ZEIT ONLINE: Über Nacht hatte Amazon einige Bücher von den E-Book-Readern gelöscht und dadurch weltweit Empörung ausgelöst. Sie hingegen finden das Vorgehen von Amazon angemessen. Wieso eigentlich?

Randall Picker: Amazon hatte aus Versehen Bücher vertrieben, die das Urheberrecht der betroffenen Rechtsinhaber verletzt hatten. Es geht also um Raubkopien. Wenn das mit Büchern aus Papier geschieht, hat der geprellte Autor in der Regel einfach Pech und bekommt den Schaden nicht ersetzt, der durch den Verkauf entstanden ist. In diesem Fall konnte Amazon mit technischen Mitteln die Situation bereinigen und den unrechtmäßigen Verkauf nicht nur stoppen, sondern auch rückgängig machen. Die Käufer haben den Kaufpreis ja zurückerstattet bekommen. Sie konnten sich also sofort ein legales Exemplar kaufen, wovon der Urheberrechtsinhaber direkt profitiert.

ZEIT ONLINE: Aber ist es nicht unfair, den Käufern ihre E-Books einfach wegzunehmen? Sie konnten ja nicht ahnen, dass die angebotenen Bücher illegal waren.

Picker: Die Käufer sind natürlich nicht schuld an der Urheberrechtsverletzung. Aber es gibt in diesem Fall mehr als nur eine unschuldige Partei. Jeder identifiziert sich mit den Käufern, aber nur wenige Beobachter bemerken, dass auch Autoren von solchen Rechtsverletzung betroffen und an der Situation unschuldig sind. Amazon verfügt über die technischen Mittel, die Rechte der Urheber schnell und effektiv durchzusetzen – selbst nachträglich, also wenn die Raubkopie bereits erworben wurde. Ich gebe zu, dass Rechte, die nur theoretisch existieren, mich nicht sehr interessieren. Wir sollten uns vielmehr darum kümmern, wie Rechte auch in der Praxis durchgesetzt werden können.

ZEIT ONLINE: Heißt das etwa, dass das Unrechtsbewusstsein manches Internetnutzers sinkt, zugleich die Möglichkeiten der Kontrolle steigen?

Picker: Der Unterschied zur Prä-Internet-Zeit ist, dass früher Urheberrechtsverletzungen zumeist von wenigen Profis begannen wurden. Die digitale Technologie stellt nun jeden Internetnutzer vor die Entscheidung, Urheberrechte entweder zu achten oder zu ignorieren. Die Art und Weise, wie mit p2p-Filesharing umgegangen wird, deutet daraufhin, dass viele Menschen kein Problem damit haben, Urheberrechte zu umgehen. Kein Wunder: Das Urheberrecht ist derart kompliziert, dass die Nutzer einfach überfordert sind. Insofern wäre eine technische Kontrolle von Urheberrechten sinnvoll, wenn sie einfach, schnell und komplikationslos funktioniert. 

ZEIT ONLINE: Amazon hatte den Besitzern der E-Books nicht angekündigt, dass die betroffenen Exemplare gelöscht werden. Ist das nicht so, als ob plötzlich jemand in Ihrer Wohnung steht und ein paar Bücher aussortiert?