Schweinegrippe Erst das Abi, dann das VirusSeite 2/2
Prinzessinnenhafte Tage
Viele aus Isabelles Stufe haben sich testen lassen, nur mal zur Vorsicht. Andere haben private Tamiflu-Vorräte angelegt. Nur von einem Mitschüler weiß sie sicher, dass es ihn auch erwischt hat. Die anderen machten sich eher lustig.
Für sie, die keine Lebensmittel mehr berühren durfte, begannen einige prinzessinnenhafte Tage. Der Tisch deckte sich für sie, es wurde abgeräumt, sie vergrub sich in Zadie Smiths "On Beauty".
Es hängt auch vom Zufall ab, wie sich die Seuche ausbreitet. Wer wo mit welcher Sorgfalt testet. Was in der Zeit bis zur Diagnose geschieht.
Der Vater, der sieben Tage nach dem letztmöglichen Infektionstermin durch seine Tochter theoretisch selbst noch ein Risiko ist, auch wenn bei ihm keine Symptome auftauchten, versuchte zu rekonstruieren, wo sie sich angesteckt haben könnte. Wo war sie mit vielen Leuten zusammen gewesen? Tja, eigentlich immer. Wenn sie durch den Bilder-Ordner ihres Computers klickt, sind da nur Gruppen drauf. Am Strand, im Club, am Strand, im Club, am Strand, im Club. Sie hat sich mit ihren Freunden einen Eimer Wodka-Red-Bull geteilt. Am letzten Abend ist sie zu einer Schaumparty gegangen. Darauf konzentriert sich jetzt der Verdacht. Da schießt in regelmäßigen Abständen aus einer Kanone Schaum aufs Publikum. Alles ist feucht, das Zeug glitscht überallhin, "ein idealer Ort".
Isabelle ist als Kind fast nie krank gewesen. Erst in den vergangenen Jahren hatte sie sich jeweils im Urlaub im Ausland etwas eingefangen: das Pfeiffer’sche Drüsenfieber in Rom, im vergangenen Jahr eine hinterhältige Blasenentzündung in der Türkei. Beide Infektionen waren um Längen schlimmer als ihre aktuelle Grippe. Auch jetzt ist es so, dass es denjenigen aus der Stufe, die an einer normalen Grippe erkrankt sind, sehr viel schlechter geht als ihr. Der Vater vermutet, die Hysterie komme daher, dass es "endlich mal ein Virus gibt, das funktioniert". Eines, das nachweisbar ist. Nicht so ein Fehlalarm wie bei der Vogelgrippe. Klar, dass alle darauf anspringen. Auch die Pharmaindustrie freut sich. "Schwierig wird es nur, wenn das Virus mutiert." Bis dahin solle man jetzt nicht überreagieren.
Grippe verwandelt das Haus in eine Idylle
Draußen im Land herrscht dagegen Aufregung in allen Abstufungen. Man zählt die Fälle. Die Krankenkassen haben nichts Besseres zu tun, als sich für die Impfkosten für nicht zuständig zu erklären. In Berliner Gefängnissen wird Besuchern die Temperatur gemessen. In Mannheim, Baden-Württemberg und Bayern schlossen Schulen. Die Hotline des Bundesgesundheitsministeriums ist dauerbesetzt. Und dann gibt es auch noch die Menschen, die "Schweinegrippe-Partys" veranstalten, um sich anzustecken. Immer in der Hoffnung, dass sie nach einem milden Verlauf der Krankheit, wie er jetzt gerade stattfindet, für eine zweite Welle immun sind. Dabei verbreiten sie nur das Virus, womit sich die Gefahr für eine Mutation erhöht.
Den Wagner’schen Haushalt verwandelte die Grippe dagegen in eine Idylle. Der Vater, den die Tochter unter "workaholic" führt, beschloss, solange er ein potenzielles Risiko ist, seine Geschäfte von zu Hause aus zu führen. Er zog mit Telefon und Laptop in den Garten, und das stetige Murmeln unter dem Holunderstrauch zeigt an, dass er arbeitet. Das ist die häusliche Quarantäne. Ab morgen kann auch er nicht mehr ansteckend sein. Als das Virus in Isabelles Körper verloschen war, ging sie als Erstes zur Geburtstagsparty ihres Freundes. Der war auf der Abifahrt ihr heißester Kandidat für die Tröpfcheninfektion, ist aber bis heute völlig ohne Symptome.
Und Mexiko-Stadt, wo alles begann? Ist inzwischen touristisch derart verzweifelt, dass der Bürgermeister Marcelo Ebrard allen Hotelgästen der Stadt ab heute eine kostenlose Schweinegrippen-Versicherung anbietet.
- Datum 30.07.2009 - 15:27 Uhr
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- Quelle ZEIT ONLINE, Tagesspiegel
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Angesichts der zahlreichen dokumentierten, überhaupt erst durch Tamiflu verursachten zusätzlichen Komplikationen halte ich es für weit sicherer, die Wiedergesundung der normalen Widerstandsfähigkeit des eigenen Körpers zu überlassen, solange nicht krankenhausreife Fälle vorliegen. Und natürlich impfen lassen, sobald im Herbst die Impfstoffe erhältlich sind.
Künstliche Eselsbrücken sind kaum zu empfehlen. In Toronto wurde ein 18jähriger Junge wegen Atembeschwerden mit künstlicher Beatmung versorgt. Doch nach vier Wochen stellte sich heraus, dass er von nun an ohne künstliche Beatmung überhaupt nicht mehr existieren kann, weil sich sein Körper inzwischen darauf eingestellt hat.
Sag mal Zeit,
habt ihr jetzt eine gemeinsame Redaktion mit "die Bunte"?
Wenn man es an der sog. "Dienstwagenaffäre" noch nicht gesehen hätte, würde man spätestens jetzt merken, dass das Sommerloch angekommen ist: Eine aus Spanien mitgebrachte Grippe ist der ZEIT zwei Bildschirmseiten wert. Aber immerhin schön, dass es nichts Schlimmeres zu berichten gibt...
genau liebe Zeit, wie sieht es eigentlich im Gaza-Streifen aus?
Rechtliche Immunität für die Hersteller von Schweinegrippe-Impfstoffen
Schade, dass das hier nicht Usenet ist...
Trotzdem:
*plonk*
Man muss diesen Artikel im richtigen Kontext betrachten. Ich finde ihn eine sehr gute Darstellung, wie lächerlich diese übertriebene Hysterie war und ist.
Das man audpassen muss und spontane Mutation eines solchen Virus sehr gefährlich sein kann stimmt schon, aber diese veranstaltete Hysterie und die ausgemalten Pandemieszenarien glichen eher Potemkinschen Dörfern.
Nutznieser ;-) sind eigentlich nur die Pharmakonzerne.
Von höherer Warte betrachtet, ist das Ganze nicht uninteressant. Es zeigt, wie eine Gesellschaft mit technologischem Machbarkeitsglauben als Staatsreligion schon von einem banalen Allerweltsereignis wie einer ansteckenden Krankheit an ihre ideologische Grenze gebracht wird.
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