Bewerbung "Sie sind nicht mein Grau-Typ"

Die Stilberaterin Bettyna Pöltl gibt Job-Bewerbern Stylingtipps. Was das bringt, zeigt ein Selbstversuch

"Sie sind ein Frühlingstyp!": Imageberaterin Bettyna Pöltl gibt Tipps für das richtige Auftreten im Job.

"Sie sind ein Frühlingstyp!": Imageberaterin Bettyna Pöltl gibt Tipps für das richtige Auftreten im Job.

Endlich ein Bewerbungsgespräch! Der erste Eindruck sei entscheidend, sagen die einschlägigen Karriere-Ratgeber, man dürfe nichts dem Zufall überlassen. Zugegeben, an meinem Auftreten könnte ich etwas arbeiten. Vielleicht mal eine Image- und Stilberatung in Anspruch nehmen?

So beginnt die Suche nach dem richtigen Ratgeber. Das Internet ist voll mit Websites sogenannter Imageberater. Die Berufsbezeichnung ist nicht geschützt. Trotzdem können die meisten Anbieter eine Qualifikation vorweisen. Der Interessensverband deutscher Farb- und Stilberater zum Beispiel bietet eine Grundausbildung zum Farbberater an. Die dauert fünf Tage.

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Bettyna Pöltl ist seit über 20 Jahren im Geschäft und betreibt seit 1987 das "Image Institut Berlin". Nach eigenen Angaben hat sie bereits Bundestagsabgeordnete, Banker und Unternehmensvorstände in Etikette, Auftreten und Image aufgepeppt. Ganz billig ist ihr Service nicht: 220 Euro kostet die Farbberatung, 350 Euro die Imageberatung, 400 Euro die Erfolgsberatung.

Das Institut liegt im Berliner Stadtteil Grunewald, neben Villen und der Botschaft von Kuwait, in einem Appartment. Die Beraterin entspricht beim ersten und, wie wir wissen, alles entscheidenden Eindruck voll meinen Erwartungen: Bettyna Pöltl ist eine Dame. Sie trägt ein weißes, gerade geschnittenes Kleid, dazu eine dunkle Jacke und ein leichtes, unaufdringliches Parfüm. Ob ich ihren Erwartungen entspreche, kann ich an ihrem Gesicht nicht ablesen. Ich habe mich für mein normales Büro-Outfit entschieden: Eine Jeans, ein T-Shirt, eine schwarze Strickjacke. Hätte ich mich schicker machen sollen?

Pöltl begrüßt mich mit säuselnder Stimme und führt ins Wohnzimmer. In einer Ecke stehen ein Schminktisch, ein Spiegel, ein Stuhl. Eine 1000-Watt-Lampe setzt uns ins richtige Licht. Das Buchregal ist mit Ratgeber-Lektüre gefüllt: Benimmregeln, Frisurentrends, Körpersprache.  Die "Expertin für Ausstrahlung und Auftreten" serviert Cappuccino und gekühltes Wasser. "Haben Sie gut hergefunden?", fragt sie.

"Mehr Damen als Herren" gehören zu ihren Kunden, erzählt sie. Und sie erklärt weiter: "Es geht nicht darum, dass man jemanden völlig umstylt. Der Kunde soll nicht die eigene Persönlichkeit aufgeben, er soll authentisch sein, dann kommt der Erfolg von ganz alleine."

"Erfolg". Das steht auch auf dem Bild im Goldrahmen, das an der cremefarbenen Wand hängt. Natürlich, so sagt sie, ginge die Veränderung nicht plötzlich vor sich. Vielmehr würden die Kunden das Gelernte nach und nach berücksichtigen. "Dann fällt den Kollegen auf, dass etwas anders ist. Aber sie wissen nicht, was. Das ist der Spaß an der Sache," erklärt sie.

Sie lächelt sehr viel. Jetzt beginnt sie mit der Bestandsaufnahme. Dafür muss ich am Schminktisch Platz nehmen. Die Beraterin mustert meine Haut, meine Arme, mein Gesicht. "Die dunklen Haare sind aber nicht Natur", sagt sie, "Sie haben Sommersprossen und helle Haut. Sie sind ein Frühlingstyp." Warme Rottöne, viel Gelb und milde Grüntöne würden meine natürlich Schönheit zur vollen Geltung bringen. Pöltl legt mir einen Merkzettel in eine Mappe. Ein schwarz-weißer Hosenanzug, zum Beispiel, Business-Standarduniform, sei zu streng für mich, mahnt die Beraterin. "Und Grau dürfen Sie gar nicht tragen. Nein, sie sind nicht mein Grau-Typ."

Man kann jeden Menschen einem Farbtyp zuordnen. Jetzt wirft mir Bettyna Pöltl Tücher über die Schulter. Tannengrün stehe mir nicht, dafür aber Apfelgrün, erklärt sie. Ich sage lieber nicht, dass ich Grün gar nicht ausstehen kann. Silber sei zu aggressiv, Gold ganz passabel  – natürlich nur am Abend, bitte nicht in der Konferenz. Am Nachmittag sei Magenta zu hart, stattdessen empfehle sie ein frisches Apricot. Ich staune und versuche die Argumentation nachzuvollziehen. Es stimmt: Manche Farben passen nicht, sie machen mich blass.

Frau Pöltl nimmt jetzt Maß, analysiert meine Körperproportionen und Formen. "Dabei geht es nicht um Fülle", betont sie mehrmals. Ich solle mich sportlich-unkonventionell kleiden. Das sagt mir meine Mutter auch ständig. Und mit Jeans und T-Shirt bin ich dann schon passend angezogen. "Es macht einen Unterschied, ob man vom Ehepartner, der eigenen Mutter oder einem fremden Experten beraten wird", erklärt die Beraterin. Große Muster dürfe ich jedoch nicht tragen. Auch nicht zu viele wilde Farben. Das lasse mich unruhig wirken und könne in Verhandlungen dazu führen, dass der Chef sich nicht richtig konzentrieren kann.

Figurlich sei an mir aber nicht so viel auszusetzen, sagt Bettyna Pöltl. Ich erfahre, dass ich eine ausgewogene Schulter- und Hüftbreite habe, außerdem eine gerade Körperkontur – die sogenannte H-Linie. Daraus könne ich im Job Profit schlagen. Denn Menschen mit meinen Proportionen wirken belastbar, selbstbewusst und führungsstark. Das erwecke Vertrauen. Am Besten bringe man diese Eigenschaften mit einem Kurzmantel, geraden Hosen und dem Chanel-Stil zur Geltung. "7/8-Hose dürfen Sie aber nur in der Freizeit tragen." Die Beraterin blickt mir tief in die Augen.

Vom Körper geht es hoch zu Kopf und Gesicht. Jetzt bestimmt sie die Form und wählt die passende Frisur. Prinzipiell habe ich schon viel richtig gemacht. Ein eckiges Gesicht müsse mit weichen Locken ausgeglichen werden, allein meine eckige Brille liegt im Grenzbereich.

Nach mehr als zwei Stunden sind wir fertig, und Bettyna Pöltl überreicht mir eine Mappe mit einer Frühlingsblume darauf: mein "Personal Guide". Mit seiner Hilfe soll ich mich neu einkleiden. Außerdem rät mir Pöltl, meine Haare in Kupfer zu färben. Die braune Handtasche darf ich behalten. "Vergessen Sie Grau. Darin sind Sie nicht authentisch!", sagt die Imageberaterin noch einmal, als wir uns verabschieden.

Es bleibt ein gutes Gefühl, auch wenn ich nicht viel Neues erfahren habe. Ein schüchterner Bewerber könnte sich nach zwei Stunden Einzelberatung vermutlich sicherer fühlen. Vielleicht aber auch nicht.

Zu Hause schaue ich in meinen Kleiderschrank. Ob ich der Beraterin hätte sagen sollen, dass ich meinen Job bekommen habe, obwohl ich beim Vorstellungsgespräch einen grauen Hosenanzug getragen habe?

 
Leser-Kommentare
  1. und was ist ein 'Bewerber'? Ist das jemand der eine Frau haben möchte?

  2. Seit wann schreibt Die Zeit denn Werbetexte kaschiert als Artikel? Einen etwas reflektierteren Text hätte man schon erwarten können.

    (Anmerkung: Bitte formulieren Sie Ihre Kritik sachlich. Die Redaktion/jk)

  3. wer heutzutage auch nur das Geringste mit HCM - also Human Capital Management - zu tun hat, kennt selbstverständlich den sehr fragwürdigen Begriff des Personality-Stylijng und aller seiner sehr fragwürdigen Derivate.

    Es scheint so zu sein, dass ohne diese Begriffe und das entsprechende Marktinstrumentarium" zu diesen Begrifflichkeiten kein "Bewerber" sei es als Arbeitnehmer oder auch als Politiker oder auch als Manager mehr auskommen könne.

    Dies trifft für den Bereich der Manger und Politiker, bei denen es auf eine positive Breitenwirkung ankommt, (leider) absolut zu.

    Die mittlerweile sogar bereits seitens des Gesetzgebers (SGBIII - SGBII) fast "zwanghafte" Übertragung dieses rein psychologischen Wirkungszusammenhanges auf die Bewerbersituation ist allerdings sowohl rechtlich als auch rein sachlich als sehr fragwürdig einzustufen.

    Hier werden Massnahmen durch gesetzliche "Erzwingung" (Eingliederungsvereinbarung als Verwaltungsakt) veranlasst, die sich durchaus im Bereich verhaltenstherapeutischen Settings bewegen und so notwendig sowohl zustimmungspflichtig sein müssen, als auch notwendig gemäß Therapiegesetz nur von dazu eigens zugelassenen Psychologen durch geführt werden dürfen.

    Wir haben es hier sogar mit Grundrechtsverstößen zu tuen, die massiver nicht sein könnten.

    Diese auf die sogenannte "Optimierende Aktivierung für den Arbeitsmarkt" spezialisierten Psychotechniken haben natürlich als politische Hauptfunktion eine ganz andere Zielsetzung. Es geht dabei primär um Disziplinierung oder deutlicher ausgedrückt um Repression politischer Willensbildung.

    Das kann in all seinen Begründungszusammenhängen hier natürlich nicht ausgeführt werden. Es gibt aber einen sehr deutlichen ZUsammenhang, der kurz
    dargestellt werden kann.

    Was würde die 100%ige Umsetzung der "Optimierenden Aktivierung für den Arbeitsmarkt" denn bewirken? Es würden nicht mehr Stellen besetzt werden können als vorhanden. Es reduziert also die Arbeitslosigkeit nicht. Das weiß jeder.

    Wenn man also bedenkt, was das kostet, muss die Hauptfunktion in einem anderen Bereich liegen.

    Die Hauptfunktion liegt also in der Ermöglichung der Zuweisung einer Subjektivschuldthese am arbeitsmarktlichen "Schikasal" des jeweiligen Betroffenen. Er ist es also selbst schuld, wenn er arbeitslos ist. Damit kann man eine Desolidarisierung der Reservationslöhner erreichen, die eine politische Repression und vollständige Disziplinierung ermöglichen.

    Dass das Ganze funktioniert ist offensichtlich.

    So sieht man, wie selbst ein lächerliches Personality-Styling als "Zwangsinstrumentarium" genutzt, durchaus dem Mittelstand, der über existenzsichernde Arbeitsplätze verfügt, sehr nützlich sein kann.

    Axel Arnold Bangert Herzogenrath 2009

  4. Bedenklich, bedenklich, dass die (vermutete) Kompetenz eines Bewerbers offenbar merh von der Farbe seines Hosenanzugs abhängt als von Quaslifikation, Ausstrahlung und Seriosität. Allerdings scheint es ja auch noch Arbeitegeben mit Gehirn zu geben, wie des der Schreiberin, der sie ja trotz grauem Hosenanzug eingestellt hat.

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    Die richtige Ausstrahlung ist ja nur ein Teil des Bewerberprofils. Ein Teil der mit ein bisschen Anstrengung ohne weiteres perfektioniert werden kann. Ein anderer Baustein ist, zum Beispiel, saubere Rechtschreibung.

    Die richtige Ausstrahlung ist ja nur ein Teil des Bewerberprofils. Ein Teil der mit ein bisschen Anstrengung ohne weiteres perfektioniert werden kann. Ein anderer Baustein ist, zum Beispiel, saubere Rechtschreibung.

  5. Die richtige Ausstrahlung ist ja nur ein Teil des Bewerberprofils. Ein Teil der mit ein bisschen Anstrengung ohne weiteres perfektioniert werden kann. Ein anderer Baustein ist, zum Beispiel, saubere Rechtschreibung.

    • Zapp54
    • 14.08.2009 um 20:09 Uhr

    mem NickName vorstellen und als Pic ein Avatar ??

    Alle sehn GLEICH aus, sagen DAS Selbe/Gleiche, Null EigenAusstrahlung; sind also so GLATT, wie der Personal-Manager.......wie GRAUSAM !!

    "Es ist schon alles gesagt, nur noch nicht von allen." (Karl Valentin)

    • korn24
    • 14.08.2009 um 20:29 Uhr

    so ein pr-text in selbstverliebter ich-form. ein, zwei weitere stimmen, vielleicht auch eine andere testperson als die autorin selbst, hätten dem text gut getan. objektiv ist etwas anderes. mehrwert des textes gleich null.

  6. Immer dieses suggerieren, der Mensch kann alles kontollieren und beherrschen.
    Gott hat, wie auch in der Partnerwahl, in der Berufsfindung für jeden die passende Stelle vorgesehen. Wer also versucht, mit Manipulationen eine Arbeitsstelle zu bekommen, die eigentlich nicht zu ihm passt, schadet sich selber, am meisten dann, wenn er sie wirklich erhält.

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    • E.T.
    • 15.08.2009 um 13:46 Uhr

    das ist wohl eine etwas zu fatalistische Sichtweise...kein Deut besser als der Verlust jeder Selbstachtung durch hirnlose Selbstoptimierungsversuche

    • E.T.
    • 15.08.2009 um 13:46 Uhr

    das ist wohl eine etwas zu fatalistische Sichtweise...kein Deut besser als der Verlust jeder Selbstachtung durch hirnlose Selbstoptimierungsversuche

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