Wahlkampf-Reporter (1) Der Seismograf der Republik

Wer Kanzler werden will, sollte Pinneberg gewinnen. Der Wahlkreis 007 lag bisher immer im Bundestrend. Ein Besuch in Deutschlands "Swingstate" Nummer eins

Pinneberg: Fußgängerzone ohne Fußgänger

Pinneberg: Fußgängerzone ohne Fußgänger

Seit Freitag ist unser Wahlkampf-Reporter Michael Schlieben auf Deutschlandreise. Nord, West, Süd, Ost – einmal rund durch die Republik geht es. Er bloggt, twittertund schreibt Reportagen. Lesen Sie heute seinen Bericht aus Pinneberg:

Hamburger neigen zur Hochnäsigkeit. Gern ziehen sie über alles Nicht-Hanseatische her. Über Pinneberg zum Beispiel, den im Westen angrenzenden Landkreis in Süd-Schleswig-Holstein. Das Auto-Kennzeichen PI übersetzt man hier mit "pennt immer". In Hamburg gilt Pinneberg als verschlafene, unattraktive Provinz. Eine Kollegin aus dem Pressehaus sagte kurz vor der Abfahrt, Pinneberg sei piefig und wirklich nicht der Reise wert.

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Wenn die wüssten! Pinneberg ist Trendsetter. Der Wahlkreis mit der markanten Nummer 007 ist Deutschlands swingstate Nummer eins. Die Partei, die hier gewinnt, stellt traditionell den Kanzler. Von 1953 bis 1965 holte die CDU das Direktmandat, von 1969 bis 1980 die SPD. In der Kohl-Ära hatte Pinneberg wieder einen schwarzen Abgeordneten, unter Gerhard Schröder einen roten. Derzeit ist wieder die CDU dran. Auch bei der Europawahl im Mai spiegelte das Pinneberger Ergebnis den Bundestrend wieder: Die Volksparteien verloren Stimmen. Grüne und FDP erzielten Rekord-Hochs. Wer also wissen will, wie der Puls der Republik schlägt, der findet die Antwort am ehesten in Pinneberg.

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Die S3 vom Hamburger Hauptbahnhof braucht 37 Minuten. Sie ist proppevoll: Berufstätige auf dem Nachhauseweg, Frauen in schicken Kostümen, Männer im Blaumann, Teenager mit Shoppingtüten. In einer Ecke spielt ein Betrunkener auf einer Holzflöte. Es nervt. Ein paar Fahrgäste stellen ihre MP3-Player lauter, andere starren aus dem Fenster. Hinter Altona nimmt die Besiedelungsdichte ab, ländlich wird es aber die ganze Fahrt über nicht. Die Großstadt, ihre Vorstädte und die Kreisstadt Pinneberg gehen fast nahtlos ineinander über.

Der Kreis Pinneberg ist eine Pendlerregion, nicht nur politisch. 40.000 der 300.000 Menschen im Wahlkreis arbeiten in der Hansestadt. Sie leben – wie fast 50 Prozent der Deutschen – in kleinen und mittleren Städtchen. Die Verkehrsinfrastruktur des Kreises ist sternförmig auf Hamburg ausgerichtet. Auch kulturell gibt es eine starke Metropolen-Orientierung. Das Pinneberger Tageblatt bringt die Termine der Hamburger Kinos. Öffentliche Veranstaltungen in Pinneberg, Elmshorn oder Quickborn finden kaum statt.

So voll wie die S-Bahn war, so schnell leert sich der Bahnhofsvorplatz. Kaum zu glauben, dass Pinneberg 42.000 Einwohner hat: Die ausgedehnte Fußgängerzone in der Innenstadt ist um sieben Uhr abends fast menschenleer. Das einzige Geräusch weit und breit macht der Rollkoffer des Reporters.

Pennen die etwa wirklich alle? Mitnichten, Pinneberg ist nur auf den ersten Blick verwaist und ein wenig heruntergekommen. Es gibt durchaus Wohlstand und Geselligkeit. Die Stadt ist im Umland bekannt für ihre noble Küche. In den Edel-Italienern und Weinstuben sitzt die obere Mittelschicht, Menschen im feinen Hemd und mit teuren Brillen. Man kennt sich, man grüßt sich. Man arbeitet in Hamburg, fährt ein großes Auto, möchte nicht in der City leben.

Leser-Kommentare
  1. Das mag ja alles stimmen, aber im Grunde stellt sich doch die Frage, was derartige Beobachtungen an sich bringen: Letztlich nichts! Wenn es dann doch mal anders kommt und Pinneberg aus dem Rahmen fällt, was ja nicht unwahrscheinlich ist, dann bleibt von solchen "Messinstrumenten" oder "Swingstate" nicht viel übrig.
    Zu dem halte ich diese medial inszenierten (und von Wahlprognostikern vielleicht auch als gefundenes "Fressen") "Swingstates", sprich eine Anlehnung an amerikanische Wahlbeobachtungen, für ungünstig. Warum? Es lenkt von den Inhalten ab und die Forderung, oder besser die Empfehlung, an Parteien diesen "Musterwahlbezirk", wenn es denn einer sein sollte, derartige Konstanten scheinen eh letztlich wenig nachweisbar, zu erreichen um dann einen Ausgangspunkt für die gesamte Bundestagswahl zu haben, ist denke ich in Deutschland nicht nötig. Wir brauchen einen (natürlich auch medial professionellen) möglichst inhaltlichen Wahlkampf oder eine Personenwahl (denke da an Stoiber/Schröder) und kein abhaken von Wahlbezirken nach amerik. Vorbild.
    Man brauchte den Wahlkampf in den USA ja nur medial zu verfolgen: Wenig Inhalte, aber für die Lage in den Swingstates gab es massenhaft Prognosen und Berichterstattungen (und zum Gesundheitssystem oder Wirtschaft? Fehlanzeige!). Eine ganze Schar von Beobachtern und Analysten lebt vom Spektakel! Und das Volk sieht zu wie bei "Risiko"...
    Wer Kanzler werden will sollte auch Pinneberg gewinnen aber bitte liebe Medien, werte Politikjournalisten lasst uns erst keine Worthülsen wie "Swingstate" einführen...
    (Einblicke in die Sitaution von Wahlkreisen und Stimmungen sind natürlich wünschenswert!)

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    Anmerkung: Mein Kommentar sollte keine Kritik am Artikel von Herrn Schlieben sein, sondern richtet Sich an die Lage in den Wahlbeobachtungsmedien insgesamt, denn die Erfassung und Analyse von Lebenssituationen und Wahlstimmung finde ich sehr lesenswert!

    Anmerkung: Mein Kommentar sollte keine Kritik am Artikel von Herrn Schlieben sein, sondern richtet Sich an die Lage in den Wahlbeobachtungsmedien insgesamt, denn die Erfassung und Analyse von Lebenssituationen und Wahlstimmung finde ich sehr lesenswert!

  2. Anmerkung: Mein Kommentar sollte keine Kritik am Artikel von Herrn Schlieben sein, sondern richtet Sich an die Lage in den Wahlbeobachtungsmedien insgesamt, denn die Erfassung und Analyse von Lebenssituationen und Wahlstimmung finde ich sehr lesenswert!

    • dama27
    • 02.08.2009 um 13:41 Uhr

    ich wollte diesen beitrag gerne lesen, aber nachdem bereits zweimal auf der hälfte der ersten seite "swingstate" erklärt wurde, war ich so genervt, dass ich nicht mehr wollte.

    wie der name schon sagt, ist ein swingstate ein staat, in dem das wahlergebnis eng ist und somit schnell umschwingt.

    wenn mir so etwas offensichtliches gleich zweimal falsch erklärt wird, habe ich auch keine lust mehr, sonst noch was zu lesen... denn ich muss mich fragen, wie gut und richtig und wahr kann es sein, wenn die übersetzung gescheige denn erklärung des swingstates nicht klappt....

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    Redaktion

    Natürlich ist der Wahlkreis 007 kein "state". Wir verwenden das Wort im übertagenen Sinne. Denn das Phänomen eines swingstates trifft auf den Kreis Pinneberg durchaus zu: Der Kampf um das Direktmandat ist äußerst knapp, das wird ja auch im Text erwähnt. Die Ergebnisse pendeln zwischen CDU und SPD hin und her, häufiger als in vielen anderen Wahlkreisen Deutschlands. Und sie pendeln im Gleichklang mit dem Wahlergebnis auf Bundesebene. Das ist für das Phänomen swingstate unerheblich, macht die Region aber noch interessanter. Sie steht mit ihren schrumpfenden Milieus und sich verändernden Strukturen für Deutschland.

    Herzliche Grüße,
    Markus Horeld
    ZEIT ONLINE

    Redaktion

    Natürlich ist der Wahlkreis 007 kein "state". Wir verwenden das Wort im übertagenen Sinne. Denn das Phänomen eines swingstates trifft auf den Kreis Pinneberg durchaus zu: Der Kampf um das Direktmandat ist äußerst knapp, das wird ja auch im Text erwähnt. Die Ergebnisse pendeln zwischen CDU und SPD hin und her, häufiger als in vielen anderen Wahlkreisen Deutschlands. Und sie pendeln im Gleichklang mit dem Wahlergebnis auf Bundesebene. Das ist für das Phänomen swingstate unerheblich, macht die Region aber noch interessanter. Sie steht mit ihren schrumpfenden Milieus und sich verändernden Strukturen für Deutschland.

    Herzliche Grüße,
    Markus Horeld
    ZEIT ONLINE

  3. Das glatte Gegenteil ist der Fall. Es mag durch irgend einen Zufall so sein dass das Durchschnittswahlergebnis auf Wahlbezirke zutrifft bzw. sich mit den dortigen regionalen Durchschnittsergebnissen deckt. Aber auch hier gilt, es gibt nichts "typisch deutsches".
    Die Republik ist, auch ganz traditionell das ist keine neue Entwicklung die sich von der "guten alten Zeit" irgendwie unterscheiden würde, politisch sehr sehr unterschiedlich gegliedert. Das hat auch oft ganz banale Gründe. Eine Partei die z.B. sehr "deutsch" daher kommt, und mit Hannover-Hochdeutsch Kandidaten wirbt kommt halt im Allgäu oder Bayrischen Wald ganz ganz schlecht an - da kann das Programm beinhalten was es will. Ähnlich war es mit dem Kanzlerkandidat Stoiber. Der hätte im "Osten" die Bundestagswahl auch als Spitzenkandidat der PDS/Linkspartei mit Sicherheit verloren.
    Dass die Wähler nach Fakten und Wahlprogramm entscheiden entspricht ja nicht der Realität.
    Daher schneiden seit Jahren die Parteien am besten ab die durch Unauffälligkeit auffallen. Merkel gewann ja auch nicht durch eigenes Profil sondern weil die Leute Schröders Gesicht wortwörtlich im Fernsehen nicht mehr sehen konnten. Und sie wird die Wahl wieder gewinnen weil die Leute Steinmeier nicht als Kanzler haben wollen.
    Wenn diese "Unauffälligkeit" und absolute Durchschnittlichkeit als Gradmesser für Wahlerfolg gilt, dann mag so eine unauffällige mittelgroße Stadt durchaus als "Seismograph" dienen. Aber damit hat man es sich nur unnötig schwer gemacht?!

  4. Redaktion

    Natürlich ist der Wahlkreis 007 kein "state". Wir verwenden das Wort im übertagenen Sinne. Denn das Phänomen eines swingstates trifft auf den Kreis Pinneberg durchaus zu: Der Kampf um das Direktmandat ist äußerst knapp, das wird ja auch im Text erwähnt. Die Ergebnisse pendeln zwischen CDU und SPD hin und her, häufiger als in vielen anderen Wahlkreisen Deutschlands. Und sie pendeln im Gleichklang mit dem Wahlergebnis auf Bundesebene. Das ist für das Phänomen swingstate unerheblich, macht die Region aber noch interessanter. Sie steht mit ihren schrumpfenden Milieus und sich verändernden Strukturen für Deutschland.

    Herzliche Grüße,
    Markus Horeld
    ZEIT ONLINE

    Antwort auf "swingstate"
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    • keox
    • 02.08.2009 um 17:02 Uhr

    steht für deutschen Journalismus?

    • keox
    • 02.08.2009 um 17:02 Uhr

    steht für deutschen Journalismus?

    • keox
    • 02.08.2009 um 17:02 Uhr

    steht für deutschen Journalismus?

    Antwort auf "Sehr geehrte(r) dama27"
  5. ... von solchen Bezeichnungen ("Seismograph", "Swingstate") nicht viel. Wenn ein Wahlbezirk über eine einigermaßen ausgewogene Wählerschaft verfügt, dann ist es nicht so unwahrscheinlich, dass die bundesweiten Trends, die "im Großen" die Bundestagswahl entscheiden, auch "im Kleinen" für die jeweils entscheidende Prozentverschiebung zugunsten der einen oder der anderen Seite führen.
    Ebenso könnte man sicherlich über die Bundesrepublik verteilt noch ein paar (inzwischen sehr alte) Wähler finden, die 1949-65 CDU, 1969-80 SPD, 1983-94 CDU, 1998 und 2002 SPD und 2005 CDU gewählt haben. Die müsste man ja dann nur noch befragen, dann ließe sich das Wahlergebnis vorhersagen?

  6. Vieles im Artikel stimmt durchaus. Pinneberg ist ein Paradebeispiel für den Strukturwandel rund um die Metropolen in den letzten 40 Jahren. Mit all seinen Fehlern. Die Bevölkerung des Kreises Pinneberg ist breit gefächert. Von Milchbauern, über die Oberstudienräte, die auf der Straße Alkohol trinken über die Immigrantenfamilien in den Plattenbauten. Und es gibt auch nette Ecken in der Stadt.

    Aufgehorcht habe ich allerdings bei den Äusserungen von Ingrid Roitzsch. Wenn Ole Schröder diese Einstellung ebenfalls vererbt bekommen hat, dann gute Nacht.

    Übrigens ist er nicht 30 Jahre jünger als Ernst Dieter Rossmann. Er sieht zwar mehr aus wie Spät-Konfermant, geht aber trotzdem streng auf die 40 zu.

    Und danke, dass sie "Pennt Immer" als Übersetzung des Kennzeichens nennen. Gehört durchaus zu den netteren Dingen, die man mit dem Kennzeichen zu hören bekommt.

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    Redaktion

    sie haben natürlich recht: Schröder ist 20 Jahren jünger als Rossmann, nicht 30. Es wurde inzwischen geändert. Danke für den Hinweis!

    Hinzugefügt sei noch: Nach meinen Recherchen holte nur in einem weiteren Kreis immer die Partei, die später auch den Kanzler stellte, bei der Bundestagswahl das Direktmandat. Es ist der Kreis 003 Steinburg-Dithmarschen Süd, ebenfalls in Schleswig-Holstein. (zugegeben, neben drei ostdeutschen Kreisen).

    Schöne Grüße aus Gelsenkirchen
    Michael Schlieben

    Redaktion

    sie haben natürlich recht: Schröder ist 20 Jahren jünger als Rossmann, nicht 30. Es wurde inzwischen geändert. Danke für den Hinweis!

    Hinzugefügt sei noch: Nach meinen Recherchen holte nur in einem weiteren Kreis immer die Partei, die später auch den Kanzler stellte, bei der Bundestagswahl das Direktmandat. Es ist der Kreis 003 Steinburg-Dithmarschen Süd, ebenfalls in Schleswig-Holstein. (zugegeben, neben drei ostdeutschen Kreisen).

    Schöne Grüße aus Gelsenkirchen
    Michael Schlieben

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