Klaus Jetz kocht vor Wut. Wieder so eine E-Mail. "Homosexualität ist eine Sünde", liest er schon im Betreff. Als Geschäftsführer des Lesben- und Schwulenverbandes Deutschland (LSVD) kennt Jetz solche Schreiben. Die Absender fordern Homosexuelle dazu auf, sich therapieren zu lassen. "Ich dachte, solche Zeiten wären längst vorbei", schimpft Jetz. Doch im Gegenteil: Seit drei Monaten haben sich die lästigen Bekehrungsversuche vervielfacht. Wenn der Schwulenfunktionär nur einen einzigen ungebetenen Appell am Tag erhält, dann ist das wenig.

Bei Post bleibt es nicht: Immer aufdringlicher versuchen einige radikale Gruppen, sich mit schwulenfeindlichen Ansichten Gehör zu verschaffen. Experten und Politiker von Bündnis 90/Die Grünen sprechen gar von einer neuen Homophobiewelle. Während im Ausland Attentate wie jüngst in Kopenhagen und Israel die Schwulenszene verunsichern, sorgen hierzulande schwulenfeindliche Fundamentalisten anders für Aufsehen. Bei wissenschaftlichen Kongressen und in Universitäten versuchen die meist evangelikalen Gruppen, ihre Thesen zu verbreiten. Unter der großzügigen Deckung der Wissenschaftsfreiheit verkünden sie: Homosexualität sei eine psychische Störung. Therapien könnten bei der Heilung helfen.

Zwei Organisationen propagieren die Umerziehung besonders offensiv: das Deutsche Institut für Jugend und Gesellschaft (DIJG) und der Verein Wüstenstrom. So rege die Bekehrer selber kommunizieren, so scheu sind sie in eigener Sache: Auf Anfragen von ZEIT ONLINE haben beide Gruppierungen bisher nicht reagiert.

Schweres Geschütz fahren sie auf ihren Internetseiten auf. Christl Ruth Vonholdt, Leiterin des DIJG, schreibt: "Homosexualität verletzt das geschöpfliche Bild des Menschen" und "verdunkelt das Bild Gottes auf der Erde". Das DIJG präsentiert sich als die Forschungsabteilung der "Offensive Junger Christen", die der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) angehört. Der Verein Wüstenstrom nimmt für sich in Anspruch, bei "Fragen in den Bereichen Identität und Sexualität" zu beraten. Der Verein gibt sich missionarisch: "Denjenigen, die sich nicht für ihre homosexuelle Identität entscheiden wollen, kann geholfen werden", heißt es via Internet.

Nach Deutschland herübergeschwappt sind diese sogenannten reparativen Therapien vor etwa zehn Jahren aus den USA. "Alle evangelischen Freikirchen zeigen tendenziell diese homosexualitätsfeindliche Haltung", sagt der Basler Psychotherapeut und Publizist Udo Rauchfleisch. Und sie sind auf dem Vormarsch. Das beobachtet auch Christa Roth-Sackenheim, Vorsitzende des Bundesverbandes Deutscher Psychiater (BVDP). Seit zwei Jahren suchten die Gruppen verstärkt die Öffentlichkeit. Immer häufiger veranstalteten die Bekehrer Kongresse, auf denen sie Seminare wie "Homosexualität verstehen – Chance zur Veränderung" anböten. "Sogar auf medizinischen Kongressen mischen sich die Gruppen unter, um ihre Thesen zu verbreiten", sagt Roth-Sackenheim.

Zu beobachten war dies im Mai in Marburg beim "Internationalen Kongress für Psychologie und Seelsorge". Weil der Wüstenstrom-Vorsitzende Markus Hoffmann als Referent eingeladen war, ging es schon im Vorfeld hoch her. Auf die Forderung eines Redeverbots, angeregt unter anderem vom Grünen-Bundestagsabgeordneten Volker Beck , konterten über 300 Teilnehmer mit einer Erklärung "Für Freiheit und Selbstbestimmung". Darin heißt es: "Eine Veränderung der homosexuellen Neigung ist möglich. Dass Homosexuellenverbände diese Therapieangebote unterdrücken wollen, ist eine Missachtung der Wissenschaftsfreiheit." Homosexualität berge ein erhebliches gesundheitliches und psychisches Risiko – von Aids über Depressionen und Drogenmissbrauch bis zu einer erhöhten Suizidgefährdung.

Viele Geistliche, Mediziner und Professoren haben die Schrift unterzeichnet. So auch Edith Düsing, zunächst mit dem Zusatz "Professorin der Philosophischen Fakultät der Universität zu Köln". Als der Vorsitzende des Autonomen Lesben- und Schwulenreferates der Uni Köln, Max Derichsweiler, das las, schrieb er Briefe an den Rektor der Kölner Universität und bat um Distanzierung. Eine Antwort kam erst zwei Monate später. "Wir sehen keinen Anlass, das Wirken der Professorin zu kommentieren", schrieb der Rektor Axel Freimuth. Derichsweiler kann das kaum fassen. "Wie kann es sein, dass sogar an einer Uni solche Thesen toleriert werden?", fragt er. Doch die Uni verweist auf Art.5, Abs.3 des Grundgesetzes, die Wissenschaftsfreiheit. Mittlerweile ruderte Düsing, die zuletzt vor drei Jahren als Gastprofessorin an der Uni lehrte, ein wenig zurück: "Mir ging es nicht um Homofragen, sondern um die Wahrung der universitären Freiheit", sagt sie heute.

Ein anderer Unterzeichner legt hingegen unermüdlich nach: Der Heidelberger Psychiater Michael Schröter-Kunhardt hat sich mit seinem Anliegen unlängst sogar mit einem 54-seitigen "Publikationsentwurf" an das Bundesministerium für Gesundheit (BMG) gewandt. Thema: Homosexualität. Darin trägt er Indizien zusammen, warum Schwulsein eine "sexuelle Störung" sei.