Nichts ist langweiliger als der Hit vom letzten Sommer. Aber ein Hit, der 30 Jahre alt ist, kann schon wieder interessant sein: wenn er nicht bloß mit der Vergangenheit, sondern auch mit unserer Gegenwart zu tun hat. 4000 Zuschauer im Berliner Tempodrom jubeln begeistert, als ein kühl tackerndes Synthesizer-Intro erklingt. Dann setzt der Gesang ein, ein Säuseln, Seufzen, Stöhnen, aus dem sich nur langsam Worte herausschälen: "Ooh, it’s so good, it’s so good, it’s so good." Donna Summer hat ihre Garderobe im Laufe des Abends bereits zum vierten Mal gewechselt, zum Höhepunkt gibt sie in schwarzer Lederhose und schwarzer Lederjacke die Discoqueen. Sie hat ihre Augen geschlossen, das Glitzer-Makeup auf ihren Lidern wirft ein Funkeln durch den Raum. Und den Refrain singt die halbe Halle mit: I Feel Love.

Als I Feel Love 1977 herauskam, erregte der Song Anstoß, weil er ganz offenkundig von den Freuden der körperlichen Liebe handelt. Weniger wahrgenommen wurde damals die avantgardistische Qualität des Stückes. Der Produzent Giorgio Moroder hatte mit einem der ersten Synthesizer-Loops der Musikgeschichte gearbeitet, seine repetitiven, prinzipiell endlos fortführbaren Sounds nahmen die Konstruktionsprinzipien von House und Techno vorweg. Bei ihrem Konzert im nicht ganz ausverkauften Tempodrom, der einzigen deutschen Station ihrer Comeback-Tournee und ihrem allerersten Auftritt in Berlin überhaupt, singt Donna Summer I Feel Love gleich in einem Aufwasch mit Love To Love You Baby und Bad Girls, zwei weiteren Klassikern aus ihrer Disco-Phase.

Bad Girls klingt dank des heftig auf sein Wah-Wah-Pedal tretenden Gitarristen ziemlich funky, bei I Feel Love knattern die Synthesizer unbeholfen. Die Fans tanzen, doch die Diva wirkt lustlos. Was nachvollziehbar ist, schließlich hat sie hart daran gearbeitet, sich von ihren Hits zu emanzipieren. Lange war sie vor allem als Sexsymbol und Geschöpf des Munich-Sound-Begründers Moroder wahrgenommen worden. Mit Moroder überwarf sich die ehemalige Gospelsängerin Anfang der achtziger Jahre, nachdem sie in die USA zurückgekehrt und zur wiedergeborenen Christin geworden war.

"Das Showbusiness kann sehr hart sein", klagt die 60-Jährige in einer Ansage. "Irgendwann habe ich in den Spiegel geschaut und mich nicht mehr erkannt." Ihre im vergangenen Jahr erschienene Platte Crayons, das erste Studioalbum nach 17 Jahren, ist ein Versuch, als eigenständige Künstlerin sichtbar zu werden. Ein halbes Dutzend Titel aus dem Album, das mit seiner Mischung von House, R’n’B und Dance-Elementen erstaunlich aktuell wirkt, spielt sie an diesem Abend. Stamp Your Feet, eine stampfende Hymne, erzählt von ihrer Selbstbehauptung: Wer hinfällt, muss auch wieder aufstehen.

Das Konzert beginnt mit The Queen Is Back. Während die siebenköpfige Band eine orchestrale Ouvertüre spielt und Kronen, Wappen und Neuschwanstein-Bilder über die Videoscreens flackern, stöckelt die Königin im schulterfreien Paillettenkleid auf die Bühne. Die Band ist medioker, die Show schwankt zwischen Pathos und Kitsch, zwischendurch kommt es sogar zu einer zwanzigminütigen Zwangspause, als die Computer ausfallen.

Trotzdem wird das Konzert zum großen retrofuturistischen Fest. Der schönste Moment: Donna Summer holt vier grauhaarige Kollegen aus dem Musical Hair auf die Bühne, für das sie 1968 aus New York nach München gezogen war. Gemeinsam singen sie in deutsch-englischem Kauderwelsch Aquarius: "Wenn Saturn mit Venus tanzen geht / und Orion sein Licht andreht / herrscht Frieden unter den Planeten." Tanzen ist eine Form des Liebesspiels. Da hatten die Hippies recht.