Schweinegrippe Erst das Abi, dann das Virus
Die Familie hatte schon Witze gemacht: Ha, Lloret de Mar, Hochburg der Schweinegrippe! Dann kam die Tochter von der Abifahrt aus Spanien zurück. Und hustete

© Cate Gillon/Getty Images
Zu den Partys in Lloret de Mar zieht es viele junge Leute
Im Nachhinein fragt man sich natürlich, warum es ausgerechnet Lloret de Mar sein sollte. Tja, sagt sie, wir waren einfach spät dran. 30 junge Reiselustige vom Abiturjahrgang des Zehlendorfer Dreilinden-Gymnasiums. Da haben sie sich an einen Komplett-Veranstalter gewandt. Bitte einmal das ganze Paket.
Das Paket für den Jahrgang Abi 09 enthielt auch die Schweinegrippe 09. Isabelle Wagner sitzt auf der weinüberwucherten Terrasse im Garten ihrer Eltern, die Füße in geblümten Clogs, sie darf jetzt wieder Kontakt zu Menschen haben. Der Sommer, in dem sie Abitur machte, ist der Sommer, in dem die als Schweinegrippe bekannte Amerikagrippe Deutschland erreichte.
Als Damoklesschwert hing das Szenario einer weltweiten Pandemie in der Luft, seitdem das Virus im April Mexiko-Stadt lahmgelegt hatte. Das öffentliche Leben brach zusammen, die Menschen gingen nur mit Mundschutz auf die Straßen, bis heute starben in Mexiko 138 Menschen. Was, wenn in einer globalisierten Welt die Gesundheit aller Menschen genauso zusammenhing wie das Finanzsystem? Die Angst vor dem Virus verbreitete sich schneller als das Virus selbst. Die Pharmakologen arbeiten, wenn man das sagen darf, fieberhaft an einem Impfstoff, der ab Herbst verfügbar sein soll. In Israel, Saudi-Arabien und Hongkong starb in der vergangenen Woche je ein Mensch. Von einem Tag auf den anderen ist in Deutschland die Zahl der offiziell Infizierten um 653 Personen auf 4445 angestiegen.
Isabelle Wagner fühlte sich am Rückreisetag aus Lloret de Mar kraftlos, ihre Stimme war rauchig und rau. Ihre Maschine hatte Verspätung, und mit jeder Stunde, die sie warten musste, wurde sie matter. Übliche Symptome einer Abifahrt, dachte sie. Aber dann setzten die Gliederschmerzen ein. Bei Easyjet gab es Turbulenzen und keine Decken. Sie fror. Die Eltern ihres Freundes holten sie am Freitag, dem 17. Juli, in Berlin vom Flughafen ab. Als sie nach ein Uhr nachts in Zehlendorf ankam, gab sie dem dringenden Bedürfnis nach einer Dusche nach und fiel ins Bett.
Sie hatten ja schon Witze gemacht in der Familie. Ha, Lloret de Mar, Hochburg der Schweinegrippe! Es stand im Internet überall, wie das Virus von dort bereits nach Hilden, Dortmund, Frankfurt und Viersen kam. Wie es aussah, war die Schweinegrippe auf dem besten Wege, wieder eine spanische zu werden.
Am Samstagmorgen ging es ihr übel. Ihr Vater konnte ihr das Fieber ansehen. Das Thermometer zeigte über 39 Grad. Der Vater versuchte, die Nummer einer Info-Hotline herauszufinden. Er fand zwei, die aber nur unter der Woche geschaltet waren.
Keine willenlose Partybiene
Isabelle Wagner, 20, Leistungskurse Englisch und Kunst, die jetzt in Zehlendorf einen Tag im Bett verbrachte, ist keine willenlose Partybiene. Sie fand es kurios, mit ihrer Abiturklasse an einen Ort zu fahren, an den sie freiwillig nie führe. Einen fertigen Urlaub zu buchen, wie sie das sonst nie täte. Und sie sah die merkwürdigsten Dinge. Am Strand gruppierten sich englische Familien in drei Generationen: knallrot, aber blau. Die Omas, sagt Isabelle, die waren von innen desinfiziert. Vor ihrem Stammclub, dem Aztek, saß abends immer eine aufgetakelte Frau. Irgendwann ging sie hinein, zog sich aus, tanzte nackt um eine Stange herum und setzte sich wieder draußen hin. Dieser Ort hatte befremdliche Routinen. Und keine Frage, dass eine Abifahrt per se die Immunabwehr schwächt: die Partys, der Alkohol, der fehlende Schlaf, die pralle Sonne.
Es hängt vor allem vom Verhalten der Betroffenen ab, sagt man, wie sich das Virus ausbreitet.
In Zehlendorf analysierten sie die Lage. Weder Isabelle noch ihr Vater waren aufgeregt. Einerseits war, was immer es gewesen war, schon auf dem Rückzug. Das Fieber fiel am Samstagabend, statt zu steigen. Ganz ohne jedes Medikament. Andererseits hatte sie alle Symptome der Schweinegrippe. Sie kam gerade aus einem "Risikogebiet". Und sie würde demnächst anfangen, für einen Sommerjob auf einem Ponyhof zu arbeiten, wo sie täglich für 50 Kinder Essen machen sollte. Das gab den Ausschlag. In einer Mischung aus Neugier und Verantwortungsgefühl gingen Isabelle und ihr Vater am Sonntag in die Notaufnahme des Behring-Krankenhauses in Zehlendorf. Man wies ihnen einen Quarantäneraum zu, wo sie sich mit Mundschutz gegenübersitzen sollten. Das war natürlich lustig, wo sie doch zuvor zusammen zu Hause gewesen waren, ganz ohne Schutz. Es war lustig, wie die Ärztin am langen Arm einen Abstrich nahm aus Mund und Nase für drei Proben. Aber der Schnelltest, erfuhren sie, war negativ. Kein Virus nachgewiesen. Sie meinten, auf dem Gesicht der Ärztin Enttäuschung zu entdecken. Für den gründlichen Test sollten die Proben an das Robert-Koch-Institut weitergeleitet werden. Man würde sie am nächsten Tag anrufen.
Als sie am nächsten Tag nichts hörten, riefen sie selbst beim Institut an. Welche Proben? Es seien keine angekommen. Das Krankenhaus hatte sie nicht weitergeschickt. Isabelles Vater machte Druck. So ging es ja nun nicht. Schließlich handelte es sich um eine Pandemie.
Isabelle unterdessen, frei, ihr Schnelltest negativ, fuhr zum Kurfürstendamm einkaufen und zu "Pflanzen Kölle". Sie lief an hunderten Menschen vorbei. Sie sah ihren Freund und Harry Potter im Kino: wieder Dutzende Menschen. Am Dienstagnachmittag klingelte beim Vater das Handy: Schweinegrippe, jetzt doch. Der Verdacht, die Erkrankung und der Todesfall sind meldepflichtig. Deshalb hatte das Gesundheitsamt des Bezirks Steglitz-Zehlendorf ihre Nummer. Sie sollte sofort in häusliche Quarantäne. Den Kontakt zu Menschen abbrechen.
"Wenn man zwei erwachsene Kinder hat, kriegt man so eine einfache Tröpfcheninfektion in den Griff", sagt der Vater. Die Tochter sollte von nun an in ihre Ellenbeuge husten. Sie sagte dem Ponyhof ab. Keiner fasste sie mehr an.
- Datum 30.07.2009 - 15:27 Uhr
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- Quelle ZEIT ONLINE, Tagesspiegel
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Angesichts der zahlreichen dokumentierten, überhaupt erst durch Tamiflu verursachten zusätzlichen Komplikationen halte ich es für weit sicherer, die Wiedergesundung der normalen Widerstandsfähigkeit des eigenen Körpers zu überlassen, solange nicht krankenhausreife Fälle vorliegen. Und natürlich impfen lassen, sobald im Herbst die Impfstoffe erhältlich sind.
Künstliche Eselsbrücken sind kaum zu empfehlen. In Toronto wurde ein 18jähriger Junge wegen Atembeschwerden mit künstlicher Beatmung versorgt. Doch nach vier Wochen stellte sich heraus, dass er von nun an ohne künstliche Beatmung überhaupt nicht mehr existieren kann, weil sich sein Körper inzwischen darauf eingestellt hat.
Sag mal Zeit,
habt ihr jetzt eine gemeinsame Redaktion mit "die Bunte"?
Wenn man es an der sog. "Dienstwagenaffäre" noch nicht gesehen hätte, würde man spätestens jetzt merken, dass das Sommerloch angekommen ist: Eine aus Spanien mitgebrachte Grippe ist der ZEIT zwei Bildschirmseiten wert. Aber immerhin schön, dass es nichts Schlimmeres zu berichten gibt...
genau liebe Zeit, wie sieht es eigentlich im Gaza-Streifen aus?
Rechtliche Immunität für die Hersteller von Schweinegrippe-Impfstoffen
Schade, dass das hier nicht Usenet ist...
Trotzdem:
*plonk*
Man muss diesen Artikel im richtigen Kontext betrachten. Ich finde ihn eine sehr gute Darstellung, wie lächerlich diese übertriebene Hysterie war und ist.
Das man audpassen muss und spontane Mutation eines solchen Virus sehr gefährlich sein kann stimmt schon, aber diese veranstaltete Hysterie und die ausgemalten Pandemieszenarien glichen eher Potemkinschen Dörfern.
Nutznieser ;-) sind eigentlich nur die Pharmakonzerne.
Von höherer Warte betrachtet, ist das Ganze nicht uninteressant. Es zeigt, wie eine Gesellschaft mit technologischem Machbarkeitsglauben als Staatsreligion schon von einem banalen Allerweltsereignis wie einer ansteckenden Krankheit an ihre ideologische Grenze gebracht wird.
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