"Untertags sage ich mir, du könntest auch was Praktisches tun, Aufräumen zum Beispiel oder ein Buch Lesen, aber schon verführt mich der Computer zu einem mathematischen Problem. Dann spüre ich förmlich wieder die Freude, dass ich dort zu Hause bin."

Thomas von Randow war schon 83 Jahre alt, als er dies sagte. Und immer noch konnte man seinem Gespräch, welches er damals mit einer Kollegin von ZEIT ONLINE führte, die Kraft eines Lebens abspüren, das stets in der Zukunft geführt wurde.

Schon in den vierziger Jahren hatte von Randow am Massachusetts Institute of Technology Rechner von der Größe eines kleinen Hauses mit Partituren berühmter Komponisten gefüttert, damit sie daraus neue Streichquartette errechneten. Damals erkannte er, wie diese Maschinen das Leben der Menschen verändern würden. Später schrieb er darüber und sagte schon in den frühen achtziger Jahren alle jene Chancen und Nöte voraus, mit denen wir uns heute auseinandersetzen: Er schwärmte von digitaler Heimarbeit und forderte, das Urheberrecht rechtzeitig zu klären. Er warnte vor der Macht der großen Netzkonzerne und setzte sich mit der automatischen Worterkennung auseinander. Dies alles zu einer Zeit, als es kaum vorstellbar war, dass einmal in fast jedem deutschen Haushalt ein Computer stehen würde.

Doch Thomas von Randow war weit mehr als ein Technikbegeisterter. Vielmehr begründete er von 1961 an in der ZEIT ein Fach, das es so in Deutschland bis dahin nicht gegeben hatte: kritischen Wissenschaftsjournalismus. Randow schrieb über Luftverschmutzung, verdrecktes Wasser, Gifte in Lebensmitteln, als Umwelt für die Deutschen noch ein fremdes Wort war. Er kämpfte gegen das deutsche Arzneimittelgesetz, forderte eine genauere Prüfung bei der Zulassung der Medikamente – und gewann. Er begeisterte sich für das Mondprogramm der Nasa und setzte sich kritisch mit den gesellschaftlichen Verwerfungen auseinander, die das 20. Jahrhundert bot.

26 Jahre blieb er als Redakteur bei der ZEIT und ging auch danach nie ganz. In seinem dritten Leben hieß er Zweistein und schrieb Sätze wie: "Ist der Drulf nicht plömp, dann ist es die Jauze." 1940 Logeleien dachte er sich seit 1963 aus, harte Nüsse für die ZEIT-Leser, feinste Denksportaufgaben, die er auch nach dem Rückzug aus dem Redaktionsalltag lange weiterführte. Sie entflossen dem, was von Randow liebte: der Mathematik. "Fast täglich arbeite ich an einem mathematischen Problem. Dann fühle ich mich zu Hause. Wenn ich so am Computer sitze, kommt es manchmal vor, dass ich ganz elementare Probleme überprüfe, zum Beispiel die Formel 'a plus b in Klammern zum Quadrat ist a Quadrat plus zwei a b plus b Quadrat'. Das klingt doch wie ein Gedicht!"

An diesem Mittwoch ist Thomas von Randow im Alter von 87 Jahren in Hamburg gestorben. Uns hinterlässt er die Aufgabe, die Naturwissenschaft weiterhin mit Skepsis zu beobachten und sie gleichzeitig vor Hysterie zu bewahren, in Randows Worten eher "läuternd als zerstörend" auf sie zu wirken.

Wie das möglich ist, zeigen einige ausgewählte Texte aus dem ZEIT-Archiv:

Monsieur, Sie sind jetzt mein Feind! Thomas von Randow erinnerte sich 1999 in den Zeitläufen an seine wichtigsten Eindrücke des 20. Jahrhunderts.

Als Rechner Zukunft waren. Eine Zusammenschau von Vorhersagen zur Zukunft des Computers, die Thomas von Randow seit 1984 traf.

Auf den Mond und zurück. Nie zuvor gab es ein so dichtes und so komplex verschlungenes Operationsnetz wie beim Raumfahrtprogramm Apollo 11. Das gibt Hoffnung auf die Bewältigung globaler Probleme, schrieb Thomas von Randow 1969.

Die Mathematik ist mein Zuhause. 2005 führte Susanne Simon ein langes Gespräch mit Thomas von Randow, in dem er auf sein Leben zurückblickt. Teil 1  und Teil 2