliche Filmindustrie ist übrig geblieben.

Kohlhaase: Die Wende bedeutete den Wechsel von einer Geschwindigkeit in eine andere. Das Kino wurde in Osteuropa ja subventioniert wie die Oper; der Staat war der Produzent, der seine Interessen bekunden konnte. Das Kino in eine Art Erziehungsanstalt zu verwandeln, war aber ein zu schmaler Gedanke, obwohl er zuversichtliche Anhänger hatte. Die staatlich finanzierte Produktion wiederum war ökonomisch die einzige Möglichkeit, Filme zu machen. 17 Millionen DDR-Bürger oder zehn Millionen Ungarn, in so kleinen Ländern konnten sich Filme nicht amortisieren.

Graf: Im Westen ist nach dem Fall der Mauer auch einiges untergegangen, was bis dahin eine langsamere Geschwindigkeit hatte. Untergegangen nicht wegen der Wende, sondern weil man sie zum Anlass für eine groß angelegte Neustrukturierung nahm. Alles, was im Fernsehen nicht mehr ins großdeutsche Format zu passen schien, wurde abgeräumt, nach dem Motto: Wenn wir die Ex-DDR auf Vordermann bügeln, können wir bei uns gleich weitermachen. 1989 ist nicht nur die Mauer gefallen, sondern auch eine Zurückhaltung, ein Respekt gegenüber der alten BRD-Kultur. Von den Hochschulen bis zum öffentlich rechtlichen Fernsehprogramm, alles wurde von Funktionärsgremien und Marktforschern neu mit Stahlschienen durchstrukturiert.

Frage: Sie haben von 1974 bis 1979 an der Münchner Filmhochschule studiert. Bekamen Sie dort Defa-Filme zu sehen?

Graf: Überhaupt nicht, null. Die Berlinale war voll von osteuropäischen Filmen, aber diese verdienstvolle Bemühung hat unsereins mit Missachtung gestraft. Bei mir war das Interesse erst geweckt, als ich merkte, da geht etwas komplett unter. Erst während des sichtbaren kulturellen Verfalls der osteuropäischen Filmkulturen begriff ich etwas von der ungarischen Filmschule aus der Zeit nach der Niederschlagung des Ungarn-Aufstands 1956. 1986 hatte ich Ete und Ali von Peter Kahane mit Jörg Schüttauf gesehen: eine wunderbar schlichte Erzählung von einer Freundschaft, ein von Bedeutungsballast befreiter, alltäglicher Ton. Etwas Ähnliches versuchten ich und andere im Westen auch gerade.

Frage: Solo Sunny von Konrad Wolf und Kohlhaase kannten Sie nicht?