Mit Lamas durchs Gailtal: Nach innen blicken

"Sind das etwa Lamas?" Fassungslos betrachten die Wanderer, ein älteres Ehepaar, das Grüppchen, das ihnen kurz vor dem Zollnersee auf 2000 Meter Höhe in den Karnischen Alpen entgegenkommt. Man ist in Kärnten, Österreich also. Und zugegeben: Die Tiere, die die drei Erwachsenen und zwei Kinder an der Leine führen, sieht man hierzulande nicht jeden Tag.

Ja, es sind Lamas! Seit nunmehr fast sieben Jahren leben die Kamele, mittlerweile eine achtköpfige Herde, bei Rosanne und Johann Kanzian in Dellach im Gailtal. Eigentlich sollten die ersten beiden Exemplare dem naturverbundenen Ehepaar nur auf den eigenen, privaten Bergtouren das Gepäck tragen. Ein Job, den sie in ihrer südamerikanischen Heimat, den Anden, seit Jahrhunderten machen.

Dann aber entwickelten sie sich so schnell zur Attraktion, dass mittlerweile ein touristisches Angebot daraus wurde. Und nicht nur das: Seit Neuestem begleiten sogar Führungskräfte die Tiere durch die alpine Tier- und Pflanzenwelt der Karnischen oder auch der Gailtaler Alpen. Etwas länger schon werden sie auch für Therapiewandern mit verhaltensauffälligen Kindern und Jugendlichen eingesetzt.

Wer das Abenteuer wagt, merkt schnell, dass es hier nicht darum geht, einfach mal ein paar Stunden ein Kamel an der Leine zu führen. Wer sich auf Lamas einlässt, muss dies ganz tun, mit Leib und Seele. Und er kommt nicht umhin, dabei auch etwas über sich selbst zu lernen.

"Lamas sind Herdentiere und Fluchttiere", erklärt Johann Kanzian. Für den Menschen, mit dem sie gehen sollen, hat das zwei Konsequenzen: Hektische und unüberlegte Bewegungen sollte er tunlichst vermeiden. Auch wenn das berüchtigte Spucken gegenüber Menschen praktisch gar nicht eingesetzt wird. Und zweitens: Er muss einen Zugang zu seinem Begleiter finden. Allein durch Autorität nämlich lässt sich ein Lama nicht führen. Mensch und Tier müssen eine Beziehung aufbauen, sozusagen eine gemeinsame Ebene finden.

Deshalb räumt Kanzian zu Beginn viel Zeit ein, bis sich jeder Mensch für ein Tier entschieden hat. Oder ist es doch das Tier, das den Menschen wählt? Jedenfalls finden mit einer erstaunlich hohen Trefferquote die passenden Paare zusammen.

Wer mit Black Jack, dem Herdenführer, losmarschiert, dem macht es jedenfalls nichts aus, voran zu gehen. Wer Lincoln, den Schönen, ausgesucht hat, genießt es, das Schlusslicht zu bilden – und auch mal Abstand halten zu können. Ab und zu, berichtet Kanzian, wird unterwegs noch mal getauscht. Und nur ganz selten passiert es, dass Mensch und Tier überhaupt nicht harmonieren.

Spätestens nach ein, zwei Stunden hat sich die Gruppe gefunden, dann kehrt jene Ruhe ein, die das Wandern mit Lamas so einmalig macht. Und: So verblüfft. wie all die Menschen reagieren, die der ungewöhnlichen Herde aus Menschen und Tieren begegnen, so normal erlebt es die Truppe selbst. Wandern mit Lamas öffnet den Blick, nach innen wie nach außen.

Kontakt: Rosanna und Johann Kanzian, Tel. 0043 (0)664 514 28 06, www.lamatrekking.at
Touren ab zwei Stunden bis mehrtägig. Preisbeispiel: Eine vierköpfige Familie zahlt für eine Tagestour mit vier Tieren 180 Euro. Übernachtungen vorher und nachher werden vermittelt. Das Angebot reicht vom Zimmer mit Frühstück bis zum Vier-Sterne-Bio-Hotel.