In Richard Yates' Kleinbürger-Roman Revolutionary Road schaut sich der Schnösel Frank ungefragt im Bücherregal seines Nachbarn Shep um. Als Frank die Stirn runzelt, will Shep zu seiner Ehrenrettung am liebsten quer durchs Zimmer rufen: "Das sammelt sich eben im Lauf der Jahre so an! Unsere anspruchsvollen Bücher sind irgendwo verloren gegangen."

Im Internet geht nichts verloren. Zwei große öffentliche Lesewiesen erlauben, das eigene Bücherregal der ganzen Welt zu zeigen: Goodreads und LibraryThing haben nur eine knappe Million meist englischsprachiger Benutzer, aber brummen vor Geschäftigkeit: Wenn ich mit einem Buch im Zug oder Café sitze, lade ich meine Umwelt zu Kommentaren ein. Im Netz sind diese Kommentare lauter und oft qualifizierter. Fremde, Freunde und die Computerdatenbank geben einander Tipps und Warnungen.

Der Pionier dieses Gedankens war das Online-Radio last.fm mit der Funktion, jeden Song, den man sich abspielt, im Profil zu eigenen, privaten Charts zu verrechnen. Nach ein paar Monaten kennt last.fm den eigenen Musikgeschmack genauer als man selbst. Videospieler zeigen auf MobyGames, was sie gerade zocken. Und für Filme gibt es die Services Flixster und Criticker.

Das Sammelwort für solche medialen Zettelkästen ist Social Cataloging: Offene Datenbanken, in denen sich Benutzer ein Profil anlegen und dann die Privatsammlung verwalten, Kritiken schreiben und Netzwerke bilden. Goodreads und LibraryThing ermuntern dabei an jeder Ecke, immer auch die Außenwelt via E-Mail-Newsletter und Bulletins, Twitter- und Facebook-Update über jede neue Lektüre zu benachrichtigen.

Wenn ich Freunde frage, ob sie etwas Interessantes gelesen haben, seufzen sie meist: "Ja, warte, ich muss überlegen." Mir selbst geht rasch die Puste aus, wenn ich mehr als drei Lieblingsbands oder –filme nennen muss. Bei last.fm, Criticker und Goodreads sind meine Daten klar sortiert: Die Bücher nach Genres, Sprachen, Lese- oder Erscheinungsjahr, alphabetisch oder nach meiner Bewertung auf einer 5-Sterne-Skala. Jeweils als virtuelle Mosaik-Wand, die ich per Mausklick umsortiere und von jedem Computer aus durchsehen kann.

Freund Heiko stellt bei Facebook Straße der Ölsardinen auf sein Visual Bookshelf. "Sag Bescheid, ob ich das mögen würde!", maile ich ihm. Meine Benutzerprofile verraten, was auch die engsten Freunde nicht in Worte fassen könnten: Ein Schatz aus Daten und Verweisen, der den Zugriff und Konsum, das Reden und die Vermarktung von Kultur so scharf zeichnet wie nie zuvor. Wer sein mediales Leben mit solchen Fahrtenschreibern dokumentiert, braucht künftig keine zehn Minuten, um gute Kinderbücher aufzuzählen oder sich zu erinnern, mit wem er vor fünf Jahren im Kino war.

LibraryThing hat eine senfgelbe Kraut-und-Rüben-Optik und stellt sich durch die Regelung ins Abseits, dass man für den Account bezahlen muss, sobald man mehr als 200 Bücher speichert. Goodreads ist schlichter und freundlicher. Auch hier gibt es polemische Leser, die pauschal Fünf-Sterne-Bewertungen geben und Dan Brown abfeiern, aber als Kompass oder für den Direktvergleich sind die Bewertungen oft erstaunlich akkurat: Michael Endes Momo erhält 4,23 von 5 Sternen, Der Wunschpunsch nur 3,75. Asterix und Cleopatra: 4,11. Asterix und Latraviata: 3,66. Alles klar – vielen Dank für die klare Tendenz!

Wer bibliophil genug ist, um sich in einem Lese-Netzwerk anzumelden, macht sich auch gern die Mühe, auch eine faire Wertung abzugeben. Die Kritiken klingen fundierter als bei Amazon, und zugleich werden Favoriten Wer die Nachtigall stört (Harper Lee), Die Straße (Cormac McCarthy) und eben Revolutionary Road so empathisch von Tausenden Benutzern angepriesen, wie es keine PR-Kampagne könnte: Wer bei Goodreads vorsortiert, findet tatsächlich bessere Bücher. Und interessante Menschen: Jemandem, der 80 Bücher mit mir teilt, traue ich auch ein Urteil über Buch Nummer 81 zu. Und bin gespannt, wer er sonst so ist.

Nur als ich Freund Johannes zu Goodreads einlade, windet er sich: "Bestimmt wäre das großartig, aber es wäre auch ein peinlicher Offenbarungseid! Jeder könnte dann genau sehen, welche Bücher ich noch nicht gelesen habe!" Das stimmt: Marktforscher, Freunde, Kollegen und der Chef können aus dieser Datenflut ihre Schlüsse ziehen. Dass Amazon gleich nach der Filmdatenbank imdb auch schleunigst LibraryThing und Shelfari schluckte, wundert nicht. Oder, dass viele Verlage über Goodreads Vorabexemplare verschenken, um die Mundpropaganda für neue Bücher anzukurbeln.

Nischen und Foren für Gleichgesinnte sind die wichtigste soziale Funktion des Internets. Social Cataloging jedoch weitet diese Nischen, macht Expertisen auch für Außenstehende transparent: Ich streite mich bei Goodreads nicht mit anderen Lesern über Subjektives, sondern speise vor allem einen rigiden sozialen Katalog mit messbaren Daten: Die eigene Bildungs- und Geschmackshistorie landet als Statistik und Wertungskurve sauber aufgereiht in einem öffentliches Schaufenster.

Wer will, kann sich dieses Fenster abdichten. Jeder Service erlaubt, Profile auf "privat" zu setzen. Aber das wäre so, als entferne man den Schutzumschlag, bevor man sein Buch mit ins Café nimmt. Da ginge das Attraktivste am öffentlichen Lesen verloren: die private Eitelkeit und der Stolz auf eigenen Geschmack. Gibt es schon Seiten, wo ich den Inhalt meiner Schuh- und Kleiderschränke präsentieren kann?