Film Sommer vorm BetonSeite 4/4
Graf: Ich gehörte zu den Westlern, die den Osten nur von der Transit-Autobahn kannten: Leipziger Tiefebene, Nebelfahrten, der Schriftzug "Plaste und Elaste aus Schkopau", das war alles. Genau das verschwand gerade, als ich 1992 bei Leipzig den Treuhand-Thriller Morlock mit Götz George drehte. Ich hatte das Gefühl: In dem Augenblick, in dem ich dieses Land nun betreten darf, zieht es sich wie erschrocken zurück, wegen des Hordenkapitalimus, von dem es heimgesucht wurde. So ging es mir dort jedes Mal: Ich wollte etwas bewahren, was kaputt gemacht wurde – und sei es nur mein privates sentimentales Bild von der DDR.
Frage: Der erste große Film über den Mauerfall war Margarethe von Trottas Das Versprechen von 1995. Später gab es die Ostalgie-Welle mit Good Bye, Lenin!, und zuletzt prägte das Stasi-Drama Das Leben der Anderen unser DDR-Bild im Kino.
Graf: Es hat auch mich überrascht, dass so viele westdeutsche Regisseure Ostfilme drehten. Vielleicht war es Trotz: Alle sagten einem, du warst nicht dabei, also halt den Mund. Das habe ich auch bei Der rote Kakadu erlebt. Die Alternative zur subjektiven Geschichtswahrnehmung sind dann wohl die von HistorikerQuartetts abgesegneten History-Dramen mit ihrer kreischenden Buchstabentreue. Über die Nazi-Zeit gibt es viele davon: Schullektionen über unsere Vergangenheit mit Zeitzeugen für die behauptete Authentizität. Aber dass es auch eine innere Realität, eine innere Wahrheit gibt, das ist uns im Umgang mit deutscher Geschichte nicht geläufig.
Kohlhaase: Ich sage gerne scherzhaft, am genauesten wird mir die DDR von Leuten aus dem Schwarzwald beschrieben. Es gibt schon eine Art filmischen Problemtourismus. Das Kino schuldet dem Zuschauer nicht die minutiöse Rekonstruktion von Tatsachen, sondern einen Vorschlag. Der Film Das Leben der Anderen zum Beispiel hat ein brauchbares Motiv: "Aus Saulus wird Paulus." Die Details sind nicht so verlässlich. Die Kolportage hat ihre Regeln, wenn sie aus Wirklichkeit Unterhaltung fabriziert. Aber dieser Film liefert die Kolportage, als wäre sie wahr, an die unerledigte Wirklichkeit zurück, die damit nicht beschrieben ist. Sich anhand von Casablanca den Zweiten Weltkrieg erklären zu lassen, wäre auch problematisch.
Graf: Wobei es bei Casablanca eine klare Genreverabredung gibt. Dem Stasi-Offizier als gewendetem Engel in Das Leben der Anderen haftet dagegen ein "Das war möglich!"-Authentizitätsgehabe an. Der Film möchte recht haben, das macht ihn unglaubwürdig.
Kohlhaase: Montaigne hat gesagt, ich lehre nicht, ich erzähle. Oft schreibe ich so etwas wie kleine Prosa: Die Leute, von denen ich zu erzählen versuche, sind letztlich meine Nachbarn. Mit denen ist im Lauf der Jahre so viel geschehen, so viel Banales, Unglaubliches, Bemerkenswertes. Man sieht aus dem Fenster oder in den Spiegel, die Weltgeschichte kommt schon vorbei. Solange die Leute sich Geschichten erzählen, gibt es Menschlichkeit.
Das Gespräch führte Christiane Peitz
- Datum 03.08.2009 - 14:43 Uhr
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- Quelle ZEIT ONLINE, Tagesspiegel
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Das Problem des deutschen Filmes ist seit Jahrzehnten zumindest im "Westen" immer das selbe:
es gibt entweder (langweiligen) Klamauk oder es muss immer ganz großes Drama sein mit Darstellern die außer "traurig" nur "besonders traurig" schauen können. Und alles immer ganz depressiv und melancholisch.
Ich kann jeden verstehen der lieber "Hollywood" schaut. Entgegen der eindimensionalen Kritik am amerikanischen Film ist dieser nämlich alles andere als Eindimensional. Dass bloß die großen Blockbuster beworben und darum bekannt werden ändert daran nichts. Wenn ich an Independentfilme wie "Donnie Darko" denke, die haben mich nie mehr losgelassen. Einer von den deutschen Jammerfilmen hat das noch nicht geschafft.
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